Ina Müller singt auf ihrem neuen Album "55" über das Alter, Schwächen, Liebschaften und Vergänglichkeiten.

© Sandra Ludewig/Sony Music

Kultur
11/22/2020

Ina Müller mit "55": Große Klappe und viel dahinter

Sie singt, moderiert und unterhält. Ina Müller im Gespräch über das neue Album „55“, Falten und kleine Unverschämtheiten.

von Marco Weise

Während es viele unhöflich finden, wenn sie nach ihrem Alter gefragt werden, schreibt es Ina Müller groß aufs Plattencover: „55“. Es ist der Titel ihres neuen Albums, bei dem sich das Älterwerden wie ein roter Faden durch die Songs zieht: Sie erzählen von eigenen Schwächen, vergangenen Liebschaften und Vergänglichkeiten. Themen, denen die Moderatorin, Sängerin und Kabarettistin mit Selbstironie, klugen Texten und schönen Melodien begegnet.

KURIER: Sie haben das Album in Zeiten von Corona-Maßnahmen aufgenommen. War das problematisch?

Ina Müller: Nein. Ich hatte Corona-bedingt mehr Zeit als sonst, wurde nur selten gestört und konnte so konzentriert mit den Musikern im Studio arbeiten. Das war für alle Beteiligten angenehm und für die Musik ein Gewinn. Jetzt macht mir dieses doofe Virus aber einen Strich durch die Rechnung. Denn ich kann nicht einfach nach Wien fliegen, um dort mein Album zu präsentieren.

Wie entstehen Ihre Songs?

Als Erstes sind immer die Texte fertig und dann kommt erst die Musik. Ich habe eigentlich auch immer eine gewisse Vorstellung davon, wie ein Song klingen soll, habe dazu eine Melodie im Kopf. Sobald ein Text fertig ist, kommt dann mein Freund Johannes Oerding ins Spiel, mit dem ich die Musik erarbeite. Die muss zum Song, zum Text passen. Ich kann es mir zum Glück leisten, kein Konzept zu haben, sondern das einfach Step by Step entstehen zu lassen. Die Plattenfirma mischt sich bei mir nicht ein.

Hat es eher Vor- oder Nachteile, wenn man mit dem Partner Musik macht?

Mehr Vorteile. Wenn man mit jemandem arbeitet, den man nicht oder nicht so gut kennt, braucht es für kleine Dinge viel Zeit. Man muss da ja einen bestimmten Umgangston pflegen, vorsichtig sein, wenn man Kritik äußert. Man will den anderen ja nicht verletzen. Beim eigenen Freund reicht halt meistens ein Blick und dann weiß der schon, was Sache ist (lacht).

In den Texten drücken Sie Ihre Liebe zu Hamburg aus. Gibt es etwas, das Sie an der Stadt nicht mögen?

Es ist das, was ich auch in anderen Städten verabscheue: Es ist das Ausmaß des Autoverkehrs. Vor allem sind es die großen SUVs, die mich stören, weil sie den Fußgängern und Fahrradfahrern ihren Platz klauen. Der Fußgänger ist immer das letzte Glied in der Kette. Das nervt mich und das gilt es in Zukunft zu ändern. Eigentlich sollten die Innenstädte weltweit autofrei sein.

Sie singen über Fußball, der im Fernsehen läuft. Schauen Sie Fußball?

Ja. Ich gehe meistens zum HSV. Hauptsächlich wegen des Entertainment, der Stimmung, der Wurst, dem Bier und weniger aus Leidenschaft für den Verein. Aber aktuell muss ich sagen, dass ich mich immer mehr von Fußball wegbewege. Ich kann mit diesen Geisterspielen nichts anfangen. Das hat für mich Kreisliga-Charme. Und das kann ich nur schwer ertragen.

Ein Song heißt „So hätt ich also sein soll’n“. Wem richten Sie das aus?

Also ich habe da keine konkrete Person vor mir gehabt. Es geht im Text um diese komische Situation: Man trifft nach Jahren einen Ex-Freund mit einer anderen Frau, die das Gegenteil von einem selber ist. In diesem Moment ist man ja erstmal überrascht und fragt sich: So hätt ich also sein soll’n?

Apropos Überraschung. Sie überraschen ja immer wieder mit ihrer Schlagfertigkeit. Wann sind Sie einmal sprachlos?

Bei Unverschämtheiten.

Also wenn sich jemand an der Kasse vordrängt.

Das ist eine zu kleine Unverschämtheit. Eher dann, wenn du von einem guten Freund, einer guten Freundin enttäuscht wirst.

Wie arbeiten Sie an Ihrer Schlagfertigkeit?

Daran kann man nicht arbeiten, aber ich finde, dass das Alter eine große Rolle spielt. Lebenserfahrung macht einen schlagfertiger. Und gelassener. Und demütiger. Man macht mit zunehmenden Alter einfach früher den Mund auf, spricht Dinge, die einen stören, früher an. Das Ganze schwankt dann oft zwischen Altersweisheit und Altersstarrsinn (lacht).

Ein Song heißt „Die Zeit fliegt Dir davon“. Können Sie etwas mit dem Lebensmotto Carpe diem anfangen?

Carpe diem – lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter. Das ist ein richtiger Scheißspruch. Was würde man denn dann jeden Tag machen?

Keine Ahnung.

Ich sag es Ihnen: Man würde sicherlich nicht zur Arbeit gehen, sicherlich keine unangenehmen Telefonate führen und sicherlich keine Dinge machen, auf die man keine Lust hat. Sondern man würde jeden Tag spät aufstehen, anfangen zu trinken, Sex haben, durch die Straßen tanzen, weitertrinken, noch einmal Sex haben und dann irgendwann glücklich einschlafen. Und wenn man das jeden Tag macht, ist man vielleicht glücklicher, wird aber sicher nicht besonders alt!

Sie gehen mit Ihren Falten offen um. Wie geht es Ihnen, wenn Sie Frauen in Ihrem Alter sehen, die bereits einige Schönheitsoperationen hinter sich haben?

Ich fühle mich dann immer ein bisschen verraten, weil es ja oft auch Frauen sind, die einem als Vorbilder dienten. Man sagt, wow, die steht mitten im Leben, altert in Würde. Und auf einmal sieht man es dann doch. Und zwar sehr deutlich. Da habe ich fast Tränen in den Augen. Ich bin jetzt Mitte 50 und versuche, im Fernsehen und auf Instagram mit gutem Licht zu operieren. Damit kaschiere ich meine Falten. Ich möchte auch in Zukunft nichts an meinem Gesicht machen lassen. Aber wer weiß, vielleicht interessiert mich mein Geschwätz von heute ja morgen schon nicht mehr (lacht).

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.