APA13595098-2 - 07072013 - KLAGENFURT - ÖSTERREICH: ZU APA 0088 KI - Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowskaja und 3sat-Preisträger Benjamin Maack am Sonntag, 07. Juli 2013, anl. der Preisverleihung im Rahmen der "37. Tage der deutschsprachigen Literatur" in der Lesearena des ORF-Theaters in Klagenfurt. APA-FOTO: GERT EGGENBERGER

© APA/GERT EGGENBERGER

Kultur
07/07/2013

Katja Petrowskaja gewinnt 37. Bachmann-Preis

Die gebürtige Ukrainerin konnte die Jury überzeugen. Österreicherin Nadine Kegele mit Publikumspreis geehrt.

Mit einer souveränen Siegerin und einer gesicherten Zukunft ist am Sonntag das 37. Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis im Klagenfurter ORF-Theater zu Ende gegangen. Die aus Kiew stammende und in Berlin lebende Katja Petrowskaja holte sich gleich in der ersten Abstimmung den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz verkündete: "Der Bachmannpreis bleibt." Und er bleibt auch im Fernsehen, die Tage der deutschsprachigen Literatur werden auch 2014 von 3sat übertragen.

Petrowskajas Text "Vielleicht Esther" ist, so der wie immer souveräne Juryvorsitzende Burkhard Spinnen, eine "Aneignung der Vergangenheit durch die Nachgeborenen". Die Autorin erzählt darin mit großer sprachlicher Eleganz von ihrer Urgroßmutter, die 1941 in Kiew von den Nazis erschossen worden ist. Sie nimmt sich des schweren Themas dabei mit einer Leichtigkeit an, die erstaunt. Keine Spur von Pathos oder Larmoyanz, keine Rede von Betroffenheitsliteratur, erzeugt der Text trotzdem oder vermutlich gerade deshalb Betroffenheit. Jurorin Hildegard Keller, die Petrowskaja eingeladen hatte, war denn auch voll des Lobes für ihre Autorin, aber nicht nur sie. Nach Olga Martynowa im vergangenen Jahr hat somit erneut eine Autorin aus dem slawischen Kulturkreis gewonnen, was bis zu einem gewissen Grad ja auch schon für die Preisträgerin 2011 gilt, denn Maja Haderlaps Erst- und Lyriksprache ist das Slowenische.

Hohes Qualitätsniveau

Hinter Petrowskaja reihten sich Verena Güntner, Benjamin Maack und Heinz Helle als weitere Preisträger ein, die allesamt technisch einwandfreie Arbeiten präsentierten, da geht es gleich zweimal um pubertierende Jugendliche (Güntner, Maack) und um eine Beziehungsgeschichte. "Typische Klagenfurt-Themen", meinte ein deutscher Beobachter, der seit vielen Jahren zum Wettbewerb kommt. Auffallend war, dass es die ausgewählten Texte samt und sonders ein recht hohes Qualitätsniveau aufwiesen, Totalabstürze waren denn auch die Ausnahme.

Die Jury agierte sachkundig, die Diskussionen waren lebhaft und durchaus kontrovers, wobei die Performance des neuen Jurors Juri Steiner besonders hervorzuheben ist. Am ersten Tag noch ein wenig zurückhaltend, fügte er sich bereits am Freitag nahtlos in die Gruppe ein und lieferte profunde Analysen der vorgetragenen Literatur. Er zeigte sich auch sehr angetan vom Wettbewerb und würde gerne wiederkommen, "wenn ich eingeladen werde". Der neue Organisator des Wettbewerbs, Horst L. Ebner, bestand seine Feuertaufe, die vier Tage liefen wie am Schnürchen ab, über weitere Verbesserungen will er in den nächsten Monaten nachdenken.

Publikumspreis an Nadine Kegele

Die österreichischen Teilnehmerinnen schnitten beim Wettlesen nicht so gut ab, Nadine Kegele kann sich aber wenigstens mit dem Publikumspreis trösten, den sie zur Überraschung vieler abräumte. Cordula Simon nahm es sportlich und erklärte, sie würde gerne wiederkommen. Für Joachim Meyerhoff hat sich der Ausflug nach Klagenfurt nicht wirklich ausgezahlt, der mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte Schauspieler schaffte es zwar auf die Shortlist, fuhr am Ende aber mit leeren Händen nach Hause.

Nicht leer ausgegangen ist der Wettbewerb, um dessen Fortbestand angesichts des Sparzwangs beim ORF man zittern hatte müssen. Wrabetz traf sich am Sonntag noch mit Landes- und Stadt-Verantwortlichen, um anschließend weißen Rauch aufsteigen zu lassen. Der Bachmann-Preis wurde vom Streit um die Gebührenrefundierung abgekoppelt. Sollte die Politik diese nicht gewähren, wird der Fehlbetrag durch Sponsoren ausgeglichen. Jurychef Burkhard Spinnen meinte in seinen Abschlussworten denn auch, er habe diesmal nichts vorbereitet, "weil ich mal abwarten wollte, worüber ich sprechen muss". Es habe eine Welle der Solidarität gegeben, von der Politiker wohl träumen würden.

Katja Petrowskaja

Als der Reaktor von Tschernobyl explodierte, war Katja Petrowskaja 16 Jahre alt. Ihre Eltern schickten sie nach Deutschland, damit sie den Folgen der Atomkatastrophe entkommen möge. Anfangs war sie der Sprache nicht mächtig, das hat sich radikal geändert, wie sich bei den 37. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt gezeigt hat, wo Petrowskaja den Bachmann-Preis mit ihrer Erzählung "Vielleicht Esther" souverän gewonnen hat.

Die 1970 geborene Literatin und Journalistin zeigte sich sehr überrascht über ihren Erfolg. Sie hätte nicht mit so viel Lob gerechnet, meinte sie nach der Preisverleihung und fügte hinzu: "Ich hätte mir eigentlich etwas mehr Kritik gewünscht." Die nahezu einhelligen Zustimmung der Juroren habe sie nicht erwartet, auch nicht die große Begeisterung im Publikum.

Petrowskaja wuchs in Kiew auf, in einem Beitrag für die Neue Zürcher Zeitung erklärte sie vor einigen Jahren, dass die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ihre Kindheit abrupt beendet habe. Ihre Eltern hätten wenige Tage nach dem Unglück beschlossen, dass sie das Land verlassen müsse, um eine Zukunft zu haben. Die 16-jährige Ukrainerin kam nach Deutschland, musste eine fremde Sprache erlernen, sich in einer für sie völlig fremden Kultur zurechtfinden. Sie heiratete einen Deutschen und hat mit ihm zwei Kinder.

Erst spät sei ihr bewusst geworden, dass sie Jüdin sei, so Petrowskaja, auch wenn ihr die Herkunft innerlich nichts bedeuten würde. In ihrem Siegertext von Klagenfurt bezieht sie sich aber auf ihre Herkunft, sie beschreibt die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Kiews durch die Nationalsozialisten im Jahr 1941 anhand der Geschichte ihrer Urgroßmutter, die erschossen wurde.

Petrowskaja studierte Literaturwissenschaften, und zwar an der estnischen Universität Tartu, 1998 promovierte sie in Moskau. Seit dem Jahr 1999 lebt sie in Berlin, sie arbeitet für die Kulturressorts verschiedener russischer Medien, dazu veröffentlicht sie immer wieder Texte in deutschsprachigen Zeitungen wie der Berliner taz oder der NZZ. Seit 2011 hat sie eine fixe Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen, und zwar "Die west-östliche Diva". Buchveröffentlichungen gibt es von der Autorin bisher noch nicht, ihr erstes Buch ist für März 2014 angekündigt, "Vielleicht Esther" soll im Suhrkamp-Verlag erscheinen.