© Marcel Urlaub/Volkstheater

Kritik
11/05/2021

Jonathan Meese im Volkstheater: Horst-Wessel-Lied und Plastikpferd

Er will ja nur provozieren: Jonathan Meeses „K.A.M.P.F-L.O.L.I.T.A“ im Wiener Volkstheater.

von Peter Jarolin

Genie oder Scharlatan, grandioser Künstler oder krawallmachendes Kind – an Jonathan Meese scheiden sich die Geister. Gut im Geschäft ist der deutsche Maler, Regisseur, Aktionist, Bühnenbildner und Performer allemal. Nun ist Meese auch am Wiener Volkstheater angekommen; mit einer von ihm selbst so titulierten „Universums-Uraufführung“.

Diese ist zwar nicht ganz so neu. Immerhin gab es vor Ausbruch der Pandemie eine Aufführung in Dortmund, wo der jetzige Volkstheaterchef Kay Voges Intendant war. Neu ist sie aber dennoch, da bei Meese jeder Abend bekanntlich anders ist. Es gibt immer nur eine Art Spielgerüst; der Improvisation der Akteure ist damit Tür und Tor geöffnet.

Das gilt auch für – wenn Sie sich diesen Titel merken, sind Sie phänomenal – „K.A.M.P.F-L.O.L.I.T.A. (EVOLUTION IST CHEF) oder L.O.L.I.T.A. D.Z.I.O. (ZARDOZ FLIEGT WIEDER!) oder L.O.L.I.T.A DE LARGE (Das 3. Baby) oder DIE BARBARENLOLITAS (Kampf um Kunst) oder DR. ERZLOLITA DE L.O.L.I.T.A (ZARDOZ LEBT) oder DIE ZARDOZLOLITAS (Keine Angst)“. Einigen wir uns als bitte einfach auf „K.A.M.P.F.-L.O.L.I.T.A“. Mit dem Roman „Lolita“ von Vladimir Nabokov hat das Ganze nur am Rande tun, denn Meese arbeitet sich an seinen Lieblingsthemen ab: Hitler, Mütter und Filme. Der erste Auftritt via Video gehört auch Meeses betagter Mutter, die den Inhalt des Romans umständlich vorliest. Und dann geht es für mehr als drei pausenlose Stunden ans Eingemachte.

Sektenführer

Denn Meese und seine tapferen Mitstreiter (Maximilian Brauer, Uwe Schmieder, Martin Wuttke, Lilith Stangenberg und Anke Zillich) sitzen an einem Tisch, beschwören den Geist eines Plastikpferdes. Sektenführer Meese sucht nämlich nach „neuen Ebenen“, die sich in denen von ihm gestalteten, permanent wechselnden Bühnenvorhängen widerspiegeln. Hitler, Stalin, Kardinal Richelieu, Fantomas, Flipper, Darth Vader, Dr. No, Lassie und viele Superschurken sind auf diesen zu sehen.

Dazu gibt einen Badewannen-Karren bepinselt mit Schriftzügen wie „Richard Wagner ist der Chef“ oder „Ludwig II. von Kultur.Bayern“. Die Kostüme? Meese trägt Stiefel und Jean und einen Mantel mit Hakenkreuzbinde. Immer wieder brüllt er etwas von Demokratie, Nazis oder dem Führer ins Mikrofon. Lolita dagegen – die auch stimmlich großartige Lilith Stangenberg – wird auf einem Schaukeleinhorn scheinbar penetriert, später kommt die Peitsche hinzu. Auch Marquis de Sade darf hier nicht fehlen. Und ein nackter (Verzeihung!) Arsch eignet sich, wenn man ihn mit einem Mikro bearbeitet, perfekt für die Verbreitung von allerlei Nonsens.

Filmvorführer

Zeitgleich laufen auf zwei Bildschirmen ohne Ton die Filme „Der Fan“ mit der jungen, auch nackten Désirée Nosbusch, und Sean Connery darf in „Zardoz“ mit roter Unterhose durch das Universum fliegen. Andere Dinge aber fliegen in diesem Universum zwischen Mönchskutten und NS-Uniformen auch. Popcorn, Lollis, die genüsslich geschleckt werden, Flüssigkeiten, die sich über Köpfe ergießen, Würstchen, die sich gut in die Nase stecken lassen, oder Torten, die Meese ins Gesicht treffen. Gesungen wird auch. An die 50 Mal muss Stangenberg das Horst-Wessel-Lied (zu diesem gebärt sie das deutsche Plastikpferd!) auf Meeses Geheiß anstimmen. Auch Michel Legrands „Alyzée“ kommt vor, ebenso der „Griechische Wein“ von Udo Jürgens oder „Sonne“ von Rammstein. Da wird es dann immer richtig laut, die Texte werden verfremdet.

Gefühlte 1.000 Mal zeigt Meese den Hitlergruß. Es gilt schließlich: „Kunst.Terror = Terror.Kunst“. Das ist nur einer von vielen Sätzen („Wagner ist Deutschland“, „Kunst ist Scheiße“), die oberhalb der Bühne eingeblendet werden. Dazu gibt es eine Talkshow, in der Martin Wuttke (toll mit schwarzer Perücke und im Latex-Outfit) Intima über Hitler preisgibt. „Ich kenne ihn gut.“

Und auch Meese kennt ihn gut und hofft auf die Schockreaktion des Publikums. Die aber bleibt aus, einige Besucher fliehen, die anderen applaudieren. Das ist ja an sich nicht falsch, erinnert dieses irrwitzige, überbordende, sprachlich und visuell überfordernde Chaos in seinen besten Momenten an die radikal-brillanten Arbeiten des 2010 verstorbenen Theaterprovokateurs Christoph Schlingensief.

Nur ist bei Meese die sprichwörtliche Suppe zu dünn. Nach eineinhalb Stunden hat sich der Abend abgenützt; die endlosen Wiederholungen gehen ins Leere. Nur das Finale, wenn Meeses Mutter auf der Bühne erscheint, ist doch stark. Der Führer ist weg. Es lebe die Führerin?

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