Joan Baez wÀhrend ihres Konzerts in der Arena Wien am 05.07.2015

© KURIER/Franz Gruber

KURIER-Konzerte

Joan Baez: "Empathie wird totgetrampelt"

Joan Baez tritt am 25. und 26. Juli im Rahmen ihrer Abschiedstour im Wiener Konzerthaus auf.

von Brigitte Schokarth

02/28/2018, 09:25 AM

"Fare Thee Well" hat Joan Baez ihre heurige Tournee genannt, weil das ihre letzte ausgedehnte Konzertreise ist. Auch das Freitag erscheinende Album "Whistle Down The Wind", das erste seit 2008, sieht die unermĂŒdliche KĂ€mpferin fĂŒr Frieden, Freiheit und Gewaltlosigkeit als Ende einer langen Reise, die 1959 begann. Im Interview mit dem KURIER erzĂ€hlt Baez, was sie anstatt der Musik machen will, warum Donald Trump ihr den verdienten Tweet verweigert und die Welt anstatt Protest-Songs Hymnen braucht.

KURIER: Warum wollen Sie mit dieser Tour Abschied nehmen?

Joan Baez: Vor vielen Jahren schon – als ich in meinen Dreißigern war – hatte ich einen Gesangslehrer. Ich fragte ihn: "Wie weiß ich, wann ich mit dem Singen aufhören soll?" Er antwortete: "Deine Stimme wird dir das anzeigen!" Und genau das ist jetzt passiert. Singen ist einfach zu schwierig geworden. Ich mag die GerĂ€usche, die aus meiner Kehle kommen, zwar immer noch sehr gerne, aber so zu singen, braucht große Anstrengungen und viel Aufwand. Und ich will auch mehr malen. Ich hatte im Oktober meine erste Ausstellung – lauter PortrĂ€ts.

Von Menschen, die Sie bewundern?

Genau. Ich habe mich schon lange darauf vorbereitet. Aber als Trump PrĂ€sident wurde, dachte ich, ich kann nicht einfach irgendjemanden malen. So habe ich eine Ausstellung gestaltet, die ich "The Mischief Makers" ("Die Unheil Bringenden", Anm.) genannt habe. Es sind lauter Leute, die mit Gewaltlosigkeit soziale VerĂ€nderungen bewirkt haben. 18 Menschen, die so fĂŒr ihre Regierungen Unheil brachten.

Auch auf dem Album haben Sie wieder nur sozial motivierte Songs ...

Stimmt, es ist typisch fĂŒr mich, dass "Whistle Down The Wind" so geworden ist: Folk-Songs, Balladen, manche sehr zart, manche belebter, aber alle ... ich will nicht Protestsongs sagen, ich nenne es lieber Angebote von politischem Bewusstsein.

Warum wollen Sie nicht Protestsongs sagen?

Weil das Bild, dass das vermittelt, sehr eingeschrĂ€nkt ist. Wenn man das Wort hört, denkt man an Leute, die ihre FĂ€uste in die Luft strecken. Und Songs, die ein ganz spezielles, bestimmtes Thema behandeln. Nur die sehr, sehr guten Protestsongs sind Hymnen. Ich finde aber, wir brauchen heute Hymnen fĂŒr die Zeit. Songs, die man gemeinsam singen kann, die die Menschen geistig und seelisch zusammenbringen und vereinen.

Sie sagen, dass das Ihre letzte Tour ist. Heißt das auch, keine Einzelauftritte mehr?

Nein, das nicht. Ich habe zum Beispiel Ende JĂ€nner in Kalifornien den Song "Deportees" ĂŒber mexikanische Immigranten, die bei einem Flugzeugabsturz umkamen, bei einer Veranstaltung mit deren Familien gesungen. Das sind die Dinge, die ich auch in Zukunft machen werde. Aber ehrlich gesagt, als Aktivistin mit all den Riesenproblemen, die wir haben . . . das ist alles so ĂŒberwĂ€ltigend, dass es so schwer geworden ist, zu wissen, wo man anfangen soll. Die Hauptfrage ist deshalb jetzt: Wie können wir wieder lernen, mitfĂŒhlend und empathisch zu sein, denn Empathie wird von unserer US-Regierung derzeit totgetrampelt. Es ist so widerlich. Und tatsĂ€chlich schrumpft schon der Teil unseres Gehirns, der fĂŒr Empathie zustĂ€ndig ist.

Warum, glauben Sie, ist es so weit gekommen?

Es gibt diese Theorie des Linguistikers George Lakoff, die besagt, dass es daran liegt, dass die Republikaner 40 Jahre in Thinktanks verbracht haben, um zu lernen, wie man Worte verdreht, Slogans aufbaut und auch, dass das LĂŒgen okay ist und Geld das Allerwichtigste auf der Welt. Und die Liberalen haben nie gelernt, dem etwas entgegenzusetzen – weder verbal noch in einer anderen Form. Aber ich glaube, die Republikaner sind jetzt selbst erstaunt, weil das sogar ihnen mit Trump ein bisschen zu weit gegangen ist. Ich und meine Freunde machen es deshalb jetzt so, dass jeder immer nur wenige Tage lang die Nachrichten verfolgt und die anderen dann kurz informiert, damit die anderen derweil eine Pause davon haben können.

Das klingt hoffnungslos ...

Nein, denn ich denke auch, dass die Wahl von Trump die Leute aufgeweckt hat. Vor Kurzem habe ich Michael Moore und den erzkonservativen George Will am gleichen Abend in unterschiedlichen KanĂ€len im Fernsehen gesehen. Und beide sagten das Gleiche, nĂ€mlich, dass unsere einzige Hoffnung die Menschen sind. Ich hĂ€tte nie gedacht, dass ich von einem Erzkonservativen je hören werde, dass es vorbei ist, wenn wir nicht auf die Straße gehen. Und im alltĂ€glichen Leben gibt es viel Hoffnung. Denn wir können jeden Tag daran arbeiten, MitgefĂŒhl und Empathie zu reinstallieren. Aber weil das alles vor dem Hintergrund der ErderwĂ€rmung und der nuklearen AufrĂŒstung passiert, bleibt schon die Frage, ob wir lange genug da sein werden, um damit das Ruder herumzureißen.

Ist MitgefĂŒhl der Grund dafĂŒr, dass Sie bei Auftritten in dem Song "Swing Low" auch Trump nennen, wenn Sie aufzĂ€hlen, wen die Engel holen sollen?

Ja, denn er ist auch ein Mensch. Und ich wĂŒrde auch fĂŒr sein Recht, nicht exekutiert zu werden, kĂ€mpfen, wenn es dazu kommen wĂŒrde. Er ist ein Mensch – nur leider völlig verkorkst und an nichts anderem interessiert als an Macht und Geld.

Hat Trump darauf regiert?

Nein. Ich habe auch gedacht, ich hÀtte mir zumindest einen Tweet verdient.

Der wÀre aber vermutlich ohnehin nur gemein gewesen.

Dann hÀtte ich wenigstens gewusst, dass ich etwas richtig gemacht habe.

Info: Karten fĂŒr die KURIER-Konzerte mit Joan Baez am 25. und 26. 7. im Konzerthaus Wien unter: 01/ 96 0 96 bzw. www.oeticket.com. Weiters unter www.musicticket.at und www.konzerthaus.at bzw. 01/ 242 002

Biografie

„Wenn man etwas verĂ€ndern will, muss man große Niederlagen einstecken können, um kleine Siege zu feiern.“ Dieses Motto hat sich Joan Baez schon frĂŒh auf die Fahnen geschrieben. Denn die am 9. JĂ€nner 1941 in New York geborene SĂ€ngerin wurde schon als Kind politisiert. Ihr Vater, ein Physiker, weigerte sich, fĂŒr die RĂŒstungsindustrie zu arbeiten. Dadurch musste die Familie oft umziehen, lebte auch im Irak. So, sagt Baez, habe ihr der Vater frĂŒh gezeigt, was Idealismus und was Armut ist.

Außerdem waren ihre Eltern QuĂ€ker, wodurch Baez schon als Kind lernte, dass „das Leben heilig ist und vor NationalitĂ€t, Religion, Staat und Flaggen kommt“.

So war Baez seit jeher SĂ€ngerin und Aktivistin. Ihr Stern ging 1959 beim Newport-Jazzfestival auf. Danach lernte sie Bob Dylan kennen (siehe Schwarz-Weiß-Foto) und war bis 1965 mit ihm liiert. Sie sang beim „Marsch auf Washington“ der BĂŒrgerrechtsbewegung von Martin Luther King, was sie heute zu ihren Siegen zĂ€hlt.

Die vielleicht grĂ¶ĂŸte Niederlage der Friedensbotschafterin: Als Baez 1972 nach Vietnam reiste, um Kriegsgefangenen Weihnachtsgeschenke zu bringen, kam sie in das verheerende Bombardement auf Hanoi mit 100.000 Bomben in zwölf Tagen. Im Luftschutzbunker sang sie Friedenslieder und fĂŒhrte Diskussionen ĂŒber Gewaltlosigkeit.

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