Was sehen Sie auf diesem Bild? Links die Angelobung Trumps, rechts die von Obama (2009)

© REUTERS/STAFF

Alternative für Amerika
01/24/2017

In den USA hat der Kampf um die Realität begonnen

Dank "Alternativer Fakten" geht es nicht mehr nur um "Fake News", sondern um das Monopol auf das, was real ist. Eine Analyse.

von Georg Leyrer

Krieg ist Frieden; Freiheit ist Sklaverei; Unwissenheit ist Stärke. (George Orwell, „1984“)

Es ist ein bisschen der Einserschmäh, in politischen Diskussionen Orwell zu bemühen. Dessen "1984" ist sowohl ein bedrückender Vorgriff auf eine Informationsdiktatur, als auch eine oftmals missbrauchte Zitateschleuder ("Big Brother is watching you"). Und daher eigentlich zu vermeiden.

Jetzt aber muss es sein.

Denn in den ersten Stunden nach dem Amtsantritt von Donald Trump hat sich der bisherige erbitterte Streit Trumps mit den Medien darüber, was "Fake News" sind, noch einmal auf eine neue Ebene begeben: Eine Trump-Beraterin pochte in einem Interview darauf, dass das, was sie sagte, nicht falsch sei, wie ihr ein Journalist vorhielt – es wären "alternative Fakten".

Eine Begriffs-Neuschöpfung, die einschlug und schon heißer Kandidat für das Unwort des Jahres ist. Denn der US-Präsident und sein Team möchten nun nicht einfach nur ausstreiten, was eine Falschmeldung ist oder nicht – sie beharren darauf, dass Trumps alternative Sicht der Realität "Fakt" ist. Es hat der verbale Kampf darum begonnen, nicht was richtig, sondern was real ist. Ein gefährlicher Kampf, bekannt aus "1984".

So lacht das Netz über "Alternative Fakten" und "Spicer Facs"

Im Auge

Entbrannt ist der Streit eigentlich an zwei Fotos (siehe Bild oben): Es ging darum, wie viele Menschen bei der Angelobung Trumps vor Ort waren. Laut Trumps Team so viele wie nie zuvor. Der Fotovergleich mit Barack Obamas erster Angelobung legt das Gegenteil nahe, was US-Medien auch schrieben. Dass Trump in den ersten drei Tagen als Präsident viel Zeit darauf verwendete, gegen diese Behauptung – eine scheinbare Kleinigkeit – anzukämpfen, darf nicht verwundern.

Er ergreift damit schlicht eine Gelegenheit, die sich zuvor noch nicht geboten hat: In den unendlichen Weiten der Online-Welt haben viele Menschen das Gefühl dafür verloren, was richtig ist.

Und jene, die ganz tief eingetaucht sind, auch das Gefühl dafür, was wirklich ist.

Diese Menschen von seiner Wahrheit zu überzeugen, würde Trump (und den Politikern in seinem Windschatten) natürlich nützen: Es ist eine weitere Entfremdung, ein weiterer erhobener Mittelfinger demgegenüber, was als Establishment, System oder Mainstream herabgewürdigt wird.

Unverständlich

Man muss sich keine Illusionen machen: Starke politische Überzeugungen entschieden schon immer, was man für real hält. Und zwar in einem Ausmaß, das an Tunnelblick, wenn nicht sogar an geistige Beeinträchtigung grenzt. Die Überzeugungen des anderen sind, wenn sie unverrückbar sind, völlig unverständlich: Dass es etwa ein vorrangiges politisches Ziel sein kann, Menschen die eben erworbene Krankenversicherung wieder wegzunehmen, ist für europäische Leser fast unbegreiflich. Amerikaner aber halten dies für ganz normal. Eine ähnliche Spaltung gibt es auch innerhalb der USA: Die Weltsicht der, grob gesagt, Küstenbewohner und jener in den Staaten dazwischen, auch zwischen Norden und Süden, könnte nicht unterschiedlicher sein. Daraus resultierte auch die allgemeine Überraschung darüber, dass Trump gewählt wurde: Man kann sich nicht einmal innerhalb der USA in den anderen hineinversetzen.

Und die Kunst?

Das kann man übrigens lernen: Insbesondere zwei große Bereiche schulen den Menschen darin, sich in die Realität eines anderen hineinzuversetzen: Das ist die Kunst; und das sind die Geisteswissenschaften.

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat in den letzten Tagen seiner Amtszeit in einem grandiosen Appell für die Wichtigkeit der Kultur geschildert, wie überlebensnotwendig für ihn im Weißen Haus das Lesen war. Dadurch konnte er nicht nur entspannen, sondern auch alternative Möglichkeiten des Handelns durchdenken. Für einen Präsidenten, dessen Entscheidungen die ganze Welt betreffen, nicht unerheblich.

Dass Donald Trump ausgerechnet diesen beiden Bereichen die (ohnehin magere) Bundesförderung streichen will, ist kein Zufall. Es geht um einen Wettstreit der Erzählungen, davon, was Amerika ist. Und vor allem: Wie sich seine Größe darstellt. Gerade die US-Literatur und, weltweit noch wichtiger, der Pop haben die Sicht auf die USA bestimmt.

Sie haben "alternative" Amerikas geschaffen, lange bevor das Schlagwort nun die Runde machte. Und darin "Fakten" geboten, an denen sich Geist und Emotion schulen können; gegen Ungerechtigkeit und für Mitgefühl.

Und auch gegen jenes Fakten-Monopol der Mächtigen, das nun in den USA entstehen könnte.

Neue Begriffe: Von "Fake News" zu "alternative Fakten"

  • Die Lügenpresse kennen wir aus der NS-Propaganda. Ihr Kennzeichen: Dem Regime ist sie missliebig, deswegen lügt sie vorgeblich. Der Begriff erlebte ein Revival durch Pegida und AfD.
  • Fake News sind erfundene Nachrichten. Sie prägten den US-Wahlkampf und wurden massenhaft über Hillary Clinton verbreitet. Wobei das Wort „Falschnachrichten“ täuscht: Es handelt sich schlicht um Lügen. Der Begriff wird mittlerweile auch gerne verwendet, um missliebige Stories abzuwerten (der Kreis zur „Lügenpresse“ schließt sich).
  • Alternative Fakten sind nun der Neuzugang: Kellyann Conway, eine Beraterin Trumps, hat ihn geprägt. Hier geht es nicht mehr um richtige oder falsche News, sondern darum, was die Realität ist – und wer darüber bestimmt.

Hochaufgelöst, umso verschwommener

Von der Angelobung des US-Präsidenten veröffentlichte CNN heuer ein sogenanntes "Gigapixel"-Foto. Eine Fotografie, die derart leistungsstark ist, dass sie nicht nur die Gesichter jedes x-beliebigen Ehrengastes erkennen lässt, sondern sogar einen Blick auf die Notenständer des Orchesters unter dem Balkon erlaubt. "Clarinette" steht auf einem zu lesen, wenn man in das monströse Bild nur weit genug hineinzoomt.

Als Barack Obama 2009 das erste Mal angelobt wurde, war das Verfahren bekannt, aber noch nicht nicht so hoch verfeinert. Was auf den Notenmappen stand, verschwamm noch.

Dafür ist deutlich zu erkennen, was Trump bestreitet: Bei Obama war auf dem Vorplatz der Zeremonie kaum ein Platz frei. Vergangenen Freitag waren die Menschengruppen schütter wie Trumps Haare.

Die Nachrichtentechnik überflügelt sich selbst. Dennoch verschwimmen die Fakten. Donald Trump ließ den Pressesprecher des Weißen Hauses als erste (!) Amtshandlung Lügen verbreiten. Noch nie habe es so viele Menschen bei einer Angelobung gegeben, "PUNKT!". Trump erklärte obendrein noch, nach seiner Rede sei die Sonne aufgegangen (die Leute klappten in Wahrheit Regenschirme auf).

Jetzt kann man den mächtigsten Mann der freien Welt für bescheuert halten, aber es ist augenscheinlich: Was immer er behauptet, sickert in die einschlägigen Foren, Websites und Facebookgruppen seiner Fans ein. Da steht dann sinngemäß, die verzweifelte Presse bestreite, dass der Himmel grün sei, wie Trump behaupte, oder Hühnereier halt eckig.

Und weil das Internet ein Raum von beliebig dehnbarer Größe ist, findet sich dort auch unermesslicher Stuss. Von Porno bis Lügengeschichten im Auftrag des Präsidenten der USA: Es ist nicht mehr klar, welche Wellen welche Information an Land tragen. Und welche die Brandung erschlägt. Es könnte die New York Times durchkommen, CNN, oder eben die Twitter-Trolle Trumps. Ein Szenario, das zu Recht Angst macht.

(Von Philipp Wilhelmer)

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