Eskalierender Tanzfilm mit tollen Tänzern und Sofia Boutella: "Climax"

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Kultur
12/13/2018

Interview mit Gaspar Noé: „Kontrollverlust kann lustig sein“

Nach Schockern wie „Irreversibel“ oder dem Arthouse-Porno „Love“ meldet sich Gaspar Noé mit eskalierendem Tanzfilm „Climax“ zurück.

Gaspar Noé macht gern extreme Filme. Meist sind sie extrem brutal oder extrem intim. Oder beides. Und meist spalten sie sein Publikum radikal. Auf überraschend einhellige Begeisterung stieß er allerdings mit seinem neuen, pulsierenden TanzfilmClimax“ (derzeit im Kino): Darin erzählt der in Argentinien geborene, in Frankreich lebende Filmemacher von einer Gruppe von exzellenten (Hip-Hop-)Tänzern, die 1996 (ohne Handys) in einem abgelegenen Schulgebäude zu dröhnender DJ-Musik irrwitzige Tanzchoreografien einstudieren. Danach wird Party gefeiert. Doch irgendwer hat heimlich Drogen in den Sangria geschüttet – und das nette Fest verwandelt sich allmählich in einen albtraumhaften Trip, der grausam endet.

„War es laut genug?“ will Gaspar Noé, der mit seinem Film die Viennale besuchte, nach der Aufführung von „ Climax“ wissen: „Es muss laut sein, damit es sich anfühlt, als wäre man im Klub.“

KURIER: Apropos Klub: Gehen Sie selbst gerne nachts tanzen?

Gaspar Noé: Ja, ich liebe die Nacht. Typischerweise kann ich vor drei in der Früh nicht einschlafen. Ich bin eher der Nachtmensch. Außerdem liebe ich das Tanzen, seit ich ein Kind bin. Nicht, dass ich ein besonders guter Tänzer wäre, aber Tanzen gehört zu den großen Vergnügungen des Lebens. Ich habe mich in „Climax“ mit meiner Handkamera unter die Tänzer gemischt und mich mit ihnen mitbewegt. Nur die gemeinsam einstudierte Choreografie, die getanzt wird, haben wir mit einem Kran gefilmt.

 

Die Handlung beruht auf wahren Ereignissen?

Das stimmt, aber nur lose. Ich wollte mir Freiheiten nehmen und mir nachher nicht vorwerfen lassen müssen, ich würde respektlos mit der Wahrheit umgehen.

Gleich zu Beginn gibt es eine Casting-Szene, wo die Tänzer gefragt werden, ob sie für die Choreografie alles tun würden. Stellen Sie beim Casting auch solche Fragen?

Ich bin meistens etwas hinterlistig und frage die Leute vor laufender Kamera, ob sie Drogen mögen. Ich mag es nämlich nicht, mit Menschen zu drehen, die eingeraucht oder auf Koks sind. Von mir aus können alle in ihrer Freizeit machen, was sie wollen, aber nicht vor meiner Kamera. Manchmal frage ich auch, ob sie sich nackt ausziehen würden. Nicht, weil ich das wirklich will, sondern nur, um die Reaktion zu sehen. Was die Dreharbeiten zu „Climax“ betrifft, verlief alles unglaublich entspannt. Ich glaube, das war mein glücklichster Dreh überhaupt.

Sie gelten als sehr extremer Filmemacher, der seinen Darstellern viel abverlangt. Wie gelingt Ihnen das?

Ich habe die Tänzer gefragt, was sie gerne machen würden – wen sie gerne küssen, wen sie gerne schlagen würden. Sie begannen, eigene Ideen zu entwickeln. Was den Drogentrip betrifft, den sie spielen sollten, habe ich ihnen YouTube-Clips vorgespielt, die ich im Netz gefunden habe, zum Beispiel von Menschen, die LSD oder Crack genommen haben und durchdrehen. Wenn dann in der der zweiten Hälfte des Films – wir haben chronologisch gedreht – die Drogen einsetzen, haben sie es genossen, verrückt zu spielen.

Sie sagen, Sie mögen Chaos. Was interessiert Sie so daran?

Ich finde, Ordnung im Leben kann ganz schön langweilig werden. Ich mag Ordnung, aber ich mag auch die Unordnung: Kontrollverlust kann ziemlich lustig sein, solange man sich selbst oder andere nicht verletzt.

Warum suchen Sie in Ihren Filmen Extremsituationen – sei es Gewalt, Sex oder Drogen?

In den meisten Ländern dieser Welt werden wir dazu angehalten, animalische Triebe zu unterdrücken. Ich zeige gerne die animalischen Spannungen zwischen wohlerzogenen Menschen. Es macht mir mehr Spaß, Leute dabei zu filmen, wie sie kämpfen oder küssen, als wenn sie sich unterhalten. Es sei denn, ihre Unterhaltung ist wirklich witzig.

Zwei Tänzer führen ein langes Gespräch, indem sie über ihre erotischen Vorlieben bis hin zu sexuellen Gewaltfantasien blödeln. Dachten Sie daran, dass das Zuseher beleidigen könnte?

Natürlich, aber das ist mir egal. Ich fühlte mich nicht beleidigt. Die Szene war improvisiert, und ich habe die beiden Männer aufgefordert, über den Rest der Gruppe dreckig zu reden. Die beiden haben dann einfach losgelegt, und ich konnte mich kaum halten vor Lachen. Man merkt auch, dass die beiden einfach harte Typen markieren, aber in Wahrheit keiner Fliege etwas zuleide tun können.

Als die Drogen zu wirken beginnen, kämpft jeder gegen jeden. Gibt es Ihrer Meinung nach eine Hackordnung‚ die eintritt? Etwa Männer gegen Frauen oder Schwarze gegen Weiße?

Nein, hier geht es nur darum, den zu finden, der die Drogen in den Sangria geschüttet hat. In den meisten Katastrophenfilmen aus Amerika wie „Poseidon“ ist eine Gruppe weißer privilegierter Menschen in einem Raum gefangen. Die, die sterben, sind meistens die Bösen, die, die überleben, die Guten. In Wirklichkeit aber sterben die schwächsten zuerst, die Alten, die Kinder, die Frauen. Ähnlich ist es in „Climax“.

Sangria ist fast schon ein altmodisches Getränk. Wieso gerade Sangria?

Sangria ist ein „happy drink“. Als Kind mag man ja den Geschmack von Alkohol nicht, aber die Früchte und der Zucker schmecken gut. Als Vierzehnjähriger habe ich Partys mit Sangria geworfen, und alle meine Schulkollegen, die sonst nur Cola und Fanta tranken, schlürften Sangria. Um acht am Abend waren alle komplett betrunken auf allen Vieren, und die Eltern meiner Kollegen haben sich dann bei meinen Eltern darüber aufgeregt. (lacht)

Mögen Sie eigentlich österreichisches Kino?

Ja, ich liebe die Filme von Michael Haneke und Ulrich Seidl. „Amour“ ist einer der Filme, wo ich am meisten geweint, „Paradies: Liebe“, wo ich am meisten gelacht habe. Ganz toll finde ich auch den Film „Angst“ (1983) von Gerald Kargl über einen Serienmörder. In Frankreich wurde der Film wegen seiner Gewaltdarstellungen sogar verboten. Er hat mich sehr inspiriert.

Provozieren Sie die Leute gern?

Nein, ich mache einfach nur Filme, die ich selbst gerne sehen würde. Aber nachdem „Climax“ überall so gelobt wurde, wird mein nächster Film sicher verrissen. Man wird nie zwei Mal hinter einander gelobt. (lacht)