Regisseurin Uisenma Borchu spielt in ihrem Film „Schwarze Milch“ auch die Hauptrolle 

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Kino
07/14/2020

Interview mit Regisseurin Borchu: „Ich bin immer aussortiert worden“

Die deutsch-mongolische Regisseurin Uisenma Borchu kehrt in „Schwarze Milch“ in die Wüste Gobi zurück

von Alexandra Seibel

Was wäre, wenn man ein komplett anderes Leben gelebt hätte? Wenn man nicht im Alter von vier Jahren nach Deutschland ausgewandert, sondern stattdessen in der Mongolei geblieben wäre? Bei den Nomaden?

„Wenn ich dich damals zurückgelassen hätte, wärst du jetzt irgendwo in der Wüste, hättest vier Kinder und wärst eine typische Nomadin“: Diesen lachenden Satz hat Uisenma Borchu von ihrer Mutter oft gehört. Damals befanden sie sich schon im Osten Deutschlands.

Geboren aber wurde Uisenma Borchu 1984 in Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei.

„Wie es gewesen wäre, in der Mongolei aufzuwachsen, diesen Gedanken fand ich interessant“, sagt Uisenma Borchu im KURIER-Interview in Wien nachdenklich: „Irgendwie hätte ich mir das schon vorstellen können.“

Ihre Mutter aber hat anders entschieden und die Familie 1989 in die ehemalige DDR übersiedelt, wo man als mongolisches Kind schnell mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert wurde: „Ich bin immer aussortiert worden“, erinnert sich Borchu: „Das war in einer Kleinstadt im Osten Deutschlands einfach das Schicksal der Ausländer. Du spürst, du bist nicht willkommen. Das lässt dich einfach politisch werden, ob du willst oder nicht.“Das Gefühl von Fremdsein prägte Uisenma Borchus Leben von Anfang an und zieht auch in ihrem neuen Film „Schwarze Milch“ (derzeit im Kino) seine Spuren.

Ossi trifft Wessi

„Schwarze Milch“ erzählt mit dokumentarischem Feingefühl von einer jungen, in Deutschland aufgewachsenen, hippen Mongolin namens Wessi – gespielt von Borchu selbst –, die eines Tages beschließt, ihre Schwester Ossi zu besuchen. Ossi lebt als Nomadin in der Wüste Gobi und ist denkbar weit vom Lebensstil ihrer westlich assimilierten Schwester entfernt: „Ich weiß, Ossi und Wessi sind als Begriffe ziemlich platt, aber ich bin mit diesen Wörtern groß geworden“, erläutert die Regisseurin: „Es hieß in Deutschland über Ex-DDR-Bürger immer: ,Ach, das sind die Scheiß-Ossis‘ – und umgekehrt. In der Mongolei waren wir, aus dem Westen kommend, die Wessis, und die Mongolen die Ossis. Deswegen habe ich die Schwestern Wessi und Ossi genannt.“

Bereits bei ihrem Diplomfilm „Schau mich nicht so an“, den sie zum Abschluss ihres Regiestudiums an der Filmhochschule in München gedreht hat, spielt Uisenma Borchu eine Hauptrolle. In „Schwarze Milch“ spielt an ihrer Seite ihre Cousine Gunsmaa Tsogzol, die die Rolle der Ossi übernommen hat.

Wiederfinden der Seele

„Vor einigen Jahren wurde mir klar, dass ich einen Film über das Wiederfinden meiner anderen Seele – der Schwester – machen wollte“, erzählt die 36-jährige Borchu über ihren Wunsch, die Mongolei zu besuchen: „Da war diese Sehnsucht nach etwas, was vielleicht gar nicht mehr existiert. Im besten Fall findest du zur dir selbst zurück. Und das hat nichts mit Nationalität zu tun.“

Wessi lässt also ihren Freund – gespielt von einem erbosten Franz Rogowski – in München sitzen und stöbert ihre Schwester in ihrer Jurte in der Wüste Gobi auf.

Zwischen den beiden Frauen herrscht große Zuneigung, aber auch ein Gefühl von Fremdheit und Anderssein: „Ich trage in meiner Figur als Wessi eine Arroganz in mir, die ich selbst erlebt habe. Nun bin ich es, die als junge, emanzipierte West-Frau in die Mongolei zurückkehrt und sich denkt: Die Nomadenfrauen sind unterdrückt.“

Ossi, die gerade schwanger ist, führt einerseits ein unabhängiges Leben und sorgt mit starker Hand für ihren Unterhalt zwischen rauer Natur und Viehzucht. Ihr Mann erweist sich als weitgehend nutzlos und schaut nur selten vorbei. Trotzdem unterwirft sich Ossi bestimmten Regeln, die von ihrer aufgeklärten Schwester als unfair betrachtet werden.

So darf zum Beispiel die Nomadenfrau traditionellerweise nicht selbst ein Tier schlachten – ein Verbot, das Wessi zum Widerspruch reizt: „Die Nomaden, die ich kenne, und vor allem die Frauen sind extrem stark. Sonst hätten sie gar keine Chance, zu überleben.“

Provokante Sexualität

Vor allem in puncto Sexualität provoziert Wessi die prüde Ossi mit ihren erotischen Fantasien. Zudem hat sie ein Auge auf einen älteren Nomaden namens Terbish geworfen und malt sich blumige Sexszenen mit ihm aus.

Nicht nur die Schwester ist schockiert, sondern auch Terbish Demberel, der Laiendarsteller selbst: „Ich glaube, dass Terbish von den Sexszenen ein bisschen überfordert war“, meint Uisenma Borchu verschmitzt: „Das Sexleben dort ist nicht so, wie wir das kennen, sondern findet meist im Dunkeln statt. Wir sind diese Szenen sehr offensiv angegangen: Ich wollte die unmittelbare Reaktion von Terbish und den Moment, wenn wir plötzlich eine nackte Frau vor ihn hinstellen, unbedingt einfangen.“

Doch es kommt nicht nur zu zärtlichen Begegnungen wie der zwischen Wessi und Terbish, sondern auch zu einer Vergewaltigung, als nächtens ein betrunkener Mann in die Jurte der Frauen eindringt: „Man weiß, dass es viele sexuelle Übergriffe unter den Nomaden gibt, aber die Frauen nicht darüber sprechen. Es ist ein Tabuthema“, sagt Uisenma Borchu, die von dieser Problematik schon seit ihrer Kindheit weiß: „Der Begriff der schwarzen Milch kam mir beim Schreiben des Drehbuchs und ist wie eine Form der Rebellion. Für mich sind diese Frauen unantastbar, auch wenn die physisch attackiert werden. Die schwarze Milch ist ein Ursymbol für die Kraft der Frau.“

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