Kultur
25.01.2019

"Stadt der Frauen": Gerechtigkeit für die Wiener Moderne

Eine wichtige Schau im Unteren Belvedere hebt vergessene Künstlerinnen aus der Zeit von 1900 bis 1938 auf ein Podest

Namen, Namen, so viele Namen! Der ganze Eingangsbereich des Unteren Belvederes ist mit Namen tapeziert, und die wenigsten davon sagen einem etwas: Marie Olga Brand-Krieghaber, Gertraud Reinberger-Brausewetter, Ilse Twardowski-Conrat oder Fanny Harlfinger-Zakucka sind auch denen, die bereits viele Ausstellungen oder gar Vorlesungen zur österreichischen Kunstgeschichte besucht haben, kaum ein Begriff.

Dass dies so ist, ist ein Skandal – denn wie die Belvedere-Schau „Stadt der Frauen“ (bis 19.5.) überzeugend darlegt, war die Wiener Kunstszene im frühen 20. Jahrhundert ganz maßgeblich auch von Künstlerinnen bestimmt. Allein der Umstand, dass in der legendären, von Gustav Klimt organisierten Kunstschau 1908 ein Drittel der präsentierten Persönlichkeiten weiblich waren, stellt noch so manche Frauenquote im Ausstellungsbetrieb von heute in den Schatten.

Berg von Vorurteilen

Kuratorin Sabine Fellner beschwört aber kein goldenes Zeitalter des Kunstmatriarchats herauf: Frauen wurde um 1900 nicht selten die Fähigkeit zur Kreativität schlechthin abgesprochen, und jene, die ihr Talent beweisen und verwirklichen wollten, hatten neben einem Berg frauenfeindlicher Vorurteile noch einen Spießrutenlauf in der Ausbildung zu überwinden – die Wiener Akademie ließ erst im Wintersemester 1920/’21 Studentinnen zu.

Dennoch verzichtet die Ausstellung nach Möglichkeit darauf, die Künstlerinnenbiografien als Trotzreaktion zur Männerkunstwelt darzustellen, und lässt die Werke weitgehend für sich sprechen. Einige Heldinnen begleiten das Publikum durch die Säle, allen voran Broncia Koller-Pinell, die von den späten 1890er Jahren bis in die 1930er eine erstaunliche stilistische Bandbreite abdeckte: Das Bildnis der Mutter, die Koller in dem von Josef Hoffmann gestalteten Anwesen in Oberwaltersdorf porträtierte, ist pure Wiener Secession, bei der 1908 gezeigten „Ernte“ schaut Gauguin um die Ecke, das 1925 gemalte „Stillleben mit rotem Elefanten“ atmet Fauvismus und Neue Sachlichkeit.

Biografischer Fokus

In Wandtexten zu den Bildern vermisst man mitunter Erläuterungen zu Fragen von Stil oder Inhalt – alles scheint auf die Biografien der Künstlerinnen fokussiert. Eine weitere Einordnung der Werke hätte wohl den Rahmen der Schau gesprengt und das Problem aufgeworfen, dass die Kunst erst recht wieder an männlichen Referenzgrößen (Klimt, Schiele, Van Gogh, Matisse) gemessen würde: Um diese eingefahrenen Bahnen zu verlassen, bedarf es einer ganz neuen Weichenstellung.

Dass die Wiener Künstlerinnen genau wie ihre Kollegen verschiedenste internationale Entwicklungen rezipierten, dabei aber keinen Schritt hinter diesen hinterherhinkten, verdeutlicht die Ausstellungsgeschichte der Werke: So hing etwa das Gemälde „Adolescentia“ von Elena Luksch-Makowsky (Bild unten) 1903 in der 17. Ausstellung der Secession in einem Raum, den Josef Hoffmann extra für das Bild gestaltet hatte. unten

Die Bildhauerin Teresa Feodorowna Ries, die 1896 mit der nun am Eingang der Belvedere-Schau platzierten Marmorskulptur „Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht“ einen Skandal ausgelöst hatte, wurde wiederum von Gustav Klimt 1899 eingeladen, in der Secession auszustellen.

Die Hexenfigur – mit gegrätschten Beinen und irrem Blick – dürfte der männlichen Seherschaft damals einen gehörigen Schrecken eingejagt und möglicherweise die verbreitete Angst vor dem ach so gefährlichen Weib befeuert haben.

Generell aber lässt sich aus dem Schaffen der meisten Künstlerinnen keine Geschlechtsspezifik herauslesen, die Schau erzählt schlicht die Kunstgeschichte einer Epoche: Formale Reduktion, die Verflachung des Bildraums oder ein neues Verständnis in der Darstellung von Volumen lässt sich hier ebenso beobachten wie die Aufladung mit symbolistischen Inhalten oder die Hinwendung zu einer Neuen Sachlichkeit. Solche Veränderungen im Bildverständnis als allgemeine Zeiterscheinungen und weniger als Streiche einzelner Genies zu begreifen, ist eine Lektion, die man aus der Schau mitnimmt.

Heldensagas

Die Frage, warum aber am Ende doch die Handvoll männlicher Genies übrig blieb, nagt auch nach dem Verlassen der Ausstellung weiter. Dass zahlreiche Künstlerinnen nach 1938 flüchten mussten oder – wie Marianne Saxl-Deutsch, Helene von Taussig oder Friedl Dicker – in Konzentrationslagern ermordet wurden, ist ein Teil der Geschichte.

Der andere ist, dass sich auch die Geschichtsschreibung der Nachkriegszeit eher damit aufhielt, einzelne Heldengeschichten festzuschreiben, als die Vielfalt und Diversität des geistigen Lebens der Wiener Moderne adäquat zu würdigen. Die Ausstellung „Stadt der Frauen“ mit ihrer begleitenden Publikation (Prestel Verlag, 36 €) ist in diesem Zusammenhang eine wichtige, ja notwendige Sache. Über die meisten Personen, deren Namen man nun erstmals liest, gäbe es freilich noch viel mehr zu erzählen.