Joaquin Phoenix als psychopathischer Clown „Joker“

© Venice International Film Festival

Kultur
09/01/2019

Joaquin Phoenix als "Joker“: Lächeln nicht vergessen!

Auf dem Filmfestival in Venedig triumphierte Joaquin Phoenix als „Joker“ in Todd Phillips’ Batman-Spin-off.

von Alexandra Seibel

Das Filmfestival in Venedig nähert sich seiner drückend heißen Halbzeit. Viel wird darüber geredet, welche Stars über den Roten Teppich marschieren – und welche nicht. Dass der polnisch-französische Regisseur Roman Polanski nicht persönlich am Lido aufkreuzen würde, muss auch Festivalchef Alberto Barbera klar gewesen sein, als er dessen neuen Film „J’accuse“ („An Officer and a Spy“) in den Wettbewerb einlud. Dem mittlerweile 86-jährigen droht bei einer Auslieferung an die USA eine Anklage wegen Vergewaltigung, ein Umstand, der bereits im Vorfeld große Kontroversen rund um Barberas Einladungspolitik nach sich gezogen hatte (der KURIER berichtete). Polanski verzichtete auf einen riskanten Besuch und ließ dafür seinen Film sprechen: „J’accuse“ („An Officer and a Spy“) rekapituliert in einem zügig erzählten Politdrama den historischen Skandal um die sogenannte Dreyfus-Affäre.

Affäre Dreyfus

Um 1900 wurde der jüdische Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus in Frankreich zu Unrecht des Hochverrats angeklagt. In „J’accuse“, betitelt nach einem Protestbrief, den der empörte Schriftsteller Emile Zola gegen das Dreyfus-Urteil verfasste, rollt Polanski den Fall auf und entlarvt alle Beschuldigungen als antisemitsche Verschwörung. Penibel liefert er historische Details und legt dabei besonderes Augenmerk auf die damaligen polizeilichen Untersuchungsmethoden. Wenn Detektive mit einem Stethoskop die Wand abhorchen, um verdächtigen Geräuschen aus der Nebenwohnung zu lauschen, sieht das für uns im Zeitalter der DNA-Analyse ausgesprochen witzig aus.

Auch Jean Dujardin, bekannt geworden aus „The Artist“, macht in Polanskis klassisch konventionell erzähltem Militär-Thriller als Chefermittler gute Figur.

In seinem Presse-Statements zum Film lässt Roman Polanski keinen Zweifel daran, wie persönlich sein „J’accuse“ gemeint ist. In einem Interview zieht er klare Parallelen zwischen dem Fall Dreyfus und seiner eigenen Geschichte: Auch er, Polanski, werde für Dinge verurteilt, die er nicht getan habe – ein Vergleich, der ausgesprochen frivol anmutet. Dreyfus war tatsächlich unschuldig, während Polanski bereits vor vierzig Jahren den sexuellen Missbrauch einer 13-jährigen eingestanden hat.

Die profilierte argentinische Regisseurin und Jury-Präsidentin Lucretia Martel hatte prompt ihre Teilnahme am Gala-Dinner zu Ehren von „J’accuse“ abgesagt. Doch die Chance, dass sie dem Film den Goldenen Löwen überreichen wird müssen, ist ziemlich gering.

Da haben sich andere Bewerber im Wettbewerb bei weitem stärker hervorgetan als Polanski. Die Amerikaner, zum Beispiel. Sie trumpften bereits mit Brad Pitts Weltraum-Trip „Ad Astra“ und Noah Baumbachs Netflix-Dramedy „Marriage Story“ auf. Nun legten sie mit dem Batman-Spin-Off „Joker“ gewaltig nach und wurden dafür euphorisch gefeiert.

Diät

„Hangover“-Regisseur Todd Phillips lieferte mit seinem bizarr-düsteren „Joker“ einen gewaltexplosiven Superhelden-Film ohne Superhelden. Man könnte fast sagen: Er annullierte das Genre. Bereits Christopher Nolan hatte mit seiner „Dark Knight“-Serie das Superhelden-Genre in psychologisch abgründige Dimensionen gestoßen. Doch wer glaubt, Heath Ledgers ikonischer Bateman-Gegenspieler „Joker“ sei nicht zu toppen, muss sich Joaquin Phoenix als Killerclown ansehen. Körperlich ausgemergelt und psychisch schwer belastet, geistert er als Arthur Fleck durch ein herunter gekommenes Gotham City der späten 70er und frühen 80er Jahre.

Auf nachtschwarzen Straßen türmt sich der Abfall, das moralische Niveau ist unter Null: Männer belästigen Frauen in der U-Bahn und verprügeln Schwächere in der Nebengasse. Martin ScorsesesTaxi Driver“ hätte seine Freude gehabt.

Arthur selbst hat mehr als eine Schraube locker. Er ist psychisch schwer angeschlagen und tablettenabhängig. Mit seiner Mutter bewohnt er eine ranzige Wohnung, liebt alte Hollywood-Musicals in Schwarz-Weiß und wäre gern ein Stand-up-Comedian. Leider findet ihn niemand lustig.

Und das Schicksal meint es nicht gut mit ihm; eine Demütigung folgt der nächsten und stößt Arthur immer tiefer ins soziale und psychische Elend. Irgendwann wird der gedemütigte Clown zum mörderischen Reißwolf mit aufgemaltem Grinsegesicht.

Er habe extrem viel für die Rolle abnehmen müssen, erzählte Joaquin Phoenix, Golden-Globe-Gewinner für „Walk the Line“, vor der Weltpremiere. Und – das wissen alle, die je eine Diät gemacht haben – „das beeinflusst auch deine Psyche und du wirst verrückt.“ Außerdem hätten er und Regisseur Phillips sehr viel an dem unverkennbaren Lacher des Jokers gearbeitet. Tatsächlich würgt er an seinem gruselig manischen Gelächter wie ein Erstickender an einem unterdrückten Schluchzen.

Jokers groteskes Clowngesicht wird zum Symbolbild einer deklassierten Masse, die auf den Straßen randaliert und zum Kampf gegen die Reichen aufruft. Und Joaquin Phoenix hat wieder einmal bewiesen, dass er ein Schauspieler der Weltklasse ist, Spezialfach: Psychopath.