„Bitte leise putzen“: Die Albertina widmet sich der Care-Arbeit

Die Ausstellung „Care Matters“ vereint Arbeiten aus der feministischen Avantgarde mit zeitgenössischer Kunst zum Thema Sorgearbeit.
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Care-Arbeit nennt man heute alle Tätigkeiten des Pflegens, Betreuens und Versorgens. Bezahlte und unbezahlte. Meistens aber vor allem unbeachtete. Die Ausstellung „Care Matters“ (bis 28. Juni) in der Albertina aus Beständen der Sammlung Verbund will das ändern. 50 Objekte befassen sich mit Hausarbeit, Reinigungs- und anderen Dienstleistungen, Kinderbetreuung und Altenpflege – und fast alle stammen von Frauen, was die gesellschaftliche Verteilung dieser Thematik auch schon gut abbildet.

Im ersten Raum stehen vergrößerte, sehr bunte Haushaltsgeräte von Lena Henke, ein vollgeräumter Spülkorb von Nicole Wermers und das Bild einer Herdplatte, auf der passiv aggressiv ein Messer herumliegt (Sophie Gogl), Werken der feministischen Avantgarde der 1970er gegenüber: Etwa Birgit Jürgenssens „Küchenschürze“, ein umhängbarer Herd mit Backofen, aus dem ein fertiges Brot lugt. Kuratorin Gabriele Schor zitierte bei der Presseführung eine Studie, laut der sich in den 50 Jahren zwischen den Kunstgenerationen nur oberflächlich etwas verändert hat: Heute teilen sich zwar 70 Prozent der heterosexuellen Paare die Hausarbeit gerecht auf – allerdings nur bis zum ersten Kind, dann sinkt der Anteil auf fünfzehn Prozent.

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Abgegebenes Baby

In der Frage, wie sich Muttersein und Künstlerinsein vertragen, ist die Britin Hannah Cooke uneins mit ihren Kolleginnen Marina Abramović und Tracey Emin, die keinerlei Vereinbarkeit sehen. Deswegen „setzt“ sich Cooke mit ihrer Tochter Ada im Arm in deren berühmte Arbeiten „The Artist Is Present“ und „My Bed“. Als „historisches“ Pendant ist Renate Bertlmanns Video „Schwangere Braut im Rollstuhl“ (1978) zu sehen, in dem sie ihr live geborenes „Baby“ dem Publikum übergibt, weil die Gesellschaft ihr verunmöglicht, sich anständig selbst darum zu kümmern.

Die Skulptur einer nackten Frau, die auf einem Putzwagerl liegt, von Nicole Wermers – die Gabriele Schor übrigens auf die Idee zu dieser Ausstellung gebracht hat – steht prominent im Raum, der sich „reproduktiver Arbeit“ widmet: Diese leisten Hausangestellte oder Reinigungspersonal.

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Mary Sibande aus Südafrika packt in ihre Fotografie „They don’t make them like they used to“ über den Umgang mit schwarzen Haushaltshilfen, die der Einfachheit halber Sophie genannt wurden, obwohl sie Ntombozi heißen, viel Geschichte ihres Landes: Das blau-weiße Kleid des Dienstmädchens assoziiert die Uniform, die in der Apartheid getragen werden musste. Im selben Blau strickt sie einen Superman-Anzug, der entweder auf die weiße Herrschaft (im doppelten Wortsinn) oder auf ihre unsichtbaren Superkräfte verweist. Denn man wollte gerne nur das Produkt ihrer Arbeit sehen, sie aber besser nicht.

Ähnliches erzählt das Foto „Der Hausmeister und sein Schatten“ von Margot Pilz (1973). Da steht ein Mann lässig an die Wand gelehnt, neben ihm die Gestalt einer Frau in Zofentracht – verschwommen, weil sie sich im Unterschied zu ihm arbeitend bewegt, aber auch, weil sie nicht beachtet wird.

Vergleichsweise wenige Werke widmen sich dem Thema Altenpflege, die Fotos von Akihito Yoshida, der seine Großmutter und seinen bei ihr lebenden Cousin Daiki begleiten, sind aber herzerweichend. Sie zeigen, wie sich die Fürsorge umgedreht hat: Nun hält der Enkel die Oma an der Hand und zieht ihr die Mundwinkel zu einem Lächeln beim Abschied.

„Care Matters“ ist eine abwechslungsreiche, gesellschaftlich ambitionierte Schau, in der auch Humor, wenn auch sarkastischer, aufblitzt. Etwa auf einem von Christine Lederer mit einer Anweisung bemalten Geschirrtuch: „Bitte leise putzen“.

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