Kultur
03.10.2018

Interview mit Regisseur Fritz Ofner: Nicht ohne meine Glock

In der Doku „Weapon of Choice“ erzählt der Kärtner Regisseur Fritz Ofner von der Karriere der heimischen Glock-Pistole.

KURIER: Herr Ofner, die Firma Glock droht jedem mit Klage, der medial ihren Namen in den Mund nimmt. Wie geht es Ihnen? Wurden Sie schon verklagt?

Fritz Ofner: Nein. Als wir die Firma über das Projekt informiert und um ein Interview mit Gaston Glock angefragt haben,   kam gleich ein Rechtsanwaltsbrief als Antwort. Als dann die Pressemitteilung hinaus ging, dass der Film Premiere haben wird, kam ein paar Tage später der nächste Rechtsanwaltsbrief. Darin wurde die Herausgabe des Films sowie einer Liste aller Namen der Mitarbeiter gefordert. Wir haben dann den Anwalt von Gaston Glock zur Premiere eingeladen, und er hat sich den Film angesehen. Danach gab es keine Kommunikation mehr mit der Firma. Natürlich haben wir bei der Herstellung jede nur erdenkliche Sorgfalt walten lassen, damit alle zivil- und medienrechtliche  Auflagen erfüllt sind. Aber wir hatten jahrelang das Damoklesschwert einer möglichen Klage des größten österreichischen Rüstungskonzerns über uns schweben. Da war schon eine sehr fordernde Situation.

Worin genau liegt die Befürchtung? Rufschädigung?

Das weiß ich nicht. In der Vergangenheit wurde es so gehandhabt – und das gibt der ehemalige Glock-Firmen-Anwalt auch zu Protokoll –, dass es zu Firmen- und Medienpolitik der Firma Glock gehörte, jede Berichterstattung durch Klagen zu unterbinden. Und so hat es die Firma in den letzten 35 Jahren geschafft, dass man kaum darüber Bescheid weiß, welche Geschäfte sie machen und mit wem. Das war ein Stück weit die Motivation für diesen Film: Ich wollte das Informationsvakuum, das es über diese Firma in der österreichischen Gesellschaft gibt, aufbrechen.

Der Glock-Mythos klingt ein bisschen so wie „The Sound of Music“: Die ganze Welt kennt es, nur Österreich nicht.

Das war für mich der Ausgangspunkt für diesen Film. Ich war für meine vorherigen Dokus viel in Krisen- und Kriegsgebieten unterwegs und bin dort immer wieder auf den Mythos Glock angesprochen worden: „Bist du aus Österreich? Da kommt die Glock her – gute Pistole!“ Und das hat mich dann zutiefst erstaunt, dass dort, wo geschossen und Gewalt ausgeübt wird, die Glock natürlich ein Householdname ist. In Amerika ist der Name fast zum Synonym für Pistole geworden. Und hier in Österreich, einem Land, das normalerweise so stolz über jeden noch so kleinen Beitrag zum Weltgeschehen ist, weiß kaum jemand über diese Firma und deren weltweite Tragweite Bescheid.

Ihre Doku führt vom Irak bis in die USA zu Gangsta-Rappern. Wie haben Sie Ihre Recherchen geplant?

Die Idee war, der Waffe zu folgen – von der Produktion in Österreich bis hin zu den Menschen und Orten, an denen sie sich eingeschrieben hat. Dann wollte ich den Strömen des Geldes zurück nach Österreich folgen, um herauszufinden, wie Glock von einem kleinen Familienbetrieb zu einem Global Player der Rüstungsindustrie werden konnte. Drei Themenblöcke haben sich herausgebildet. Der erste Block handelt von der Glock in der amerikanischen Waffen- und Populär-Kultur – und das erzählt auch sehr viel über die Rassenpolitik in den USA. Im zweiten Teil geht’s um Gaston Glock, den Mann hinter der Pistole. Und im dritten Teil wollte ich mir anschauen, unter welchen geopolitischen Verhältnissen Glock zum Global Player wurde. Da geht es natürlich um War on Terror, die Kriege im Irak und Afghanistan bis hin zum Islamischen Staat.

 

Was macht die Glock eigentlich so speziell?

Gaston Glock hat in den 80er Jahren – so besagt es zumindest der Mythos – ohne Vorkenntnisse die Glock-Pistole gebaut, weil das österreichische Bundesheer eine neue Pistole gesucht hat. Auf eine gewisse Art und Weise ist es eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, vergleichbar mit Steve Jobs, der in seiner Garage den ersten Apple gebaut hat. Die Glock-Pistole hat die Waffenbautechnik revolutioniert, weil sie zum Großteil aus Kunststoff ist, weniger Teile besitzt, mehr Schuss hat, wartungsärmer und einfacher zu bedienen ist. Gaston Glock ist neben Michail Kalschnikow der große Waffenkonstrukteur des 20. Jahrhunderts. Aber da es sich um eine Pistole handelt, gehen damit viele moralische Fragen einher.

Man hat den Eindruck, dass die Glock  ein Bestseller auf jeder Seite des Gesetzes ist. Stimmt das?

Das hat mich auch überrascht – oder vielleicht ist es auch ganz klar: Dass diese Waffe natürlich immer auf beiden Seiten des Konflikts vorkommt. In Amerika ist es die Standard-Dienstwaffe vieler Polizei-Einheiten. Aber es ist auch die meist besungene Waffe im Gangsta Rap. Im Irak wurde einerseits die Polizei beliefert, andererseits sind die Waffen auch beim islamischen Staat gelandet. Die Washington Post hat die Glock einmal als die „Lieblingswaffe von Amerikas Amokläufern“ genannt, weil so viele Amokläufe und Highschool-Shootings mit einer Glock durchgeführt werden. Diese Ambivalenz, dass diese Waffe immer auf beiden Seiten des Konflikts auftaucht, hat mich interessiert und zieht sich als roter Faden durch den Film.

Können Sie nachvollziehen, warum diese Waffe für viele so einen Fetisch-Charakter hat?


Ich habe bei der Waffentrainerin, die in meinem Film vorkommt, auch einen Schießkurs besucht. Das heißt, ich bin einmal in die Bedienung des Schießens eingeführt worden. Auf mich persönlich hat diese Waffe keine Anziehungskraft. Ich will keine Waffen in meiner Nähe haben. Aber mir war es wichtig, zu verstehen, warum andere Leute sie verwenden wollen. Und das hat viel mit Angst zu tun.

Und verstehen Sie’s jetzt?

Ich wollte die Pistole wie ein Objekt betrachten. Wertfrei gesehen, ist es einfach ein tragbares Tötungswerkzeug. Das geht mit sehr viel Macht für die Besitzer einher und wird von ihnen mit sehr viel Bedeutung aufgeladen. Das erzählt viel über unsere Zeit – ob das jetzt die Waffentrainerin ist, die sich vor dem Einbrecher oder Vergewaltiger schützen will; oder der ehemalige Gangster, der gesellschaftlichen Aufstieg mit der Waffe verbindet; oder das IS-Mitglied, das den Dschihad führen will; oder der Polizist, der damit Recht und Ordnung durchsetzen möchte. Jeder gibt diesem Objekt eine Bedeutung – und das wollte ich verstehen.

Sie interviewen sehr interessante Gesprächspartner, etwa ein Ex-Gang-Mitglied aus L.A. Wie haben sie ihn gefunden?

Ich war gemeinsam mit meiner Co-Regisseurin Eva Hausberger insgesamt sechs Monate in den USA. Der ehemalige Gangster oder jener Soldat, der Saddam Hussein festgenommen und dessen Glock-Pistole an George W. Bush weiter gegeben hat – es war fast Detektivarbeit, diese Leute zu finden.

 Wie sieht eigentlich der Waffengebrauch in Österreich aus?

 In Österreich ist im Jahr 2015 die Zahl des privaten Waffenbesitzes sprunghaft angestiegen. Das hat mit den Fluchtbewegungen und dem damit einhergehenden gesellschaftlichen Unsicherheitsgefühl zu tun. Es ist eine Spirale der Gewalt. Zuerst wurden Waffen in den Irak geliefert. Das österreichische Wirtschaftsministerium hat argumentiert, dass sie nur an die Polizei geliefert werden. Dann landeten die Waffen aber auch bei den Terroristen. Die Leute bekriegen sich dort mit derselben Waffe, es kommt zu einer Fluchtbewegung, die bis nach Österreich reicht und für ein Gefühl der Unsicherheit sorgt. Auch hier steigt der Waffenbesitz sprunghaft an. Und am Ende des Tages profitiert immer der Waffenhersteller.

Zu dieser Waffenlieferung gab es auch eine parlamentarische Anfrage, oder?

Ja, Peter Pilz hat das damals thematisiert. Glock hat in Briefen an die Regierung gedroht, dass er den Produktionsstandort aus Österreich abziehen werde, wenn die Waffenexporte in den Irak nicht genehmigt würden. Das Wirtschaftsministerium hat den Export unter der Auflage genehmigt, dass die Waffen nicht an die Terroristen gelangen. Im Endeffekt haben die Interessen des Waffenkonzerns gesiegt.

Ein sehr trauriges Bild ist jenes eines jüdischen Friedhofs, der sich auf dem Glock-Firmengelände befindet und dort völlig dem Verfall preisgegeben wird.

Ich war auch total überrascht, als ich diesen jüdischen Friedhof in Deutsch-Wagram entdeckt habe. Aber es ist ein starkes Symbolbild, weil es zeigt, dass der Umgang Österreichs mit dem Thema Waffenproduktion und Waffenexporte ähnlich ist wie lange Zeit der Umgang mit dem Holocaust. Man will nichts davon wissen. Der jüdische Friedhof, eingefriedet mit den Betonmauern der Waffenfabrik, ist so ein Sinnbild für dieses gesellschaftliche Wegschauen davon, dass Österreich im großen Stil am internationalen Waffenhandel partizipiert.