Kultur
04.11.2018

Interview mit Roedelius: Heilende Hände spielen heilende Töne

Elektronik-Pionier Hans-Joachim Roedelius spricht über den „Hasch“-Club, Alban Bergs Geschenk und seinen Freund David Bowie

Als „Ansammlung glücklicher Zufälle“ sieht Hans-Joachim Roedelius sein bewegtes Leben – den Weg vom Heilmasseur, der aus der DDR flüchtete, in West-Berlin mit den Bands Cluster und Harmonia zum Pionier der elektronischen Avantgarde wurde, jetzt in Baden bei Wien lebt und nur mehr Klavier spielt. Auch die Begegnung mit Christoph Müller, dem Begründer der „Electro-Tango“-Band Gotan Project, ist so ein Zufall. Jetzt hat Roedelius mit ihm das zweite Duo-Album „Imagori II“ veröffentlicht.

KURIER: Wie haben Sie Christoph Müller kennengelernt?

Hans-Joachim Roedelius: Das war im Zuge der Präsentation einer Installation, für die ich die Musik geschrieben habe. Dabei haben wir zusammen live gespielt und sofort eine Freundschaft begonnen. Unser erstes Album „Imagori“ ist über eine Online-Verbindung entstanden. Ich habe ihm übers Netz Stücke geschickt, die er bearbeitet hat. Aber für „Imagori II“ ist Christoph zu mir gekommen.

 

Sie haben in Baden auch ein Tonstudio?

Genau. Da habe ich ein schönes Klavier. Und auch das exzellente koreanische Young Chang Klavier. Das hat mir Alban Berg aus dem Grab heraus geschenkt.

Wie hat er denn das gemacht?

Das war auch einer dieser glücklichen Momente: Als wir 1978 nach Österreich zogen, hatten wir nichts, kein einziges Instrument. Deshalb habe ich die Alban Berg-Stiftung wegen einer Förderung angeschrieben. Das lehnten sie zuerst ab, schrieben: „Sie können Noten weder lesen noch schreiben und haben auch mit der Zwölftonmusik nichts am Hut!“ Nach vier Wochen kam aber noch ein Brief, mit der Einladung zu einem Gespräch. Und so haben sie mich dann über die Jahre mit insgesamt fast 100.000 Schilling gefördert. Mein Klavier, mein Studio und mein gesamtes Werkzeug habe ich aus dem Nachlass von Alban Berg.

Warum konnten Sie aus Berlin nichts mitnehmen?

Wir hatten ja dort auch nichts, wir haben ja immer nur darauflos pioniert. Wir wollten eine eigene Klangsprache finden und haben experimentiert. Ich habe aber entdeckt, dass ich auch eine genetische Vorbestimmung zum Musikmachen habe. Einer meiner Ahnen war Kantor, ein Zeitgenosse von Bach, und die haben in Leipzig zusammengearbeitet. Mein Ahne hat viele Sachen geschrieben, die im Bach-Archiv gelandet sind. Eines Tages hat das Bach-Archiv bei mir angerufen und gefragt: Willst du wissen, was dein Großvater gemacht hat?

 

Und trotz der Vorbestimmung haben Sie in der DDR nicht ans Musikmachen gedacht?

Nein, das hat sich erst später ergeben. Ich bin als Jugendlicher geflohen, weil ich zur Nationalen Volksarmee eingezogen werden sollte. Meine Familie wollte mich aber zurückhaben. Sie haben gefragt: Tun sie unserem Sohn etwas, wenn er freiwillig zurückkommt? Die sagten: Nein. Also kam ich freiwillig zurück, und prompt haben sie mich für zwei Jahre eingesperrt.

Mit welcher Begründung?

Ich soll ein Spion gewesen sein! Na ja, egal! Nach dem Gefängnis durfte ich jedenfalls studieren, habe das Examen als Krankengymnast gemacht und in Ostberlin viele berühmte Leute geknetet. So bin ich in Künstlerkreise geraten und habe in meiner Wohnung auch viele Künstler aus dem Westen empfangen. Das hat ihnen nicht gepasst. Und weil ich ja immer noch unter Stasi-Beobachtung stand, haben sie mich vorgeladen. Da habe ich so einen Bammel bekommen, dass ich endgültig geflohen bin. Im Westen habe ich wieder Künstler geknetet. Und irgendwann hat mich das, was die erzählten, mehr interessiert als mein Beruf. Obwohl: Die Heilerei ist schon meine Berufung. Ich mache mit der Musik ja auch nichts anderes.

In Westberlin haben Sie mit dem Joseph-Beuys-Schüler Conrad Schnitzler das „Zodiak Free Arts Lab für experimentelle Live-Musik“ gegründet.

Schnitzler war sozusagen mein Ziehvater. Seine Familie hat mich bei sich aufgenommen, wir haben zusammen alte Häuser renoviert  und begonnen, Musik zu machen. Der Club sollte eine Basis für Leute sein, die musikalisch etwas machen wollten – ohne Förderung, rein privat. Wir haben Bier verkauft, Suppe gekocht und Brote geschmiert, damit wir ein bisschen was einnehmen konnten. Und wenn wir oder jemand anderer gespielt hat, haben wir Eintritt verlangt. Aber das war schon ein richtiger Hasch-Club, jeder hat gequalmt, jeder nahm Drogen. Deshalb ist er dann auch geschlossen worden.

 

Warum  haben Sie sich  von der elektronischen Musik ab- und dem Klavier zugewandt?

Weil mich der Kram, den wir da gemacht haben, irgendwann genervt hat. Es ist ja noch nicht erforscht,was dieelektronische Musik klanglich und psychoakustisch anrichten kann, wie  sie auf Körper und Seele wirkt. Wir haben Leute ohnmächtig gespielt! In der Frankfurter Kunsthalle ist eine Frau einfach umgefallen – vielleicht  durch die Lautstärke, vermutlich aber auch durch die Frequenzen. Da haben wir  nachgegrübelt, ob das, was wir da machen, gut ist. Wir sind dann aber ohnehin aufs Land gezogen,  wo  die Musik automatisch lieblicher wurde. Dort stand ein Klavier – verstimmt, aber mit  schwingenden Saiten. Dieser Klang hat mich damals  schon mehr berührt als das, was wir gemacht haben. Und dann bin ich von dem Chef von Bösendorfer, der mein Freund war, nach Österreich gelockt worden. Meine erste Klavier-Platte durfte ich auf seinem Flügel in seiner Wohnung in Wien aufnehmen.

Kam die Liebe zum Klavier, weil das ein wärmerer Klang ist als bei der Elektronik?

Ich habe ja immer versucht, das Warme aus der Elektronik rauszuholen, damit das Herz und die Seele auch etwas davon haben. Wenn man weiß, was man tut, ist das auch nicht schwer. Die Wirkung auf Herz und Seele liegt  ja auch nicht an dem Material, mit dem man Musik macht, sondern am Künstler und   seinem Bewusstsein. Daran, wie sehr  er sich darauf einlässt, was ihm  vorgegeben ist – auf die Bestimmung, die ihm von der Schöpfung zugewiesen wurde.

Sie waren auch mit David Bowie befreundet, der Fan von Cluster und Harmonia war. Warum haben Sie nie zusammen Musik gemacht?

Das hat sich leider nicht ergeben. Aber das war so ein lieber, lieber Mensch. Und auch so unterschiedlich: Als Künstler ein Gigant, als Mensch bescheiden und still. Ich erinnere mich, als er in der Arena gespielt hat: Da haben wir ihn in seinem Künstler-Wagen besucht.  Wir sind dort mit ihm gesessen und haben ewig lang gequatscht. Wir haben nur so gestaunt, was der Liebe Gott da geschaffen hat, um die Welt zu beglücken.