Alfred Pfabigan, „Tatort“-Kenner und Philosoph.

© /Philipp Wilhelmer

In Tschiller steckt auch die AfD-Wut
10/16/2016

"In Tschiller steckt auch die AfD-Wut"

Philosoph Alfred Pfabigan hat dem "Tatort" ein Buch gewidmet und ortet eine Wertegemeinschaft.

von Philipp Wilhelmer

Der Wiener Philosoph Alfred Pfabigan hat mit seinem Buch "Mord zum Sonntag" eine "Tatortphilosophie" erarbeitet. Ein Gespräch über die Funktion von Mord und Totschlag im Fernsehen.

Warum sehen sich die Menschen den Mord so gerne an? In der gesamten Kulturgeschichte konnte man sich an diesem inhaltlich recht banalen Vorgang nicht satt sehen.

Alfred Pfabigan: Wenn es das Böse nicht gäbe, wären wir unsterblich. Oder wenn es den Fehler nicht gäbe – wenn wir gesund leben, wenn wir nicht saufen, rauchen, zwei Mal in der Woche ins Fitnessstudio gehen und in den Wald gehen um unser Immunsystem zu stärken. Wenn nicht ein Böser kommt, der uns tötet oder ausbeutet, dann erreichen wir die 120 Jahre, die die Bibel weisgesagt hat.

Sie zitieren in ihrem Buch dazu den Religionsphilosophen René Girard, der von einem unermesslichen Gewaltpotenzial im Menschen schreibt, das vom Mord auf offener Bühne im Zaum gehalten wird.

In Filmen oder Theaterstücken wird ein Opfer dargebracht, aber auch ein Sündenbock präsentiert. Beides hat eine tröstende Funktion: Der, der auf der Bühne umgebracht wird, sind nicht Sie. Und der, der auf der Bühne gemordet hat, waren auch nicht Sie, auch wenn Sie vielleicht eine ähnliche Emotion haben wie der Mörder. Ein doppelter beglückender Freispruch.

Dieses Glück zieht sich bis in den Sonntagabend des öffentlich-rechtlichen Fernsehzuschauers. Warum ist der " Tatort" Ihrer Meinung nach so hip geworden? Junge Menschen twittern dazu, schauen sich gemeinsam in angesagten Lokalen neue Folgen an.

Der "Tatort" hat an einem bestimmten Punkt das Bobo-Über-Ich besetzt. Bei ihm gibt es immer gute Grüne, aber böse Fremdenhasser, oder üble Spekulanten. Da hat sich eine Wertegemeinschaft gebildet. Ich hätte deshalb gerne einmal einen "Tatort"-Mord in einem grünen Ortsverein.

Ist es nicht auch ein Symptom des Neo-Biedermeier der jungen Leute, dass man sich eine althergebrachte Serie anschaut, die schon die Großeltern geschaut haben? Alles ist harmlos, vertraut und man kann innerlich ein bisschen die Heimat abschreiten.

Es ist tatsächlich in bestimmten Milieus noch ein Delikt, wenn am Sonntag um 20.30 Uhr angerufen wird. Da wird "Tatort" geschaut. Es beendet die Woche. Man wird nicht gefordert. Irgendwie rundet das ab. Es ist nicht aber die biedermeiersche Idylle, in der alle glücklich sind, sondern eine selbstzufriedene: Wir schauen zufrieden dem ausbeuterischen Fleischfabrikanten zu, der rumänische Schlachter um drei Euro illegal beschäftigt. Das ist eine gefakte bürgerliche Revolution.

Der "Tatort" steht moralisch immer auf der Seite des kleinen Mannes. Wie links steht die Serie in ihrer Ideologie?

In der Entstehungsgeschichte haben sich die Leute, die den "Tatort" begründet haben, als links definiert. Die haben sich damals parallel zu Willy Brandt gesetzt. Das Links-Sein des "Tatort" funktioniert aber nur, wenn es um wirtschaftsaktive Subjekte geht. Der "Tatort" ist übrigens nicht links, wenn es auf die sexuelle Ebene geht. Homosexuelle kommen schlecht weg. Auch Frauen.

Die erfolgreichste Folge war "Rot-rot-tot" in den achtziger Jahren, wo die emanzipierte Ehefrau ihren Mann betrügt. Er ermordet sie dann – natürlich. Das schlägt in diese Kerbe.

Sie flirtet auch mit dem Sohn und ist promisk. Ja, das ist nicht uncharakteristisch.

Die "Tatort"-Kommissare sind im Gegensatz zu ihren US-Kollegen keine Actionhelden. Einer sticht jedoch hervor: Til Schweiger macht mit Nick Tschiller einen Action-Bombast .

Das ist gerade eine experimentelle Phase. Tschiller ist eines von den Experimenten. Wobei ich sagen muss: Nach früheren "Tatort"-Kriterien ist Tschiller rechts. Der verteidigt deutsches Territorium gegen bösartige Zuwanderer. So hätte man das zumindest früher beurteilt, als Menschen mit Migrationshintergrund im "Tatort" ausschließlich nette Gemüsehändler waren.

Bewegt sich der "Tatort" mit der Gesellschaft weiter nach rechts?

Man muss etwa Nick Tschiller im Zusammenhang sehen mit dem, was sich in Deutschland abspielt. In Tschiller steckt auch ein bisschen die AfD- oder Pegida-Wut, die ihn zum Handeln bringt.

Welche "Tatort"-Figur hat Sie besonders bewegt?

Ich war entsetzt über die Anlegung der Figur der Adele Neuhauser, der Bibi Fellner. Eine unwürdige Frau mit einer Tasche voll mit Jägermeister und mit einem Zuhältergeliebten. Irgendwo ist es der Adele Neuhauser gelungen, durch ihre Schauspielkunst und ihre Damenhaftigkeit die Autoren zu erziehen. Ich bewundere, dass sie aus der kaputten Figur eine glaubhafte und ihr entsprechende gemacht hat.

Man sagt ihr auch nach, sie habe Harald Krassnitzer gerettet.

Sie spielt ihn an die Wand.

Gibt es eigentlich eine "Tatort"-Philosophie, die sich Ihnen in der Recherche erschlossen hat?

Der "Tatort" ist eine Sache, die dem Tod irgendwo seine Dramatik nimmt, die das alles leicht macht, stärker in ein Entertainment verwandelt als amerikanische Serien. Wenn jemand zum Opfer wird, hat das in anderen Serien eine viel größere Schwere.

Infos zum Buch: Alfred Pfabigan: "Mord zum Sonntag - Tatortphilosophie", Residenzverlag. 208 Seiten. 20 Euro.

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