Kultur
06.10.2018

Interview mit Udo Kier: Sachertorte zum Frühstück

Udo Kier war einer der Stargäste des /slash Filmfestivals in Wien. Ein Gespräch über seine Karriere (in Hollywood).

Niemand hat so tolle Augen wie Udo Kier. Egal, ob er als Andy Warhols Dracula, als Vampir in „Blade“, als Hans from Germany in „My Own Private Idaho“ oder in David Schalkos „Altes Geld“ von der Leinwand blickt – keiner fesselt unseren Blick wie er.

Geboren 1944 in Köln, hat der Deutsche in ganz unterschiedlichen Rollen sein Publikum fasziniert – von kleinen Schundfilmen bis hin zu Hollywood-Produktionen. Heute lebt Kier in Palm Springs – aber eigentlich begann alles in Wien.

KURIER: Herr Kier, könnte man sagen, dass in Wien Ihre Filmkarriere begonnen hat?

Udo Kier: Aber ja, mich verbindet alles mit Wien, weil ich hier meinen allerersten Film –„Schamlos“ (1968) – gedreht habe. Ich war nach London gegangen, um Englisch zu lernen, weil wir zu Hause in Köln kein Geld fürs Gymnasium hatten. In London wurde ich entdeckt – zuerst für einen Kurzfilm. Dann kam sofort die größte Agentur der Welt, William Morris, und nahm mich unter Vertrag. Das erste Angebot war „Schamlos“. Das war sehr spannend, und ich habe mich richtig gut vorbereitet. In Wien nahm ich Karate-Unterricht und ließ mir eine Lederjacke machen. Das war mein erster Spielfilm in Schwarzweiß. Danach kam sofort mein erster Farbfilm, „Hexen bis aufs Blut gequält“ (1969), der in Mauterndorf entstand. Also wieder in Österreich. Und schließlich bekam ich vor zwei Jahren dann einen Anruf von David Schalko, der gerade die TV-Serie „Altes Geld“ (2015) drehte. Gert Voss war krank geworden, und er wollte mich an dessen Stelle besetzen. Ich sagte: „Moment mal. Den Knecht vom Burgtheater ersetzen, ist einfach, aber nicht den König.“ Als Gert Voss kurz darauf starb, habe ich angenommen. Und die österreichischen Kollegen waren alle sehr lieb zu mir.

Sie spielen ja auch in Schalkos neuer, noch nicht ausgestrahlter Mini-TV-Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ mit. Was habe Sie da für eine Rolle?

Ich spiele einen Fotografen, der durch Wien läuft und Menschen fotografiert. Bei der Gelegenheit fotografiere ich auch M, also den Kindermörder, auf einem Kinderspielplatz. Der Fotograf, den ich spiele, hat einen Fuchsmantel an, trägt eine Kamera bei sich und geht überall dahin, wo es ihn interessiert. Zu Hause hat er eine Wand voll mit Fotos, und da ist auch M darunter.

Als Fan von wie Fritz Langs „M“ ist es schwierig, sich seinen Film als TV-Serie vorzustellen.

Es ist, Gott sei Dank, so lange her, dass es wieder funktioniert. Bei David Schalko ist die Hauptdarstellerin von „M“ die Stadt Wien und ihre Gassen. Aber es stimmt schon: Ich habe in dem Vampirfilm „Blade“ (1998), Teil eins gedreht, dann kamen die Fortsetzunge zwei und drei... und ich wollte nichts damit zu tun haben. Das Original ist immer besser, und danach geht es nur darum, Geld zu verdienen. Aber derzeit sind in Amerika nur Remakes und Fortsetzungen in Produktion. Das ist furchtbar.

Ihre Rolle in Gus van Sants „My Own Private Idaho“ (1991) öffnete Ihnen die Türe nach Hollywood. Würden Sie das auch so sehen?

Ich verdanke Gus van Sant alles. Er hat sich gerade in Palm Springs, wo ich auch wohne, das ehemalige Haus von Cary Grant gekauft. Ich habe ihn ganz exklusiv eingeladen, denn alles, was ich besitze, verdanke ich ihm. Ich wohne in einer Bücherei, die ich mir gekauft habe. Ich habe eine Ranch mit einem Plastikpferd namens Max von Sydow – weil er in „Exorzist“ so schön stark war. Ich habe Gus van Sant in Berlin während der Filmfestspiele kennen gelernt. Ein junger Mann kam auf mich zu und sagte, er habe gerade einen Film um 20.000 Dollar namens „Mala Noche“ (1986) gedreht. In seinem nächsten Film würden Keanu Reeves und River Phoenix mitspielen und da hätte er noch eine Rolle namens Hans. Ich dachte damals: „Was die alle daher reden auf Festivals... Diese Regisseure sind so einsam.“ Danach haben wir uns Briefe geschrieben, mit Tinte. Alle wichtigen Briefe werden mit Tinte geschrieben. Er verschaffte mir schließlich eine Arbeitserlaubnis und ich reiste nach Portland. Nach der Premiere wohnte ich bei einer Freundin in Los Angeles und plante bereits meine Abreise. Plötzlich sagte sie: „Warum bleibst du eigentlich nicht hier?“ Und so bin ich dort geblieben. Ich hatte Glück, denn wenn ich mich für einen Film vorstellen ging, hatten alle „My Own Private Idaho“ gesehen. Heute lebe ich die meiste Zeit in Palm Springs, wenn ich nicht gerade drehe.

Sie spielen in sehr vielen neuen Filmen – zuletzt in zwei, die auf dem Filmfestival in Venedig liefen. Gibt es gerade so etwas wie ein Udo-Kier-Revival?

Ja, ich bekomme derzeit auch sehr viele Preise. Ich glaube, dass die Leute denken: „Jetzt ist er 74 Jahre alt, jetzt müssen wir schnell noch was machen, bevor er im Rollstuhl sitzt und nicht mehr gehen kann.“

Was für einen Typus hat Hollywood in Ihnen gesucht?

Ich spiele keine Amerikaner, weil ich einen deutschen Akzent habe. Aber es gibt viele Rollen, die ich nicht annehme.

Sie meinen die klassischen „Nazi-Rollen“?

Genau. Ich sollte gerade in einem wichtigen Film den Nazi-Doktor Mengele spielen, da habe ich gesagt: „Auf keinen Fall.“ Und letzte Woche haben Sie mir Adolf Eichmann angeboten, aber da habe ich auch Nein gesagt. Ich spiele zwar Adolf Hitler in dem Comic-Sci-Fi-Film „Iron Sky“ (2012), sitze auf einem Dinosaurier auf dem Mond und schreie „Heil, ihr Mutterficker.“ Aber das ist etwas anderes. Bei Christoph Schlingensief in „100 Jahre Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“ (1989) habe ich auch den Hitler gespielt. Und ich habe Hitler als Frau verkleidet gespielt, untergetaucht in London, wo er auf sein Ticket nach Argentinien wartet. Das waren alles Komödien, aber ernsthaft – nein, das geht nicht. Da müsste ich ja in diese Person einfühlen, und das würde mich deprimieren. Und es gibt ja genug andere Rollen für mich in Hollywood, aber es ist immer „der Deutsche“. Einfach ist es nicht. Aber die Leute finden mich und rufen mich an. Ich habe noch nie in meinem Leben zu einem Regisseur gesagt: „Ich möchte mit Ihnen arbeiten.“

Warum nicht? Gibt es keine?

Sicher gibt es die. Aber stellen Sie sich vor, ich gehe zu David Lynch und sage: „Ich würde gerne mit Ihnen arbeiten.“ Dann könnte er darauf sagen: „Wer denn nicht?“ Und dann müsste ich im Erdboden versinken. Ich sage einfach zu Regisseuren: „Ich mag Ihre Filme.“ Das reicht als Kompliment.

Sie haben ja auch eine formidable Karriere im Horror-Fach abgelegt. Wie kam es dazu?

Ich bin eben ein „lucky man“. Ich saß im Flugzeug von Rom nach München neben einem Mann. Die Amerikaner fragen ja immer, was man so macht, und so erzählte ich ihm, dass ich Schauspieler sei. Ich hab“ ihm gleich mein Foto unter die Nase gehalten, und er hat sich meine Telefonnummer auf die letzte Seite seines amerikanischen Passes geschrieben. Dann habe ich ihn gefragt, was er denn so mache. Und er (Paul Morrissey, Anm.) meinte, er sei Regisseur für Andy Warhol. Das ist dreißig Jahre her und Andy Warhol war damals gerade sehr „in“. Ein paar Wochen später bekam ich einen Anruf von Morrissey, wo er erzählte, er mache einen Film für Sophia Lorens Mann, Carlo Ponti und hätte eine Rolle in „Andy Warhols Frankenstein“ (1973) für mich – und zwar den Frankenstein. Am letzten Drehtag in Rom in Cinecitta – Fellini drehte gerade nebenan – kam er herein und meinte, ich solle auch die Hauptrolle für sein nächstes Projekt, „Andy Warhol“s Dracula“ (1974) übernehmen. Allerdings müsse ich innerhalb einer Woche fünf Kilo abnehmen. Ich sagte, kein Problem. Am Ende meiner Hunger-Diät musst ich dann als Dracula im Rollstuhl sitzen, weil ich nicht mehr stehen konnte. Aber genau so sind die meisten Filme für mich entstanden.

Sie haben auch sehr intensiv mit Lars von Trier zusammengearbeitet.

Lars von Trier ist einer meiner guten Freunde, mit dem ich zehn Filme gedreht habe. Mein Lieblingsfilm mit ihm ist wohl der in der Fernseh-Serie „Die Geister“, wo ich als Baby geboren werde. Ich habe ihm auf einen Festival kennengelernt, wo ich meinen ersten und letzten Kurzfilm „Letzte Reise nach Harrisburg“ (1984) vorstellte. Ich hatte kein Geld mehr für die Synchronstimmen, und da hat sich Rainer Werner Fassbinder angeboten, für mich die Synchronstimmen zu übernehmen. Mein Film wurde mit Lars“ Film „The Element of Crime“ (1984) in Mannheim gezeigt. Als ich seinen Film sah, bestand ich darauf, dass er den ersten Preis bekommt und ich diesen Regisseur kennen lerne. Ich erwartete jemand wie Fassbinder oder Kubrick, schwarz gekleidet, sich kratzend und schlecht gelaunt. Und dann kam so ein junger Studenten-Typ, und das war Lars von Trier. Ein paar Monaten später kam ein Anruf von ihm, er drehe jetzt „Medea“ (1988) und ich solle den Mann von Medea spielen. Er trug mir auf, mir einen Monat lang nicht den Bart zu rasieren und die Haare nicht zu waschen, damit ich wie ein Wikinger aussehe. Das habe ich dann gemacht und die Rolle bekommen. Das war der Anfang unserer Freundschaft.

Sind Sie eigentlich noch in Kontakt mit Helmut Berger?

Ich war eigentlich nie so richtig in Kontakt mit ihm. Im Alter von 21 Jahren war ich in London zum Shoppen. Damals gab es einen legendären Nachtclub – Danny La Rue – in den ich unbedingt einmal hinein wollte, was ich auch getan habe. Plötzlich kam der Kellner auf mich zu und sagte: „Herr Visconti möchte Sie zu einem Glas Champagner einladen.“ Ich wusste damals nicht, wer Luchino Visconti (italienischer Regisseur, Anm.) war und sagte nur: „Warum kommt der Mann denn nicht selbst her?“. Visconti kam und meinte, er sei mit seinem Freund, dem Ballettänzer Rudolf Nurejew da und wolle mich einladen. Ich ging mit an den Tisch, an dem auch Helmut Berger saß und sagte zu ihm, wir könnten ja auch Deutsch miteinander sprechen, er sei doch auch Deutscher. „Ich bin Österreicher“, sagte Berger und ich: „Aha, „tschuldigung.“ Das war sein erster Satz zu mir. Wir haben dann später gemeinsam einen Film gemacht, der hießt: „Das fünfte Gebot“ (1978), wo ich einen Kommissar spielte und er einen Gangster. Dann spielten wir Geschwister ich einem holländischen Film („Unter Palmen“, 1999, Anm.). Aber ich habe Helmut nie besucht oder getroffen. Der Helmut hat immer gerne die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ich weiß aber nicht, was er jetzt macht.

Stimmt es, dass Sie gern in Wien leben würden?

Wenn es mir in Amerika zu bunt wird und ich in Europa wohnen würde, dann würde ich nach Wien gehen. Ich habe diesen negativen Humor so gerne (fällt ins Wienerische): „Na heast, na geh...Oida.“ Man gibt auf, bevor man es überhaupt versucht hat. Ich finde das schön. Ich würde in der Blutgasse wohnen und dort kleine Fledermäuse heraus hängen lassen. Und schon morgens frühstücke ich Sachertorte.