SALZBUGER FESTSPIELE: FOTOTERMIN "JEDERMANN" / EIDINGER / CLEVER

© APA/BARBARA GINDL / BARBARA GINDL

Kultur
07/19/2021

"Jedermann"-Kritiken: "Stark und wahrhaftig"

"F.A.Z.": Eidinger "gibt der ausgeweideten Paraderolle eine neue Wendung". "NZZ": "Keine Sekunde ist der reiche Mann dieser taffen Frau gewachsen".

Am Samstag hatte zum Auftakt der Salzburger Festspiele der "Jedermann" Premiere.

Im Folgenden eine kleine Rundschau von auslÀndischen Pressestimmen.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

"Dieser Jedermann stirbt zweimal: einmal als Mann und einmal als Mensch. (...) Man sieht einen in seinen Standesfesten erschĂŒtterten Mann, der sich bei jedem Schritt nach Bestrafung fĂŒr seine patriarchalischen Auftritte sehnt, einer, dem seine eigenen ManneskrĂ€fte zuwider sind, schon lange bevor die Glocken lĂ€uten und er von der Festtafel abberufen wird. Kein joviales Röhren, kein angeberisches Brust raus ist hier zu sehen - dieser Mann weiß von Beginn an, dass er von Frauenhand fallen muss. Seine Buhlschaft, die von der jungen, quirligen Salzburgerin Verena Altenberger unbefangen und aufmĂŒpfig gespielt wird, hat ihn in der Hand, umarmt, herzt und kĂŒsst ihn, als wĂ€re er eine liebesbedĂŒrftige Puppe. Aber schon wenig spĂ€ter schlĂ€gt ihm der Tod mit voller Wucht die Faust vor die Brust. Mit ihm, der in der majestĂ€tischen, Gehorsam gebietenden Gestalt von Edith Clever auftritt, erlebt der Abend eine eindrucksvolle ZĂ€sur. Denn von nun an sind die Geschlechterfragen beiseitegekehrt wie ein Haufen feuchtes Laub. Von nun an geht es nicht mehr um den Mann, sondern um den Menschen. (...) Wie von den BĂŒrden der sexuellen Selbstbefragung befreit, kann sich Eidingers Jedermann im zweiten Teil ganz auf die Schwere seiner Existenz konzentrieren. Kann sich selbst ernst nehmen und seine identitĂ€re Befangenheit ablegen: Jetzt, im Moment des drohenden Abschieds, nimmt dieser Jedermann eine geradezu heroische Haltung ein."

"WĂ€hrend die Neuinszenierung von Michael Sturminger zunĂ€chst noch versucht, die Hofmannsthal'sche Handlung mit dem ĂŒblichen Brimborium zu konterkarieren, effektvolle Slapstick und stilisierte BoxkĂ€mpfe (herausragend durch seine Physis und PrĂ€senz: Mirco Kreibich als Schuldknecht) bemĂŒht, um der Kunstsprache Paroli zu bieten, zieht die Regie sich mit dem Auftritt der Clever auffallend zurĂŒck, wird unprĂ€tentiös und gibt den Spielern Raum. Was auch zu guten EinfĂ€llen fĂŒhrt wie etwa dem, die 'Werke' diesmal als Chor auftreten zu lassen. (...) Die Salzburger Verpflichtung von Eidinger ist ein Besetzungscoup, wie er zuletzt Peter Stein gelang, als er Gert Voss zum Jedermann ĂŒberredete. Eidinger verkörpert durch seine Berliner Herkunft jenes Anti-Salzburgtum, das schon in der Vergangenheit immer wieder fĂŒr Aufsehen bei den Festspielen gesorgt hat. Sein Auftritt unterspielt die Tradition des protzenden, viril auffahrenden Lebemannes und gibt der ausgeweideten Paraderolle damit eine neue Wendung."

SALZBURGER FESTSPIELE 2021: PROBE "JEDERMANN"

"SĂŒddeutsche Zeitung"

"Mit verblĂŒffender Selbstsicherheit tritt die neue Buhlschaft Verena Altenberger ins Bild, und eigentlich ist sie es auch, die sich hier als Herrin der GeldsĂ€cke und Immobilien prĂ€sentiert, zu Jedermanns Monolog ĂŒber das schöne Luxusleben bewegt sie synchron die Lippen. Klar, wer hier die Hosen anhat und ein Interesse daran, dass die Armen bloß nicht ĂŒbermĂŒtig werden; die von Jedermann eingeforderte MildtĂ€tigkeit muss auf ein Minimum begrenzt werden, damit das kapitalistische Oben-Unten-Schema nicht aus den Fugen gerĂ€t. So weiblich war der "Jedermann" noch nie, mit Mavie Hörbiger in der Doppelrolle als Gott und Teufel, Angela Winkler als Jedermanns Mutter, Edith Clever als Tod und Kathleen Morgeneyer als Glaube dominieren die Frauen das Geschehen. Und dann darf mit Verena Altenberger die erste Salzburgerin in der Festspielgeschichte ĂŒberhaupt die Buhlschaft spielen. 'MĂ€nnlich dominante Denkmuster' will Sturminger aufbrechen, deshalb sind einige Figuren fast schon penetrant genderfluid, die MĂ€nner stöckeln mit hohen AbsĂ€tzen lustvoll herum, wĂ€hrend die Frauen ĂŒber Leben und Tod entscheiden. Lars Eidinger ist klug genug, sich nicht völlig dem Spektakel hinzugeben und gelegentlich auf die Bremse zu steigen. Allerdings ist sein Jedermann anfangs bedrohlich nahe an der Farce: Wie ein nicht mehr ganz junger Glam-Rocker jagt er in einer senfgelben Schlaghose ĂŒber die BĂŒhne, immer auf der Suche nach dem nĂ€chsten Kick, dem nĂ€chsten Opfer."

"Im zweiten Teil verliert die Inszenierung deutlich an Tempo und Kraft, aber es gibt ja den Tod: die unvergleichliche Edith Clever. Clever schaut, mit ihren nach oben drapierten Haarhörnern, ein wenig aus wie eine bedrohliche Fee aus einer Disney-Verfilmung. Aber deutlich und majestĂ€tisch ruhig klingen ihre Worte bis in die letzten Reihen im riesigen Schauspielhaus. Der Tod drĂ€ngt, ein bisserl was geht ja doch immer noch, nicht gleich zum Aufbruch, er lĂ€sst dem Jedermann sein letztes StĂŒndchen, damit er ein paar Dinge in Ordnung bringen kann. Es folgen Jammern und ZĂ€hneklappern, das große Erschrecken ĂŒber das baldige Ende, das ist der Wendepunkt in jeder Inszenierung. Ja, der Mann versteht sowohl was von krĂ€nkenden wie von gekrĂ€nkten MĂ€nnern, er beherrscht das Manische wie das Depressive. (...) Am Schluss wird's dann noch mal sehr katholisch, und die Inszenierung fĂ€llt endgĂŒltig auseinander. Die guten Werke sind belanglose Geister in weißen GewĂ€ndern, der Teufel (Mavie Hörbiger) wirkt wie aus einem Bully-Herbig-Film entliehen. Treulosigkeit, Verrat und dann plötzlich wieder Hoffnung, LĂ€uterung: An dieser Klippe sind schon viele Theatermacher gescheitert. Eidinger scheint jetzt fast abwesend, er taumelt etwas zu mĂ€rtyrerhaft dem Ende entgegen, die Unterhose hĂ€ngt schwer durch. Den 'Jedermann' zu einem wĂŒrdevollen Ende zu geleiten, das wĂ€re mal eine Meisterleistung."

SALZBUGER FESTSPIELE: FOTOTERMIN "JEDERMANN" / EIDINGER / SPIEKER / KREIBICH
SALZBURGER FESTSPIELE 2021: PROBE "JEDERMANN"

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