Optimistisch in die neuen Zeiten: Albertina-Chef Ralph Gleis im Gespräch

ALBERTINA: RALPH GLEIS
Der Generaldirektor, seit gut einem Jahr im Amt, sieht sein Jubiläumsprogramm auch als politisches Zeichen im Sinne der Aufklärung.

Sein Büro hat Ralph Gleis mit hellen Wänden und geometrisch-abstrakten Gemälden neu gestaltet. Vernunft und Klarheit findet sich auch im Programm – wobei Emotion nicht zu kurz kommen soll.

KURIER: Was feiert die Albertina heuer eigentlich? 1776 wurde das Palais von Herzog Albert und seiner Frau Marie Christine ja noch gar nicht bewohnt.

Ralph Gleis: Es ist das Datum der Sammlungsgründung, das wir zum Anlass nehmen. Das Paar hat sich diese sehr bewusst überlegt: Man wollte in typisch aufklärerischer Manier eine Studiensammlung anlegen, die alle Größen der Kunst vor Augen führt. Dieser aufklärerische Impetus bedeutet für uns eine Verpflichtung für heute, wie auch für die Zukunft. Es ging darum, Menschen für Kunst zu begeistern und den Effekt des Lehrreichen mitzuliefern.

In einer früheren Publikation zur Sammlungsgeschichte steht aber auch: „Der aufgeklärte Mensch war kein moderner Mensch“. Die Idee, dass man mit Hinblick auf eine allgemeine Zugänglichkeit, demokratisch für die Öffentlichkeit sammelt, dürfte dem Herzog eher fremd gewesen sein.

Unser Blick auf die Aufklärung ist schon, dass dort viele Dinge grundsätzlich verankert sind, die unser heutiges Verständnis von Demokratie, von Bildung, auch von ethischen Normen gesetzt haben. Man kann aber die Zeiten nicht einfach übereinanderlegen und sagen, dass damals alles genauso gedacht war, wie es heute gelebt wird. Ich sehe aber durchaus einen Auftrag, dass sich die Albertina an alle richtet.

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Wir erleben gerade, wie die Smithsonian-Museen in den USA dazu gedrängt werden, das 250-Jahr-Jubiläum der USA in einem der Trump-Regierung genehmen Licht darzustellen. Sehen Sie da eine Notwendigkeit, das politische und emanzipatorische Moment an so einem Jubiläum extra zu betonen?

Unser Programm verstehe ich als Ausdruck dieses demokratischen Gedankens. Der größte Fehler, den man machen kann, ist, sein Publikum zu unterschätzen. Unsere Ausstellungen scheuen keine Komplexität, sondern regen zur Auseinandersetzung damit an. Daher setzen sie ein Zeichen gegenüber der Simplifizierung und dem Versuch, eine eindeutige Lesart von Gegenwart oder Geschichte zu haben, die möglicherweise auch noch politisch vorgegeben ist.

Welche Signale senden in diesem Zusammenhang die Prunkräume der Albertina? Hier gab es immer wieder die Kritik, dass vieles nicht original sei und eher eine historische Fiktion vermittle.

Man darf diese Räume in ihrer Funktion für das Museum nicht gering schätzen. Viele Besucherinnen und Besucher wollen in der Albertina auch die historische Dimension erleben. Natürlich sind uns die Brüche in der Baugeschichte sehr bewusst. Diese werden wir unter anderem in unserer Jubiläumsausstellung darstellen. Mir scheint allerdings, es wird da ein Gegensatz konstruiert, den es gar nicht gibt: In einem Museum können Sie „Imperial State Rooms“ besuchen und dann in einer Ausstellung in einen anderen Zeitabschnitt eintauchen. Das ist eine Zeitmaschine, die gut funktioniert.

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Was mir als Besucher oft fehlt, sind Orte, an denen man verweilen kann. 

Da sprechen Sie etwas an, dass auch mir wichtig ist. Wir wollen an geeigneten Stellen etwas umbauen, damit die Verweilqualität erhöht wird. Ich würde aber aus der eigenen Beobachtung sagen, dass gerade die Prunkräume eine ausgesprochene Ruhezone im Museum sind.

Wissen Sie aus der Besucherforschung, wie das jüngere Publikum Kunst betrachtet?

Die Ausstellungen „Gothic Modern“ und „Faszination Papier“ können Sie als programmatisch sehen: Da wollte ich eine Richtung vorgeben, wie man mit Räumen und den Objekten anders umgehen kann. In der Sammlungspräsentation „Faszination Papier“ können die Besucher:innen sich auch einmal unter ein Kunstwerk von Anselm Kiefer legen oder von einem Podest aus mit dem Fernrohr einzelne Häuser auf einem historischen Stadtplan von Paris ansehen. Dieses Angebot wird von Jüngeren innen ganz selbstverständlich angenommen. Das Publikum ist durchaus experimentfreudig – da brauchen wir uns gar nicht so viele Sorgen zu machen. Das Museum ist auch in digitalen Zeiten ein Ort emotionaler Erlebnisse – eine Gefühlswelt, die sich im direkten Kontakt und in der Auseinandersetzung mit Kunstobjekten im Raum auftut. Das Digitale verstärkt vielleicht sogar noch das Verlangen nach dem Echten.

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Wird die Albertina Modern so angenommen, wie Sie sich das wünschen? Bei den Besuchszahlen gab es nach 2023 (236.387 Besuche) wieder Rückgänge (2024 kamen 186.259).

…und 2025 wiederum mit 210.818 Besuchen ein Plus von 13,2 Prozent. Bei einer Größenordnung um die 200.000 Besuche haben Sie eben manchmal eine Ausstellung, die besser, und eine andere, die schlechter läuft – und schon haben Sie solche Schwankungen. Ich finde, das ist für so eine Größe völlig normal. Ich bin mit der Performance der Albertina Modern sehr zufrieden. Wir sind quasi aus dem Stand das erfolgreichste österreichische Museum für zeitgenössische Kunst geworden. Heuer zeigen wir eine spannende Ausstellung zur Tanzfotografie und dann „KAWS. Art & Comix“ – ein Feuerwerk von allergrößter Kunst. Ich möchte auch den Kunstort Karlsplatz noch mehr beleben, und so zeigen wir im Herbst dann Franz West in Kooperation mit dem Wien Museum.

Bei den Einzelausstellungen standen 2024 zehn Männer einer Frau gegenüber. 2025 war das Verhältnis …

… sogar umgedreht! Wir hatten sieben monografische Ausstellungen zu Künstlerinnen. Das war ein bewusster Schritt und wurde aus der Beobachtung abgeleitet, dass die männliche Dominanz sehr stark war. Wir befragen in diesem Kontext auch die historische Sammlung neu, um vermehrt Künstlerinnen sichtbar zu machen und Lücken zu benennen. Wir haben bereits über 5.000 Werke von Künstlerinnen aus der Zeit vom 15. bis zum 20. Jahrhundert zusammengetragen und werden heuer daraus eine Auswahl zeigen. Neben Angelika Kauffmann bis Käthe Kollwitz gibt es Neuentdeckungen wie Gertraud Reinberger-Brausewetter. Sicherlich werden in Zukunft aus dieser Forschung noch Einzelausstellungen hervorgehen.

Sie haben bereits ein ambitioniertes Programm vorgelegt, auch die Zahl der Ausstellungen nimmt nicht ab. Wie ist Ihr mittelfristiger Ausblick, um das Level halten zu können?

Wir müssen alle sparen – auch im Kulturbereich. Aber ich bin Optimist, dass wir durch unsere Sparanstrengungen auch weiterhin Zukunft gestalten und ein attraktives Programm für unser Publikum erstellen werden. Selbstverständlich wird eine Kürzung der Basisabgeltung aber auch für die Albertina Auswirkungen auf die Ausstellungen haben. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Sammlung und Forschungsprojekte sind abhängig von der personellen Ausstattung und Projektmitteln. Internationale Kooperationsprojekte verlangen eine langfristige Planbarkeit und teils erhebliche Mittel. Wenn wir starke Sparmaßnahmen zu vertreten haben, müssen wir gegebenenfalls auch das Angebot anpassen.

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