© Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Kritik
11/24/2019

"König Karotte" an der Volksoper: Der Aberwitz hat Methode

„König Karotte“ von Jacques Offenbach an der Wiener Volksoper – ein auch exaltierter Spaß der Superlative.

von Peter Jarolin

Sie mögen kein Gemüse? Sie sind kein Vegetarier oder gar Veganer? Macht doch nichts! Denn dieses Gemüse, das an der Wiener Volksoper in der Neuproduktion von Jacques Offenbachs „König Karotte“ die Macht übernimmt, steht wirklich im Saft und hat sehr viel (musikalisches wie szenisches) Fleisch in sich.

Denn „König Karotte“ (Libretto: Victorien Sardou) ist vieles. Eine „komische Zauberoper“, eine wahnwitzige Mixtur aus Oper, Operette, Revue und politischer Parabel, eine groteske, nicht immer der Logik verpflichtete Szenenfolge skurriler Situationen – kurzum also ein Werk, das sich gar nicht so leicht fassen lässt.

Regisseur Matthias Davids, seinem kongenialen, weil extrem filmisch operierenden Ausstatter Mathias Fischer-Dieskau und der Kostümbildnerin (was für eine herrlich gearbeitete, bunte, fantastische Optik!) Susanne Hubrich aber ist es gelungen, dieses Stück perfekt in den Griff zu bekommen. Denn jedes Theater ist immer auch eine Behauptung.

Donald und Boris

Und so wird einfach behauptet, dass der verschwenderische Müßiggänger Prinz Fridolin von Krokodyne gestürzt (und letztlich geläutert) werden muss. Dass die böse Hexe Kalebasse einen Gemüsegarten zum Leben erweckt und eine Karotte – Ähnlichkeiten mit Donald Trump oder Boris Johnson sind rein zufällig – als Herrscher inthronisiert. Dass die überdrehte Prinzessin Kunigunde zur Karottenfrau mutiert. Dass die liebliche Rosée-du-Soir mit Fridolin ins Reich der Ameisen und der Affen zieht. Oder dass Karotte ohne seinen stramm nationalen, jedoch situationselastischen Geheimdienstchef „nach links zu kippen“ droht. Auch das legendäre Pompeji (Zeitreisen sind Teil der Geschichte) muss untergehen, ein magischer Ring wird gefunden, ein Kleeblatt und ein Affe sorgen letztlich für das Happy-End.

Irre Wundertüte

Eine theatralische Wundertüte, die unendlich viel Spaß macht, die an der Volksoper – die Staatsoper Hannover fungierte als Kooperationspartner – in perfekter Weise umgesetzt wird. Auch in musikalisch-spielerischer Hinsicht. Denn am Gürtel sind tolle Singschauspieler am Werk. An der Spitze: Sung-Keun Park als grandioser, aber letztlich doch vor sich hin welkender König Karotte, gefolgt von Mirko Roschkowski als auch vokal imponierender, naiver Prinz Fridolin.

Ein Genuss auch die Damen: Amira Elmadfa in der Hosenrolle des guten Geistes Robin beeindruckt stimmlich wie darstellerisch. Johanna Arrouas ist eine quirlig-entzückende Rosée-du-Soir und Julia Koci eine köstlich exaltierte, Justin Bieber anhimmelnde Kunigunde. Als Hexe Kalebasse (und als alter Zauberer Quribibi) liefert Christian Graf ein Gustostück ab; Marco Di Sapia, Yasushi Hirano, Josef Luftensteiner, Boris Eder, Jakob Semotan oder Martina Dorak als Brigadeführerin („Hojotoho!“) der Ameisen führen ein großartiges Ensemble an.

Dazu kommen Chor (Einstudierung: Holger Kristen) und Ballett (Choreografie: Kati Farkas) des Hauses, die ihre großen, szenisch bewusst schrillen Momente haben. Ebenso wie das sehr gute Orchester unter der kundigen Leitung von Guido Mancusi, der alle Offenbach-Melodien samt Zusatz-Couplets (es gibt ja auch die Casinos-Affäre) zum Klingen bringt. Das Premierenpublikum jubelte! Oder, um es mit Karl Farkas zu sagen: „Schau’n Sie sich das an!“