Ex-Albertina-Chef: "Wir haben die Friedensdividende verbraucht"
Just zu seinem Siebziger im vergangenen Herbst wurde der Kunsthistoriker Geschäftsführer des Wiener Aktionismus Museums.
KURIER: Neuer Fulltime-Job statt Pension?
Klaus Albrecht Schröder: Mein Ziel war eigentlich, nach dem Ende der Albertina nur noch 40 Stunden in der Woche zu arbeiten – und dann mit 75 Jahren 20. Ich habe nicht damit gerechnet, gleich nach meinem Ausscheiden aus der Albertina attraktive Angebote zu erhalten, für die ich aber nach Deutschland oder in die Schweiz hätte übersiedeln müssen. Das wollte ich nicht mehr. Mein Lebensmittelpunkt ist Wien. Die Neugestaltung des Wiener Aktionismus Museums trifft ideal auf meine Fähigkeiten und Bedürfnisse.
Ist Ihr Motto „think big“? Das Aktionismus-Museum wird gerade groß umgebaut.
Es reizt mich, etwas nicht nur zu verwalten, das bereits erfolgreich ist, sondern es neu zu positionieren, um es zum Erfolg zu führen.
Das Museum hat 2022 die Sammlung Friedrichshof der „Mühl-Kommune“ gekauft. Wie geht man mit einem pädophilen Künstler um?
So groß meine Abneigung gegen den Machtmissbrauch von Otto Muehl ist, so sehr respektiere ich sein künstlerisches Werk. Wir brauchen nicht zum 100. Mal wiederholen, dass sich Otto Muehl an Minderjährigen vergangen hat und dafür zu Recht bestraft wurde. Erforschen sollte man die 70er- und 80er-Jahre, die unter dem Prätext der sexuellen Revolution diesen Machtmissbrauch salonfähig gemacht haben: von politischen Parteien über psychotherapeutische Großtheorien bis zu neuen gesellschaftlichen Utopien wie dem Kommune-Wesen. Hier gab es Hunderte Mittäter und Mittäterinnen, aktive und passive. Muehl war nur die Spitze eines Eisbergs.
Das von Ihnen gegründete Kunstforum ist sang- und klanglos verschwunden. Schmerzt Sie das?
Zur selben Zeit, als ich nach über einem Vierteljahrhundert die Albertina verlassen habe, wurde das Kunstforum, das ich 1985 gegründet habe, nach 40 Jahren geschlossen. Damals hatte es als erfolgreichstes Ausstellungshaus Österreichs noch ein Alleinstellungsmerkmal. Nach dem Jahrhundertwechsel sind dem Kunstforum mit der Albertina, dem Belvedere, dem KHM und dem Mumok Mitbewerber erwachsen, die nach der Ausgliederung aus der Ministerialverwaltung nicht nur größer waren, sondern auch noch über Sammlungen für den Austausch von Leihgaben verfügt haben, die dem Kunstforum fehlen. Dazu kam nach dem Signa-Zusammenbruch der Wegfall eines Sponsors. Das Kunstforum wurde der Bank Austria schlicht zu teuer. Das Kunstforum fehlt der Stadt, es ist von Ingried Brugger hervorragend und mutig geführt worden.
War die Museen-Ausgliederung durch die damalige Kunstministerin Elisabeth Gehrer ein Erfolgsfaktor?
Der Erfolgsfaktor schlechthin. Dass heute deutsche Museen gegenüber den österreichischen ins Hintertreffen geraten sind, liegt daran, dass dort der Schritt in die Vollrechtsfähigkeit nicht gewagt wurde. Elisabeth Gehrer hat uns diesen neuen Handlungsspielraum ohne Abstriche oder Interventionen eingeräumt. Als ich die Veränderungen der Albertina nach außen mit dem 70 Meter langen Flugdach von Hans Hollein sichtbar machen wollte, hat sich dagegen eine Unterschriftenaktion mit Christiane Hörbiger an der Spitze gebildet. Gehrer hat nur festgestellt, dass der neue Aufgang zur Albertina den Steuerzahler nichts koste und gesetzeskonform sei. Der Rest liege in meiner Verantwortung. Ich bin ihr bis heute für dieses Vertrauen dankbar.
Zum ausführlichen Salon Salomon mit Klaus Albrecht Schröder
Viele Ihrer Aktionen waren umstritten, es gab zum Beispiel Probleme bei der Leihgabe des Dürer-Hasen. Hat Sie manche Kritik verletzt?
Vielleicht habe ich mich anfangs manchmal unfair behandelt gefühlt. Mit der Zeit wurde ich nicht nur unempfindlicher, sondern durch den Zuspruch von vielen Millionen Besuchern reichlich belohnt: Das tröstet in grauen Stunden. Wenn man in der Auslage steht, sollte man sich nicht beschweren, wenn ab und zu einer gegen die Scheibe spuckt.
Ecken Sie gerne an?
Nein. Ich strebe stets nach Übereinstimmung, keineswegs nur zu meinen Gunsten. Einem Streit versuche ich so lange wie möglich auszuweichen. Aber wenn er unvermeidlich ist, will ich ihn nicht als Opfer verlassen.
Sie hatten einen legendären Streit mit Operndirektor Bogdan Roščić, weil Sie in der Pandemie meinten, man könne die Theater zusperren.
Helga Rabl-Stadler hatte damals gemeint, Kultur sei ein Lebensmittel wie Brot: unverzichtbar, was immer die Pandemie erfordere. Diese Hybris eines elitären Kunstanspruchs habe ich relativiert. Der damals neue Direktor der Staatsoper hat das zum Anlass genommen, etwas an Statur und Terrain zu gewinnen. Das ist längst aus dem Weg geräumt.
Ist Kultur in Wien wichtiger als anderswo?
Als Museumsdirektor sage ich: Ja, Gott sei Dank. Als Staatsbürger füge ich hinzu: Wir haben vielleicht ein Klumpenrisiko. Nach Wien fährt man der Kunst, der Kultur, der Geschichte wegen. Daher verschlafen wir ein bisschen die Modernisierung. Wir haben die Friedensdividende ja nicht in neue Technologien oder in die Wirtschaft investiert, sondern durch einen gut verteilten Wohlstandspolster verbraucht. Kunst und Kultur wären mir genauso willkommen, wenn es daneben auch die gleiche Obsession für Technologie, Wissenschaft und Forschung gäbe. Vielleicht ist das Erdöl Venezuelas in Österreich „Musik, Literatur und Kunst“. Angesichts dieses Überflusses vernachlässigt man die Förderung anderer Branchen.
Hat man Sie jemals gefragt, ob Sie in die Politik gehen wollen?
Kurz vor der ersten schwarz-blauen Koalition hatte Bundeskanzler Viktor Klima die naive Idee einer Expertenregierung und dafür Persönlichkeiten öffentlich lanciert, die von beiden Großparteien geschätzt wurden: von Claus Raidl bis zu mir.
Wie haben Sie es als Oberösterreicher geschafft, so zu klingen, als wären Sie in Wien geboren?
Tatsächlich habe ich mit 16 Jahren gegen den Kult um den „Hoamatland-Dialekt“ des Stelzhamer-Bundes eine Aversion entwickelt. Bei uns zu Hause wurde weitgehend sogenanntes Burgtheater-Deutsch gesprochen. Daher konnte ich als Student der erste ORF-Nachrichtensprecher ohne Schauspielausbildung werden.
Sie haben einen Shitstorm geerntet, weil Sie sich einmal über den Dialekt lustig gemacht haben.
Ich habe mehrere Shitstorms geerntet, ohne mich je über den Dialekt lustig gemacht zu haben. Das überlasse ich Kabarettisten, deren Witz allein darauf beruht, Menschen nachzuäffen und für dumm zu erklären, weil sie im Dialekt reden. Das allein ist mir nicht lustig genug. Die FPÖ hat damals verlangt, mir die Staatsbürgerschaft abzuerkennen.
Sind Sie ein Menschenfreund?Ja, wenn Menschenfreund auch einer sein kann, der gerne allein ist.
Der erfolgreiche Modernisierer Schröder leitete das Kunstforum, bevor er aus der verstaubten Albertina ein international beachtetes Museum formte. Seit Herbst leitet er das Wiener Aktionismus Museum, das am 25. 3. nach Umbau wiedereröffnet wird.
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