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Kultur
09/25/2019

Karl Markovics im Interview zum neuen Film: Schicksalsort Schrebergarten

Karl Markovics lässt in seinem packenden Drama „Nobadi“ einen alten Mann auf einen jungen Afghanen treffen

von Alexandra Seibel

Karl Markovics ist längst nicht mehr „nur“ Schauspieler. Gerne wechselt er immer wieder ins Regiefach und bewies gleich mit seinem ersten Spielfilm „Atmen“ (2011) sein geschärftes Auge für soziale Milieus. Nach seinem zweiten Film, der Tragikomödie „Superwelt“ (2015), tritt er nun mit dem Drama „Nobadi“ wieder als Regisseur auf. In „Nobadi“ (ab 4. Oktober im Kino) fühlt Markovics den Puls der Zeit anhand einer Begegnung zwischen einem 93-jährigen Schrebergartenbesitzer und einem jungen Flüchtling.

Der alte Mann – pointiert verkörpert von Heinz Trixner – möchte im Garten seinen toten Hund begraben. Er heuert einen jungen Afghanen (seelenvoll gespielt von Newcomer Borhan Hassan Zadeh) an, den er vorerst überaus barsch behandelt. Der Bursche nennt sich Nobadi („Niemand“), nach dem verächtlichen „Spitznamen“, den er in einem NATO-Lager in Afghanistan erhalten hat. Nach und nach löst die Begegnung mit ihm bei dem Alten Erinnerungen an die schuldhafte Vergangenheit im Nationalsozialismus aus.

KURIER: Herr Markovics, gab es konkrete Auslöser, die Sie zu dieser ganz speziellen Geschichte inspiriert haben?

Karl Markovics: Der Auslöser war das Jahr 2015 mit der sogenannten Flüchtlingswelle und den Millionen von Menschen, die aus Syrien, Afghanistan und Afrika verstärkt nach Europa gekommen sind – und die innenpolitischen Reaktionen in unserem Land. Diese Menschen sind aus einem Sicherheitsbedürfnis geflohen, und plötzlich stand nur noch unser Sicherheitsbedürfnis im Raum. Es kam zu einer grotesken Täter-Opfer-Umkehrung. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass zwei alte Geschichten, die bereits als Entwürfe existierten, zusammenfanden.

Was genau ist Ihnen in diesem Moment klar geworden?

Man hat bei dem Umgang mit den Flüchtlingen ganz konkret bemerkt, dass unser nationalsozialistisches Erbe – no, na, ned – weiterhin in die Gegenwart einwirkt, weil es nie wirklich zur Gänze aufgearbeitet worden ist, in dem Sinn, dass es so etwas wie eine umfassende Reue- oder Einsichtskultur gegeben hat. Diese Altlast wirkt fort und wird ganz besonders beim Thema Zuwanderung spürbar. Natürlich ist es eine Tatsache, dass ein kleines Land wie Österreich nur bis zu einem gewissen Grad Menschen aufnehmen kann. Aber die Diskussion wird vor der verdeckten Folie der Ressentiments und unseres nationalsozialistischen Erbes geführt. Diese Ausprägung gibt es nur in Österreich, weil die Unkultur des Nicht-darüber-Redens über unsere Nazi-Vergangenheit dazu geführt hat, dass unsere Gegenwart und Zukunft damit vergiftet ist.

Um konkret auf den Film zu sprechen zu kommen: Welche Rolle spielt der Afghane für den alten Mann? Was sieht er in ihm?

Eine Rettungsboje. Es ist für ihn der fast perverse Versuch, am Ende seines Lebens so etwas wie Reue zu empfinden. Oder zumindest das Gefühl herbeizuführen, etwas Gutes zu tun: Kann ich, der ich nie Reue empfunden habe, am Ende meines Lebens einen Ausgleich dafür finden?

Aber besteht da nicht die Gefahr, dass der Flüchtling zur Randfigur verkommt, es wieder nur um unsere österreichische Befindlichkeit und nicht um das Schicksal des jungen Afghanen geht?

Ausschließlich. Es geht nur darum. Das ist kein Film über einen Flüchtling oder die Flüchtlingsthematik. Das ist ein Film über uns. Das ist ein Film, der ausschließlich von uns und der Reaktion unseres Landes auf einen bestimmten gegenwärtigen Moment handelt. Natürlich ist dieser eine Flüchtling ein Katalysator für diesen letzten alten Nazi, der vielleicht auch nur ein Mitläufer war, ein Niemand. Es sind beide Niemands. Der Filmtitel bezieht sich nicht nur auf den Flüchtling, sondern auch auf den alten Mann. Es geht um die Nobadi-Thematik: Nach dem Krieg waren wir alle Niemand. Niemand hat für Hitler gestimmt, Niemand stand am Heldenplatz. Das ist alles so grotesk – und wie diese verquere Wiedergutmachungslogik des alten Mannes sind die Konsequenzen, die dieser Reueversuch nach sich zieht.

Beide Hauptrollen sind ganz hervorragend besetzt. Wie haben Sie die Schauspieler gecastet?

Das Casting ist bei mir ein ganz eigener Prozess, weil ich meine Geschichten nie mit bestimmten Schauspielern im Kopf schreibe. Mein Glück war, dass die Schauspielerin Hilde Dalik ein multikulturelles Theaterprojekt ins Leben gerufen hatte, wo einige afghanische junge Männer – darunter Borhan Zadeh – mitwirkten. Borhan hat so eine zwingende Natürlichkeit, dass ich mich sehr schnell für ihn entschied. Schwieriger war die Rolle des alten Mannes: Er musste glaubhaft sehr alt sein, aber trotzdem die Strapazen des Drehs gut aushalten können. Wie durch ein Wunder bin ich dann auf Heinz Trixner gestoßen: Er ist eine Art Ikone des österreichischen Nachkriegs-Arthouse-Kinos und spielte 1968 mit Erika Pluhar in Georg Lhotskys „Moos auf den Steinen“. Er war lange am Burgtheater und ist einem großen Publikum als Rechtsanwalt in „Schlosshotel Orth“ bekannt.

Ihr Film spielt im Schrebergarten, einem Ort, der im österreichischen Film – man denke nur an „Kottan“ – immer wiederkehrt. Was hat Sie an diesem Topos interessiert?

Für mich ist wichtig, dass diese Schrebergartenanlage auch ein Lager ist. Es hat eine lagerartige Struktur, mit einem Tor und vier Eingängen. Überall gibt es Schloss und Riegel und Stacheldraht. Und genau darum ging’s mir: Dass der Mensch, der in einem Lager gearbeitet hat, wieder in einem Lager lebt.

Sie sprachen vorhin von verquerer Wiedergutmachungslogik. Tatsächlich bekommt Ihr Film im letzten Drittel fast etwas Groteskes, Unwahrscheinliches. Warum?

Das finde ich überhaupt nicht. Ich finde, alles hat eine zwingende Logik. Wenn ich mir die Geschichte des Nationalsozialismus anschaue, hat am Anfang auch niemand geglaubt, dass es mit Konzentrationslagern endet. Bei der Entnazifizierung standen dann alle vor riesigen KZs und sagten, nein, das ist doch grotesk, dass Fabriken gemacht wurden, um Menschen auszurotten, das gibt es nicht. Und genau darum geht es mir, um diese Mechanik. Da ist nichts Unrealistisches in meinem Film, im Gegenteil: Es ist ein Schönwetterfilm im Verhältnis zu dem, was er eigentlich erzählt und wofür er eine Metapher ist.

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