Kultur
18.06.2018

Kaup-Hasler: „Ich komme aus der Kunst und bleibe ihre Agentin“

Veronica Kaup-Hasler bringt eine erfrischende Note in die Politik: Als Kulturstadträtin lädt sie zum „wilden Denken“ ein.

KURIER: Wie wird man als Kulturmanagerin Stadträtin?

Veronica Kaup-Hasler: Am 11. Mai – ich war gerade in Athen – rief mich Wohnbaustadtrat Michael Ludwig an. Das war ein Freitag. Er fragte mich, ob ich für die Stadt Wien arbeiten will. Ich fragte: Als was denn? Die Institutionen sind ja alle besetzt. Er sagte: Als Kulturstadträtin. Ich musste herzlich lachen und meinte, wir könnten uns ja gerne einmal kennenlernen. Er meinte, dass er meinen Werdegang verfolgt hätte – und dass bereits am Montag die Pressekonferenz sei. Er gab mir drei Stunden. Aber bereits nach einer halben Stunde sagte ich ja. Die Möglichkeit, Wien mitzugestalten, ergibt sich nur einmal im Leben.

Dass Sie nicht bei der SPÖ sind?

War meine Voraussetzung. Ludwig fragte mich nach meinem Verhältnis zur Sozialdemokratie. Es gibt viele Werte, die ich mit ihr teile. Dennoch möchte ich auf meiner Unabhängigkeit beharren. Das hat Ludwig akzeptiert. Und das war für mich ein weiteres Argument, ja zu sagen. Wenn ich mir nun die neue Stadtregierung anschaue: Das sind Menschen, mit denen ich wirklich gerne im Team arbeite. Auch deshalb, weil Ludwig bewusst Experten von außen hereingeholt hat, also Peter Hanke und Peter Hacker.

Im Gegensatz zu Hacker und Hanke, die für städtische Unternehmen gearbeitet haben, kommen Sie von ganz außen. Könnte es nicht schwierig werden, keine Hausmacht zu haben?

Es kann auch ein Vorteil sein. Man hat zwar keine Seilschaften, aber auch keine Altlasten. Ich komme eben direkt aus der Kunst – und bleibe ihre Agentin. Wenn nun auch nicht mehr unmittelbar, sondern aus der Distanz. Ich sehe die Kulturpolitik im Grunde genommen als ein erweitertes Aktionsfeld.

Und wie stellt sich dieses Feld nun, nach einem Monat, dar?

Es gibt viele Baustellen. Ich springe zwischen unterschiedlichen Themen – von architektonischen Fragestellungen bis zum Film – hin und her. Das ist ein unglaublicher Tanz. Aber er macht Freude.

Gehen wir doch die Baustellen durch. Beginnen wir mit der Kunsthalle Wien. Als Einstandsgeschenk dürfen Sie eine neue Leitung bestellen.

Ja, da hat sich mirakulöserweise ein weiteres Feld eröffnet. Direktor Nicolaus Schafhausen hat am Tag vor meiner Angelobung seinen Rücktritt erklärt.

Er argumentierte mit dem Rechtsruck hierzulande. Doch seine Budgetverhandlungspartner können nicht einmal in der Theorie die Freiheitlichen sein.

Seine Argumentation scheint leicht paradox. Ich persönlich würde mich anders verhalten und die politische Situation auf Bundesebene als Herausforderung empfinden. Das ist auch eine Begründung für meine jetzige Funktion. Es geht darum, klare Zeichen zu setzen – für eine Gesellschaft, die andere Werte teilt und utopische Visionen verfolgt. Aber ich respektiere Schafhausens Entscheidung und werde Experten zu einer Reflexion über die Kunsthalle einladen: Welches Profil müsste sie haben, um interessant zu sein? Welchen Auftrag sollte sie haben? Ich will zum wilden Denken einladen. Auch der Standort soll infrage gestellt werden: Ist eine Kunsthalle, versteckt hinter der Winterreithalle, im Museumsquartier sinnvoll? Erst wenn Resultate vorliegen, soll eine Ausschreibung erfolgen. Wir haben zum Glück Zeit. Denn Schafhausen konzipiert das Programm bis Ende 2019.

Neben der Kunsthalle liegt das Volkstheater, das nun erst 2019 saniert wird. Es kämpft mit groben Auslastungsproblemen.

Ich kenne Anna Badora schon lange. Eben weil sie vor dem Volkstheater das Grazer Schauspielhaus geleitet hat. Ich finde es bedauerlich, dass ihre Arbeit hier nicht im gleichen Maße geschätzt wird. Die Frage, ob ihr Vertrag verlängert wird oder nicht, ist offen. Wir reden intensiv – und wissen, dass der Zeithorizont knapp bemessen ist.

Nicht weit weg in Richtung Karlsplatz ist das Büro der Wiener Festwochen. Viele sind unzufrieden mit dem Programm von Tomas Zierhofer-Kin, manche fordern sogar seine Ablöse.

Ich werde erst nach Ende der heurigen Festwochen, also nach dem 17. Juni, mit ihm sprechen. Das Festival präsentiert auch heuer viele interessante Künstler. Man muss sich aber generell die Frage stellen, inwieweit der Grundauftrag gut erfüllt wird. Ich unterstütze und helfe gerne.

Ursula Pasterk, Kulturstadträtin von 1987 bis 1996, war auch Intendantin und Präsidentin der Festwochen. Da Sie einst als Dramaturgin für das Festival gearbeitet haben: Wäre eine Doppelfunktion denkbar?

Das wäre Humbug. Noch ist die Pille nicht erfunden worden, mit der man zwei Fulltime-Jobs machen kann.

Ihr Aufgabengebiet ist weit kleiner als jenes Ihres Vorgängers. Andreas Mailath-Pokorny war auch für Sport und den Presseinformationsdienst zuständig.

Come on! Kunst, Kultur und Wissenschaft reichen völlig aus, um einen erfüllten Arbeitstag zu haben! Meine Liebe zu den Wienerinnen und Wienern ist zu groß, als dass ich hätte das Sportressort übernehmen wollen.

Gleich neben den Festwochen liegt das Büro der Vereinigten Bühnen Wien. Wenn man sich Ihre Biografie anschaut: Mit Musical haben Sie nichts am Hut.

Ich nähere mich mit Interesse dem mir noch Fremden!

Die VBW erhalten fürs Musical pro Jahr knapp 20 Millionen Euro. Die freie Szene bekommt hingegen nur einen Bruchteil dieser Summe – und führt Klage.

Mein Anliegen ist es, diesen Gap zu verkleinern. Das heißt aber nicht, dass ich den einen etwas wegnehme. Aber vielleicht bekommen die anderen mehr.

Das heißt: Das Kulturbudget wird erhöht werden?

Wie Sie wissen, ist das Kulturbudget im letzten Jahrzehnt gleichgeblieben – in einer Stadt, die sich rasant entwickelt. Und: 75 Prozent aller Touristen geben an, dass sie wegen Kunst und Kultur nach Wien kommen. Kultur ist ein unglaublich attraktives Tool, das im Vergleich nur einen geringen Betrag des Gesamtbudgets erhält. Zudem bildet Kultur die Identität dieser Stadt. Es geht ja nicht nur darum, das Erbe zu erhalten, man muss auch neue Akzente setzen und Entwicklung ermöglichen. Das ist auch der Grund, warum ich jetzt hier sitze. Sagen wir so: Ich arbeite daran, dass es eine finanziell adäquate Ausstattung für das vielfältige kulturelle Leben gibt.

Wandern wir zum Karlsplatz. Das Wien Museum wartet auf die Sanierung und den Ausbau.

Ende Juni wird die Flächenwidmung beschlossen – sie ist die Voraussetzung für den Baubescheid. Ich möchte mich mit allen Beteiligten möglichst rasch zusammensetzen; die Ausschreibung muss fehlerlos sein, der Bau einem strengen Qualitätsmanagement unterliegen.

Der Boulevard bezeichnet den Aufbau als „fette Matratze“, man verlangt einen Neustart. Sie bekennen sich aber zum beschlossenen Projekt?

Ja. Ich finde, dass der Entwurf mit all den Schwierigkeiten – vom denkmalgeschützten Haerdtl-Bau bis zur Karlskirche – subtil umgeht. Zudem deckt er die funktionalen Bedürfnisse des Museums ab. Und man kann entspannt sein: Es wird ja nicht der erste Entwurf umgesetzt; der Aufbau wird durchaus etwas Leichtes und Schwebendes bekommen.

500 Meter weiter liegt der Heumarkt. Investor Michael Tojner will ein Hochhaus errichten, die UNESCO hat daher Wien auf die Rote Liste gesetzt. Es droht die Aberkennung des Weltkultur-Status. Wie gehen Sie als Kulturpolitikerin damit um?

Wir müssen, denke ich, die Balance hinkriegen, eine dynamische Stadt zu sein – und gleichzeitig das Weltkulturerbe zu erhalten. Schauen Sie sich doch an, mit welchen architektonisch großen Gesten François Mitterrand Paris verändert hat, auf die man jetzt stolz ist.

Tojner ist aber nicht der Staat. Die Frage lautet, ob nahe der Innenstadt Projekte realisiert werden sollen, die nicht der Allgemeinheit, sondern nur der Profitmaximierung dienen?

Ich finde, dass die Stadt Wien klare Limits für private Investoren setzen muss, um ihre eigenen Interessen zu wahren. Aber die gibt es ja. Ich glaube, dass intelligente Lösungen gefunden werden können, die architektonisch interessant sind und alle Anforderungen erfüllen, ohne über die Dimension der Höhe markant zu sein.

Gehen wir nun weiter – in die Außenbezirke.

Ich stelle gerade mein Team zusammen – und werde eine eigene Referentin für die bevölkerungsstarken, flächenmäßig großen Bezirke haben. Es interessiert mich allerdings überhaupt nicht, dort irgendwelche Kunst-Haufen hinzusetzen oder sogenanntes „niederschwelliges“ Programm anzubieten. Wir wollen daher einen gut dotierten Call für interdisziplinäre Kunstprojekte in diesen Bezirken veröffentlichen. Ich möchte partizipative Modelle entwickeln lassen und die dort lebenden Menschen einbeziehen. Wir müssen zu den Leuten gehen – mit Respekt und Interesse für deren Lebenswelten. Du musst in einen Dialog treten. Und man darf nicht mit einer kolonialen Geste auftreten. Da werde ich als Stadträtin zur Intendantin. Denn ich weiß aus der Erfahrung beim „steirischen herbst“, wie man vorgeht.