Kultur
16.06.2018

Interview mit Peter Simonischek: Die Begabung des Verdrängens

Peter Simonischek spielt im humorigen Roadmovie „Der Dolmetscher“ den Sohn eines Nazi-Verbrechers.

Zwei ältere Herren unternehmen eine Fahrt durch die Slowakei: Der eine ist Sohn eines Nazis, der dort Verbrechen begannen hat; der andere Sohn jüdischer Eltern, die im Krieg umgekommen sind.

Peter Simonischek spielt in dem Roadmovie „Der Dolmetscher“ (ab Freitag im Kino) den Täter-Sohn.

Ein Gespräch über Verdrängen, Betrügen und Sterben (auf der Bühne).

KURIER:Herr Simonischek, Sie spielen den Sohn eines Nazis, der versucht, die Schuld des Vaters zu verdrängen. Ist das eine typisch österreichische Rolle?

Peter Simonischek: Ich würde sagen, es ist kein reiner Zufall, dass sich Regisseur Martin Škulik einen Wiener für diese Rolle ausgedacht hat. Der Wiener hat ein Talent zum Überleben. Einer seiner typischen Sätze lautet ja: Das geht sich eh aus. Soll heißen: Es gibt immer irgendwie einen Umweg, der hilft, sich nicht mit wirklich existentiellen Dingen konfrontieren zu müssen. Wir als Österreicher waren ja auch kollektiv mit Verdrängen beschäftigt, bis die Affäre Waldheim aufs Tapet kam. Insofern muss man ihm fast dankbar sein: Waldheim war für das Thema der österreichischen Mitschuld an den Greueltaten von Nazi-Deutschland ein bisschen wie das Glycol für den Weinskandal (kichert). Ein Katalysator, der die Wahrheit ans Licht bringt. Man hat natürlich diese Lesart von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus, wie es im Staatsvertrag stand, gerne angenommen. Wenn man also die Begabung des Verdrängens als österreichische Eigenschaft bezeichnen möchte, wäre das ein Argument dafür. Es hat uns keine große Mühe gemacht, uns als erstes Opfer anzusehen. Man muss sich ja nicht ständig die Heldenplatz-Fotos von 1938 anschauen. (lacht)

Empfinden Sie die Auseinandersetzung mit Faschismus gerade heute als brisantes Thema?

Faschismus und Diktatur sind leider immer ein Thema. Und Demokratie ist immer in Gefahr. Es gibt erstaunlich viele junge Leute, die nichts oder nur wenig über die NS-Vergangenheit wissen. Außerdem geht es im „Dolmetscher“ ja auch speziell um eine slowakische Sicht und darum, inwieweit die Slowaken an Greueltaten beteiligt gewesen waren. Das ist keineswegs unaktuell. In Polen versucht man gerade, den Umgang mit der Vergangenheit durch ein Gesetz zu regeln – damit den Polen nicht Auschwitz „in die Schuhe geschoben“ werden kann. Wer Polen die Mitverantwortung für die Verbrechen Nazi-Deutschlands zuschreibt, riskiert eine Gefängnisstrafe. Aber dem Film gelingt es, über diese Spannungsverhältnisse humorvoll zu erzählen – und das ist die Leistung des tschechoslowakischen Kinos.

Ihr Filmpartner, Regisseur Jiří Menzel, ist ja eine legendäre Figur des tschechischen Kinos.

Ja, er hat 1968 für seinen wunderbaren Film namens „Scharf beobachtete Züge“ einen Oscar bekommen. Dieser Film ist ein Vergnügen!

Einmal fällt der Satz: „Betrügen muss man mit Freude.“ Wie sehen Sie das?

Würde ich sofort unterschreiben – wenn’s denn sein muss. Wenn schon, denn schon. Und eine gute Ausrede ist wichtig. Man ehrt den oder die Betrogene durch gute Lügen, die keine kurzen Beine haben. Denn nichts ist demütigender für alle, als wenn man aufgeblattelt wird, wie man so sagt. Es gibt diesen schönen Spruch: Wenn die Stunde der Wahrheit kommt, gibt’s nur eins: Lügen, lügen, lügen. Das ist nicht unbedingt meine Meinung, aber die Meinung eines ganzen Genres im französischen Theater.

 

Im Film wird einmal die Frage an Sie gerichtet: „Ist Ihnen das nicht peinlich?“ Wie stehen Sie als Schauspieler zum Konzept von Peinlichkeit?

Das ist eine spannende Frage, weil man als Schauspieler von Berufs wegen oft mit vermeintlichen Peinlichkeiten konfrontiert wird. Auch bei Inszenierungen stellt sich manchmal die Frage, inwieweit man etwas mit trägt und ab wann etwas geschmacklos wird.  Manche suchen sich Peinlichkeiten aus, um Glocken schrillen zu lassen, damit die Leute überhaupt  hingucken. Ich erinnere mich aber an Situationen, wo ich gesagt habe,  das lohnt sich nicht. Ich bin nicht ein Schauspieler, der die Meinung vertritt, derjenige ist der größte Künstler, der alle Tabus hinter sich lässt. Man kann sich jeglicher Keuschheit entledigen. Dann können sich Schauspieler oft gar nicht davor bewahren, dass sie die Hose herunterlassen. Aber nicht der, der alle Hemmschwelle überschreitet, ist der beste Schauspieler. Das ist ein  großes Missverständnis.

„Der Dolmetscher“ handelt auch vom Älterwerden. Ist Ihnen dieses Thema nahe?

Dieses Thema nähert sich von selbst an, da muss man gar nichts dafür tun. Nach der Kindheit hat man den Eindruck,  dass der Turbo hochgefahren wird. Und plötzlich, so um die 70, hast du das Gefühl: Oha, jetzt fahren sie das alles wieder herunter. Vor 50, 60 Jahren wurde alles hochgefahren,  zum Leben hin, und ab 70  wird der Schalter wieder umgelegt, das Kraftwerk wird langsamer und wie so ein riesiger Tanker zum Stehen gebracht. Da braucht man  dringend Humor, denn der Kampf gegen das Alter wird in jedem Fall verloren.

Sie selbst sind ja im Kino auch schon sehr eindrucksvoll und lang gestorben, etwa in Götz Spielmanns „Oktober November“. Ist der eigene Tod eine Rolle wie jede andere?

Also, Schauspielerisch ist das Sterben in jedem Fall unbefriedigend (lacht), weil natürlich jeder im Publikum weiß, dass Sie lügen. Mein Beruf besteht aus Lügen mit Wahrhaftigkeit. Aber schon die alten Griechen wusste, dass man Sterben  auf der Bühne mit Mitteln der „Mauerschau“ darstellt: Jemand steht auf der Bühne und berichtet vom Tod, ohne dass etwas gezeigt wird. Da ist die Fantasie des Zuschauers gefragt. Oder bei „Hamlet“, zum Beispiel: Der Degen ist vergiftet und es geht zack zack. Aber im Film von Götz Spielmann, wo das Sterben Thema ist, war es ein kühnes Unterfangen. Ihm ist ein toller Film gelungen, aber dem Schauspieler wird eine Hypothek aufgelastet.

Was kann  Kino für Sie, was Theater nicht kann?

Das Kino kann konservieren. Es ist schön, dass man sich heute einen tollen Film mit Marilyn Monroe oder James Dean angucken kann, obwohl beide  schon längst in einem anderen Aggregatzustand sind (lacht). Schiller musste noch sagen: „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.“ Ein paar haben den Schauspieler gesehen, dann lebt er noch  ein bisschen in Erzählungen,  dann ist er weg. Vom Schriftsteller kann  man etwas lesen, Bilder eines Malers anschauen, Musik hören – die Kunst des Mimen erlischt. Deswegen heißt die Theaterschauspielerei   auch „das Fest des Augenblicks“.

Sie brauchen beides, oder?

Mir fällt es offenbar schwerer, aufs Theater zu verzichten als auf den Film. Ich wollte Schauspieler werden, weil ich auf der Bühne stehen wollte. Damals war noch eine andere Zeit, und   eine Fernseh- oder Filmkarriere galt als noch exotischer als eine Bühnen-Karriere.

Was empfanden Sie als den besten Moment Ihrer Karriere?

Da gibt es  nach außen hin unscheinbare Glücksmomente – wo zwei Leute einen Dialog führen  und etwas Drittes aufblüht, was einer allein  nicht herstellen könnte. Das ist das Glücksgefühl, für das Schauspieler oft viel auf sich nehmen.

Ich dachte, Sie sagen jetzt „Toni Erdmann“...

Ja, und dann gibt es die äußeren Glücksmomente – und das war  der tollste  Moment in Cannes nach der Vorführung von „Toni Erdmann“. Was da im Zuschauerraum los war, war  das Überwältigendste meiner Karriere.