Kultur
11.06.2018

Interview mit Wim Wenders über Papst-Doku: „Das ist der Hammer“

Wim Wenders hat Interviews mit dem Papst geführt und diese zu einer intensiven Papst-Botschaft montiert.

Dass Wim Wenders in jungen Jahren selbst Priester werden wollte, verwundert nicht. Schon gar nicht, wenn man seine neue, schwärmerische Doku „ Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ (Filmstart: Donnerstag) sieht. Erzählt wie eine Predigt, lässt der deutsche Regisseur Papst Franziskus mit viel Pathosmusik in die Kamera blicken und zum Publikum sprechen: Sympathisch, humorvoll, eindringlich.

Kein Zweifel, Wenders, der sich selbst als ökumenischer Christ bezeichnet, liebt diesen Papst.Warum, das erzählt er im Gespräch.

KURIER: Wie kam es dazu, dass Sie einen Film über den Papst drehen?

Wim Wenders: Ich selbst hätte mir das in meinen kühnsten Träumen nicht ausgedacht – das war nicht in meinem Lebensplan drin. Aber im Herbst 2013 kam ein Brief aus dem Vatikan, in dem ich gefragt wurde, ob ich mich für einen Film über den Papst interessieren könnte. Ich schrieb zurück, dass ich a priori interessiert wäre, aber gern ein bisschen mehr darüber wüsste.

Verzeihung, aber wie kam der Vatikan gerade auf Sie? Haben Sie gefragt?

Das habe ich schon gefragt. Dario Viganò, Präfekt des Kommunikationssekretariats, meinte, er habe sich das wohl überlegt. Dann kam heraus, dass er ein Cinephiler ist, der Film studierte und unterrichtete und auch Bücher darüber geschrieben hat. Vor langer Zeit betrieb er als junger Kaplan einen Filmclub in Rom, bei dem ich zu Besuch war. Das war Anfang der 70er-Jahre und ich kann mich nur ganz vage daran erinnern. Aber er hat es mir anhand des Filmprogramms bewiesen.

Könnte man Ihren Film als klassische Auftragsarbeit bezeichnen?

Nein, das finde ich falsch. Der Film wurde vom Vatikan initiiert, aber ab dann wurde alles mir überlassen. Wenn es eine Produktion von Vatikan TV gewesen wäre, hätte ich es nicht gemacht. Aber die Aufgabe ging damit einher, dass ich selbst produzieren beziehungsweise einen Produzenten und einen Verleiher suchen musste. Es gab auch kein Konzept, und der Vatikan hielt sich aus allem heraus.

Kennt der Papst Ihre Filme?

Nö. Er hat gesagt, er habe viel von mir gehört, aber keinen einzigen Film von mir gesehen – „Und Sie müssen wissen: Ich schaue sowieso keine Filme.“ Auch diesen Film hat er übrigens nicht gesehen.

Warum lassen Sie den Papst in die Kamera sprechen wie bei einer Predigt?

Ich selbst wollte nicht als Gesprächspartner vorkommen und auch nicht, dass es aussieht wie ein Interview. Ich wollte, dass er mit den Menschen spricht – und dass der Film nicht von ihm handelt, sondern von den Dingen, die ihm wichtig sind. Ich wusste, er ist ein bescheidener Mensch, der gerne arm ist und findet, dass wir alle mit weniger auskommen können – deswegen wollte ich auch keinen aufwendigen Film machen. Nachdem ich schon in der einmaligen Situation war, mit ihm Aug’ in Aug’ zu sprechen, wollte ich das gerne mit anderen teilen.

Sie selbst kommen trotzdem sehr ausführlich in Form eines Off-Kommentars über Franz von Assisi zu Wort.

Das war mir ganz wichtig: Denn dass sich jemand heute nach dem heiligen Franz von Assisi nennt, ist der Hammer, finde ich. Das hat noch niemand gewagt.

Was begeistert Sie so an Franz von Assisi?

Franz von Assisi war ein Revolutionär, der vor 800 Jahren gelebt hat. Einer, der heute seinen Namen nimmt, packt an, was Assisi damals wichtig war: Solidarität mit den Armen und Ausgestoßenen, ein neues Verhältnis zur Natur, Frieden unter den Religionen. Deswegen war es mir wichtig, dass die Leute mitkriegen, was der Name zu bedeuten hat.

Es fällt auf, dass der Papst wenig über den Glauben, aber viel über Politik spricht.

Es war für mich überraschend, wie weltoffen der Papst ist, wie sehr er sich mit sozialen Umständen auskannte und wie wichtig es ihm auch war, nicht nur zu Christen, sondern zu allen Menschen zu sprechen. Er will niemanden missionieren und wendet sich an alle.    

Hätten Sie sich vorstellen können, auch einmal eine Meinung des Papstes nicht zu teilen?

Nein. Ich wollte ja auch keinen kritischen Film über den Papst machen – das ist ein anderer Job. Der Film sollte ihm als Medium dienen, das direkten Zugang zu den Menschen herstellt. Im Prinzip funktioniert es auch nicht anders als bei den alten Herren von meinem Film  „Buena Vista Social Club“ oder  „Pina“ Bausch. Ich mache Filme über Dinge, die ich gerne mag und die ich gerne teile.

Der Papst ist  charismatisch, aber die Amtskirche steht nicht gerade für Offenheit.

Ja, und diese Trennlinie habe ich auch gespürt – wo der Papst gerne anders würde, wenn er nur könnte. Zum Beispiel die Frage nach dem Mitwirken der Frauen in der Kirche: Können Frauen Priester werden? Das habe ich ihn gefragt, und da meinte er,  klar,  irgendwann kommt das – „aber ich werde das nicht erleben.“