© rts

Kultur
12/05/2011

Joyce Carol Oates und ihre Zeit der Trauer

Buchkritiken: Ihr Ehemann ist tot. Die Amerikanerin, heuer 73 geworden, trauert und geht ihren verwirrten Gefühlen nach - bis zu ihrer Ansage: "Ich lebe!"

Nichts gegen Joyce Carol Oates. Wirklich nichts. "Meine Zeit der Trauer" bricht einem das Herz und wirft alle Fragen auf, die kommen, wenn der Partner stirbt.
Aber das Herz ist längst gebrochen, erstens sowieso immer wieder; und zweitens von der Linzerin Anna Mitgutsch. Vor einem Jahr erschien "Wenn du wiederkommst" (bei Luchterhand): Wie folgt man einem Geliebten in den Tod, ohne das Leben zu verlieren?

Da stand alles und noch mehr, was die Spaßgesellschaft nicht so besonders interessiert.

Die Ohnmacht vor dem Uneingelösten.
Die Angst, "ihn" nicht gekannt zu haben.
Verzeihung und Schmerz und Wut - und irgendwann der Triumph. Denn Überleben ist auch ein Sieg.

Von Anna Mitgutsch ist das Trauerjahr auf weniger als 300 Seiten intensiv verdichtet worden. Die Amerikanerin Joyce Carol Oates nimmt sich mehr als 700 Seiten. Es dauert allein schon 70 Seiten, bis Raymond Smith, mit dem sie 47 Jahre und 25 Tage verheiratet war, stirbt (18. Februar 2008).

Der 77-Jährige hatte eine Lungenentzündung, war schon auf dem Weg der Besserung, aber es kamen Krankenhausbakterien hinzu: Herzstillstand.
Oates versucht gar nicht zu kaschieren, dass das Buch abschließende Therapie war. Sie schreibt, für sie außergewöhnlich, in der "Ich"-Form, manchmal wechselt sie zu "die Witwe".

Warum nur vermeint man nach einer längeren Zeit des Lesens zu spüren, dass manches ein wenig künstlich klinge ?

Unzertrennlich

Raymond Smith war fast immer bei ihr. Trat sie irgendwo auf, hielt er Daumen und Händchen, war Stütze, nahm der so zerbrechlich wirkenden Ehefrau alles ab.
Er war selbst Schriftsteller, vor allem aber Gründer und Verleger einer Literaturzeitschrift. Ein sehr feiner Mensch dürfte Smith gewesen sein.
Joyce Carol Oates fällt nach der Schreckensnachricht sofort eine schottische Ballade ein:
Es war einmal ein Schiff ...
Und unser Schiff, es hieß
Die Goldene Nichtigkeit

Dann kommen die verwirrenden Gefühle. Der Ärger über die übliche Frage: "Wie geht's?" Die Träume. Die Heimatlosigkeit. Die späte Verwunderung darüber, dass ihr Mann die meisten Romane und Kurzgeschichten von ihr gar nicht gelesen hat - wieso nicht? Umgekehrt war es genauso.

Denn auch wenn die zwei ständig zusammen waren: Jeder arbeitete bzw. schrieb acht, neun Stunden am Tag. Da ist man allein.

"Wiederfinden der Welt"

Joyce Carol Oates hat "Meine Zeit der Trauer" geschrieben, als es einen "Neuen" gab. Als sie notierte, dass ihr ein "Wiederfinden der Welt" wenig wahrscheinlich vorkomme, war Joyce Carol Oates - 13 Monate nach Smith' Tod - bereits mit einem Neurowissenschaftler der Princeton Universität verheiratet.
Hatte "Meine Zeit der Trauer" vielleicht vor allem den Sinn,
Raymond Smith am Leben zu erhalten? In diesem Fall ist es ein zu egoistisches Buch geworden. - Peter Pisa

KURIER-Wertung: **** von *****

Margit Schreiner: "Die Tiere von Paris" - Scheitern mit einem Trottel

Den Zeichenlehrer von Seite 134 sollte man treffen. Er war nicht sehr beliebt bei den Kollegen. Aber bei den Schülern. Ihnen sagte er: Zeichnen sei wie Leben, macht macht Pläne, und dann kommt alles anders.

Diese paar Zeilen passen zum Buch. Besser als der im Nebel liegende Titel "Die Tiere von Paris" . Die große Linzer Monologisiererin Margit Schreiner lässt eine Alleinerzieherin - zurückblickend - reden.

Anfangs hört sich das wie Kabarett an. Weil: Damals, als die Geografin in Paris schwanger wurde, zog ihr Ehemann nach Wien, um Ruhe zu haben für nichts Geringeres als einen Aufsatz über deutsch-französische Dichter um 1900.
Und als das Baby dann da war, ließ er sich ins Spital bringen. Er diagnostizierte sich nämlich selbst eine Schwangerschaftsneurose.

Allmählich aber lässt sich der Terror dieses krankhaften, rabenschwarz porträtierten Trottels nicht mehr kaschieren, und es ist, was es ist: ein Drama, in das nicht allein die Tochter der beiden gerissen wird. Margit Schreiner führt das Selbstgespräch in "Du"-Form. "Du" musst dir ständig anhören, dass du unflexibel bist (während "Er" sich nur um sich kümmert). Und "Du" bist heilfroh, als endlich die Scheidung klappt.
Aber der alltägliche Wahnsinn ging noch jahrelang weiter. Mutter und Tochter sind zwar ein gutes Team, auch gibt es einen neuen, einen netten Mann.

Aber nun kam - zwischen Wien, Paris und Italien - die Eifersucht dazu: Der Vater sekkiert das Mädchen am Telefon, dass die Mutter eine Hure sei. Das Mädchen will nicht in den Ferien zu ihm. Er besteht darauf. Er zerstreitet sich mit allen.
Man macht Pläne, und dann kommt alles anders ... Das ist ja nichts Neues. Margit Schreiners oft gelobte Radikalität aber hat den Kampf (und auch das Scheitern) in eine neue Form gebracht, die derart wirkt, dass man sich in den Wald zurückziehen will. Allein. - Peter Pisa

KURIER-Wertung: ***** von *****

Judith Perrignon: "Kümmernisse" - Ein zu früh vertrocknetes Leben

Es gibt Bücher, die stecken einem in den Knochen. Lange, nachdem man die letzte Seite umgeblättert hat, spürt man sie noch.

"Kümmernisse" ist so eines. Die graue, kalte Traurigkeit schleicht von den ersten Seiten bis in die Erinnerung an Judith Perrignons Roman. "Chagrins" heißt das 181 Seiten schmale Buch im französischen Original, das ist fast noch treffender als der deutsche Titel: "Chagrin" sitzt noch tiefer als "unser" Kummer.

Tieftraurig wie die Geschichte der einsamen Menschen, um die es hier geht. Ein Kind wird in einem Gefängnis geboren, seine Mutter kann es nicht lieben, weil sie ihre Liebe schon verbraucht hat: Verschenkt an einen Mann, für den sie einen brutalen Einbruch verübt hat und dafür eingesperrt worden ist. Dessentwegen sie hier ihre Jahre und ihre Jugend absitzt. Der nie ein Wort über den Verbleib des Geliebten über die Lippen kommt, den sie bis zu ihrem Tod nicht verrät.

Mit 22 wird Helena eingesperrt, als sie mit 27 freikommt, ist sie eine alte Frau. Ihre Tochter Angèle wächst bei Mila, Helenas Mutter, auf. Mila schreibt Helena die Liebesbriefe einer Verzweifelten, die die Sehnsucht nach ihrer Tochter quält. Zurück kommt nur Schweigen und Helena wird bis zu ihrem Lebensende schweigen. Angèle wird nie Platz in Helenas erkaltetem Herzen finden. Sie ist früh vertrocknet wie unreifes Obst, das vor der Zeit vom Baum fällt.

Das Pariser Frauengefängnis "Petite Roquette" wurde 1973 abgerissen. Als die Abrissbirne in die Ruinen donnerte, waren ehemalige Insassinnen unter den Schaulustigen. Niemand erkannte sie. Später hat sich der "Staub einer untergegangenen Zitadelle mit dem Sand einer Parkanlage vermischt".

Judith Perrignon, viele Jahre Redakteurin bei der Tageszeitung La Libération , hat mit "Kümmernisse" ihren ersten Roman vorgelegt. Tieftraurig. - Barbara Mader

KURIER-Wertung: ***** von *****

Charles Dickens: "Große Erwartungen" - Pips Ende kann man sich hier aussuchen

Da fragt man sich schon, warum man so gierig auf das Neue wartet, zuletzt Umberto Eco und Murakami, wenn es doch Dostojewski gibt und Tolstoi und Dickens, für die man sich immer Zeit nehmen will, aber kaum nimmt. Vieles ist entstaubt, neu übersetzt worden; jetzt soeben "Große Erwartungen" mit dem Waisenkind Pip aus einem Dorf an der Themse-Mündung, das in London zum verschwenderischen Gentleman wird, einem eitlen, eisigen Stern namens Estella hinterherlaufend.

Wobei das Ende gut für den nun 23-Jährigen aussieht. So war es Charles Dickens nämlich eingeredet worden. Melanie Walz - bekannt und preisgekrönt für ihre Arbeiten, z. B. Lily Brett, Annie Proulx und Patricia Highsmith betreffend - hat auch den ursprünglichen abrupten Schluss übersetzt, der besser passt. Und Arbeitsnotizen, in denen die Möglichkeit eines späten Glücks nicht einmal angedeutet wird. - P.P.

KURIER-Wertung: ***** von *****