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Film
01/14/2022

Birgit Minichmayr: „Ich bin eine richtige Warmduscherin“

Die Burgschauspielerin übernimmt in der Tragikomödie „Wanda, mein Wunder“ die Rolle einer frustrierten, reichen Tochter

von Alexandra Seibel

Eine reiche Schweizer Familie hat eine polnische Heimhilfe namens Wanda engagiert, um den pflegebedürftigen Patriarchen zu betreuen. Als Wanda überraschend schwanger wird, bricht das Chaos aus.

In der Tragikomödie „Wanda, mein Wunder“ von Bettina Oberli (derzeit im Kino) beginnen die bürgerlichen Fassaden von Weltoffenheit zu bröckeln. Allen voran die Tochter Sophie, kongenial gespielt von Birgit Minichmayr, erweist sich als boshafte Person mit starken Vorurteilen.

KURIER: Frau Minichmayr, in der Tragikomödie „Wanda, mein Wunder“ haben Sie mit Abstand die unsympathischste Rolle in dem gesamten Film übernommen.

Birgit Minichmayr: Definitiv!

Was hat Sie daran interessiert, eine reiche, arrogante und vorurteilsbehaftete Frau zu spielen?

Für mein Verständnis war es ein untypisches Rollenangebot im Vergleich zu dem, was mir sonst so angeboten wird. Ich hatte große Lust darauf.

Was wird Ihnen denn sonst so angeboten?

Meistens Charaktere, die freier agieren. So jemand Verbitterten, Frustrierten und Unsympathischen habe ich, glaub’ ich, noch nie gespielt.

Mochten Sie an dieser Frau auch irgendetwas?

Genau das alles.

Ein Schweizer Kritiker hat geschrieben, dass Sie perfekt darin sind, eine Kratzbürste zu verkörpern.

Ich, beziehungsweise meine Figuren, haben oft einen Trotz in sich, sind aber nicht so emotionserkaltet wie diese Sophie. Sophie ist eine Tochter aus gutem Haus und so karriereorientiert, dass sie sich nur über Erfolg definiert. Sie wird ja im Film als frustrierte Henne bezeichnet, und sie ist wirklich sehr frustriert. Diese Figur bietet sich dazu an, dass man sich über sie lustig macht.

Sophie ist auch jene Figur, die sich offen abwertend über „die Polin“ äußert, die ihrer Meinung nach nur auf Geld aus ist.

Ja, sie spricht ungehemmt ihre Vorurteile aus und ist zudem auch ein bisschen dumm. Wenn jemand neben mir so daherreden würde, wäre ich schon ziemlich fassungslos.

Wie wichtig nimmt der Film die Probleme einer Migrantin, die schlecht entlohnte Pflegedienste verrichtet?

Meiner Ansicht nach sehr wichtig. Es gibt diese sexuellen Übergriffe, von denen der Film erzählt und die in der Pflege sehr wohl entstehen. Der alte Familienvater verwechselt den sexuellen Dienst, den Wanda ihm leistet, mit einem Liebesakt. Ich finde auch, dass die Pandemie gezeigt hat, dass wir die Situation von Pflegerinnen viel mehr in den Mittelpunkt stellen müssen. Die Zeit für den Applaus auf dem Balkon ist vorbei. Die geleistete Arbeit muss auch finanziell größere Wertschätzung erfahren. Ich hoffe, die Politik setzt in der Richtung Schritte, aber bis jetzt ist noch nichts geschehen.

Der Film schwankt zwischen Komödie und Tragödie. Wo sehen Sie ihn angesiedelt?

Genau dazwischen. Er kommt humorig daher, lässt aber seine Figuren trotzdem nicht im Klischee stehen. Er ist keine Opfer-Täter-Geschichte und auch kein Sozialdrama.

Einmal tanzen Sie im Vollrausch mit Ihrer „Mutter“, gespielt von Marthe Keller. Es heißt, Betrunkene zu spielen, sei besonders schwierig.

Ist es auch, weil es schnell zum Klischee wird und übertrieben wirkt. Aber wir haben uns schon ein gediegenes Gläschen Rotwein zusammen gegönnt, Marthe und ich. Das hat Spaß gemacht. Aber wenn ich mich privat so besaufen würde, wie die Figur im Film – da würde ich aus dem Bild fallen.

Sie mussten sich auch angezogen ins Wasser stürzen und zu einem Boot schwimmen. Drehen Sie solche Szenen gerne?

Für mich war diese Szene der blanke Horror. Erstens war der Zürcher See schweinekalt. Man hat mir zwar einen Neoprenanzug gegeben, den ich unter meiner Kleidung trug, aber es hat ewig lang gedauert. Ich musste mich ins Wasser stürzen, zum Boot hinaus schwimmen, Asche aus der Urne nehmen, über dem Wasser verteilen und dann wieder zurückschwimmen. Zweitens bin ich keine gute Schwimmerin. Beim Schifahren bin ich top, aber beim Schwimmen bin ich sauschlecht. Außerdem macht mich kaltes Wasser richtig aggressiv. Bei dieser Szene war ich ein kleines Wutpinkerl. Früher war kaltes Wasser für mich kein Problem, ich konnte stundenlang in Bächen mit 12 Grad herum springen, aber je älter ich werde, desto schlimmer wird es. Ich bin eine richtige Warmduscherin. (lacht)

Sie arbeiten derzeit auch an einem Serienprojekt?

Ja, es gibt mehrere Länder, die zu den Machenschaften des Weltfußballs eine Serie produzieren. Andreas Prochaska dreht eine mit Tobias Moretti und Servus TV in Österreich, ich mache es für die ARD. Ich spiele eine Staatsanwältin, die auf korrupte Vorgänge im Weltfußball stößt. Die Serie heißt „Das Netz – Ein Wintermärchen“ und wird nächstes Jahr kurz vor dem Anpfiff in Katar ausgestrahlt.

Apropos Serie: Streamen Sie gern?

Ich hab das, ehrlich gesagt, abgeschafft. Ich hab den Streamingdienst Mubi abonniert, dessen Filmangebot meinem Geschmack und meinem Verständnis von Überschaubarkeit entspricht. Dieses Herumsuchen in einem Überangebot finde ich erschöpfend. Ich fühle mich dann frustriert, als hätte ich nur Junkfood gegessen. Serien schaue ich mir nur noch auf Empfehlungen an. Und die gute alte DVD gibt es bei mir auch noch (lacht).

Wunder-Wanda

In ihrer sympathischen, prägnant gespielten Familien-Dramedy „Wanda, mein Wunder“ erzählt die Schweizer Regisseurin Bettina Oberli von einer superreichen Schweizer Familie und deren Konflikt mit der polnischen Heimhilfe Wanda (Agnieszka Grochowska)

Familienchaos

Wanda kümmert sich in erster Linie um den bettlägrigen, alten  Familienvater. Gegen Geld erweist sie ihm  sexuelle Dienste. Regisseurin Oberli erzählt diese Situation nicht als Opfer-Täter-Drama, sondern als  kühles Tauschgeschäft

Wohlfühl-Ende

Als plötzlich die Möglichkeit im Raum steht, dass Wanda „offizielles“ Mitglied der Familie werden könnte, brechen Konflikte und Ressentiments auf. Vor allem Tochter Sophie zeigt ihre Vorurteile. Wanda gerät in den Hintergrund, denn die Familie ist plötzlich stark mit sich selbst beschäftigt. Das Wohlfühl-Ende lässt sich als schöne Utopie verstehen

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