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Kultur
09/18/2020

Jimi Hendrix: Von der Tragik, ein Genie zu sein

Am 18. September 1970, also genau vor 50 Jahren, stirbt der Gitarrist mit 27 und wird eine Legende für die Ewigkeit. Der Starkult hat ihn verfolgt und bleibt an ihm haften. Seiner Zeit war Hendrix oft voraus. So wie damals in Wien ...

von Bernhard Hanisch, Christine Karner

Wien dämmert unter grauem Schleier vor sich hin. Die überwiegende Mehrheit einer im Gestern festgenagelten Menschheit erfährt nur aus Zeitungen, welch fremdartige, laut scheppernde Taktlosigkeit es am Abend zuvor im Konzerthaus zu ertragen galt.

Was bis heute eher in der Vergessenheit schlummert: Der Teufel war am Abend des 22. Jänner 1969 los. Jimi Hendrix war da. Für zwei Konzerte hintereinander. Die einzigen, die er in Österreich jemals geben sollte.

Der KURIER versteckt das Ereignis zweispaltig auf einer als Bleiwüste angelegten Seite und erklärt diese Ignoranz mit dem Titel „Entbehrliche Bekanntschaft“. Die Presse erlebte ein „sehr lautes und fades“ Konzert, nimmt es mit der Ahnenforschung nicht so genau und befindet, „der Sohn eines Indianers und einer Negerin“ habe außer „Lärm und pittoresker Optik“ nichts zu bieten gehabt. Und weil es damals für ein menschliches Farbenspiel ohnehin keine Rechtfertigung braucht, stellt die AZ fest, Hendrix sei der „vermutlich hässlichste Vertreter“ der populären Musik. Schlichte Überforderung, gutbürgerliche Verbohrtheit oder doch unverbesserliche Operettenhaftigkeit? Ein halbes Jahrhundert später erzeugt die Lektüre aus der Vergangenheit ein müdes Lächeln. Jimi Hendrix ist unverzichtbarer Teil der Kulturgeschichte.

Im Zwiespalt

Der 17-jährige Rudy Kronfuss ist im Konzerthaus unter den Ohren- und Augenzeugen. Erlebnisse, Eindrücke, Bilder und diverse Zeitungsausschnitte hat er im Buch „Jimi Hendrix in Vienna“ gesammelt. Der heute in Amsterdam lebende, gebürtige Wiener erinnert sich an eine „im ersten Teil tatsächlich ziemlich laute, im zweiten Abschnitt allerdings sehr beeindruckende“ Performance der Jimi Hendrix Experience.

Die überschwängliche Schwärmerei entfällt. Kronfuss, als Musiker intensiv mit dem Phänomen Hendrix beschäftigt, ist zur ernüchternden Erkenntnis gelangt: „Es klingt eigenartig, aber es war irgendwie gut, dass Hendrix so früh gestorben ist.“ Er sei benutzt worden, oft von seinen persönlichen Bekanntschaften und von Managern in einer damals schon diktatorisch gewinnorientierten Musikindustrie, hin und her geschoben zwischen den Image-Etagen, der „liebe Gott, oder doch der Teufel“ zu sein.

Als er sich in den späten Sechzigern im guten Wiener Ton vergreift, nimmt Hendrix - zumindest dort, wo seine Musik schon untrennbar den jugendlichen Aufstand begleitet - längst die Rolle ein, die er selbst nie haben wollte. Nämlich jene der schillernden Rockikone. Der linkshändige Superstar, fortan auf das Siegerpodest gestellt im endlosen Streit um den besten E-Gitarristen des Universums. Er unterscheidet sich unverkennbar durch seine Experimentierfreudigkeit, spielerische Beiläufigkeit lässt nicht nachvollziehen, was tatsächlich zu hören ist.

Am 18. September 1970 stirbt Jimi Hendrix in London. Mit 27 Jahren. Nach einer Überdosis Schlaftabletten, erstickt an Erbrochenem. Ein zu frühes Ableben, der tragische, aber fast unverzichtbare Schlussakkord jeder seriösen Legendenbildung. In den folgenden Jahrzehnten überbieten sich viele Medien gegenseitig, seinen Tod mit erhobenem Zeigefinger als imagegerechtes Ende eines lebenslangen Drogenexzesses auszuschlachten.

Die Begleiterscheinung

Von all dem ahnen sie am 27. November 1942 im General Hospital von Seattle (Washington) nichts, als John Allen Hendrix, Sohn schwarzer Eltern mit Cherokee-Vorfahren mütterlicherseits, geboren wird. Schon damals keine gute Voraussetzung in der vom Rassismus geteilten US-Gesellschaft. Doch Jimi Hendrix lässt sich nie instrumentalisieren. „Hautfarben interessieren mich nicht“, sagt er in der Doku Voodoo Child, der in eigenen Worten erzählten Lebensgeschichte.

Hendrix hört Blues und Soul im Radio, bringt sich, ohne eine Note lesen zu können, das Gitarrespielen bei, erlebt als Begleitmusiker das strenge Regiment der schwarzen Bandleader im US-amerikanischen Süden. Spürbar wird der Druck des Showgeschäfts: „In einer Stadt in Tennessee kam ich auf die Idee, Gitarre mit den Zähnen zu spielen. Dort muss man mit den Zähnen spielen, sonst wird man erschossen. Die Leute waren schwer zu beeindrucken.“

Er begleitet B.B King, Sam Cook oder die Isley Brothers, erträgt die Eitelkeit von Little Richard nicht mehr und findet „alles nur noch zutiefst langweilig“. New York bietet die Bühne zur Selbstverwirklichung. Und Bob Dylans nasaler Vortrag ermutigt ihn, es selbst auch mit Gesang zu versuchen.

In einem Klub in Greenwich Village ist Chas Chandler von Hendrix begeistert. Der Bassist der Animals lockt ihn 1966 nach London, wird sein Manager. Mitch Mitchell (Drums) und Noel Reding (Bass) formen als weiße Begleiter die Experience. „Hey Joe“ wird zum Hit, „Purple Haze“, „Stone Free“ ... die Karriere nimmt ihren Lauf. Englands Rock- und Pop-Elite erstarrt zwischen Schock und Ehrfurcht, Who-Gitarrist Pete Townshend ist zunächst frustriert, Jeff Beck ebenso. Überliefert wird, wie Hendrix als Gast bei einem Cream-Konzert Eric Clapton versehentlich an die Wand spielt. Dieser nimmt Chandler zur Seite und faucht: „Du hättest mir verdammt noch einmal sagen müssen, wie gut der ist.“

Triumphal ist die Rückkehr in die USA, das Festival von Monterey 1967 ein Meilenstein. Seine verzerrte Version von „Star Spangled Banner“ wird durch den Woodstock-Film zum berühmten Statement gegen den Vietnamkrieg.

Jimi Hendrix nimmt zu Lebzeiten fünf Alben auf, gräbt nach den Wurzeln des Blues, bedient die Hippie-Kultur in ihrem Verlangen nach psychedelischer Musik, wird irgendwann als ein Begründer des Hardrocks begriffen und erkennt den Jazz als Richtungsweiser in die musikalische Zukunft.

Die Kunstfigur

Immer hartnäckiger wird die Forderung, die Klischees des Entertainers zu erfüllen. Der Schwarze, der, dem Vorurteil entsprechend, sexuelle Bereitschaft bühnenreif zelebriert. Einer, der in bunten Klamotten die Saiten mit den Zähnen zupft, seine Stratocaster mit Benzin übergießt und in Flammen aufgehen lässt oder mit dem Instrument im Nacken die Sensationsgier seiner Fans befriedigt. Von Konzert zu Konzert gehetzt, sichtlich ermüdet, kommt Hendrix zur Erkenntnis: „Ich will kein Clown, keiner von diesen Rockstars mehr sein, die irgendwann fett werden. Ich will richtige Musik machen.“

Der Tod kommt dazwischen, setzt aber der Tragik kein Ende. Hemmungslos wird zunächst alles in teils miserabler Tonqualität auf den Markt geschmissen, was der Nachlass hergibt. „Es sind sogar Sachen unter dem Namen Hendrix erschienen, auf denen er nicht mitgewirkt hat“, weiß der Wiener Reinhart Probst. Derartige Irreführungen haben in seiner Sammlung, der wohl größten Österreichs, keinen Platz. Auf 1.200 Singles, LPs und CDs aus aller Welt steht Hendrix. Und Hendrix ist selbstverständlich auch drinnen.

Ob er am 22. Jänner 1969 im Wiener Konzerthaus war? „Ich war 13 und durfte nicht hin.“ Also hat er an diesem Abend getan, was er heute noch mit Vorliebe tut: „Ich habe eine Hendrix-Platte aufgelegt. “

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