Kultur
18.11.2018

In den Medien sind Daten das neue Maß aller Dinge

Dem Konsumenten wird via Echtzeitquote permanent über die Schulter geschaut. Das hilft der Medienarbeit – und birgt auch einige Fragen

Im Rückblick ist es ja fast entzückend, mit welchem Ernst einst die TV-Quotensucht als Grund für fehlende Qualität am Fernsehschirm diskutiert wurde. Denn heute sind alle Medien in Echtzeit mit dem Leserinteresse konfrontiert: Daten – wer was wie weit und wie lange liest oder anschaut – sind das Maß aller Mediendinge geworden.

Und die Medienmacher stehen vor der schwierigen Lernkurve, was man mit diesen Daten gelassen anfangen kann. Das Wissen, welche Angebote gut ankommen, ist wertvoll: Man kann diese Angebote ausweiten und ergänzen. Für wichtige, aber vielleicht weniger massentaugliche Angebote braucht man aber andere Maßstäbe– auch im Fernsehen kommen nicht nur „ Dschungelcamp“ und „Millionenshow“.

Man einigt sich zusehends auf Leserbindung und Verweildauer als entscheidende Datensätze: Wenn ein Artikel bis zum Ende interessiert und wenn die Leser danach noch weitere Artikel auf der Seite lesen oder ein weiteres Video ansehen, ist das ein gutes Zeichen.

Lernbedarf

Auch umgekehrt wird ein Schuh draus: Denn der Umgang mit der neuen unbegrenzten Verfügbarkeit von Nachrichten will auch vom Konsumenten gelernt sein, will dieser nicht in eine Aufregungsfalle tappen.

Als Nachrichten noch in eng begrenzten Gefäßen gefangen waren – in der Tageszeitung am Morgen und der „Zeit im Bild“ am Abend –, waren sie auch als Empörungsvorlage enden wollend. Jeder noch so berechtigte Ärger über die Politik fand nur Nahrung für relativ kurze Zeit.

Nun aber kann der Empörte sich den ganzen Tag aufschaukeln – es findet sich immer ein Artikel, sagen wir, zum Flüchtlingsthema. Wer sich in diesem Angebot verfängt, dem verstellt sich der Blick auf die reale Bedeutung: Der endlose Strom an Aufreg-Gelegenheiten übertönt jeden noch so fundierten statistischen Hinweis – Kriminalität gesunken, die meisten Sexualstraftaten finden zu Hause statt – auf die realen Verhältnisse.

Derartiger Medienkonsum ist sehr ähnlich dem, was Sexualforscher über die online immer verfügbare Pornografie berichten: Diejenigen, die ihren Umgang damit nicht von sich aus beschränken können, brauchen immer heftigere Kicks. Und diese Pornoisierung des Medienkonsums ist wiederum ein Medienproblem: Denn mit Aufmerksamkeit auch in den sozialen Medien belohnt werden Rand- und Extrempositionen. Die umfassende Darstellung der Welt in all ihren – auch positiven! – Facetten verliert, Konfliktstoff gewinnt.

Und viele sehen sich in dieser Dauerempörung auf Randplattformen derart bestätigt, dass sie im Strudel untergehen.

Schwierig wird es aber auch dann, wenn man sich auf die Daten nicht verlassen kann. So hat Facebook die Zahl der Videoabrufe auf seiner Plattform unredlich aufgebläht – und damit viel Aufregung in der Branche ausgelöst.

Dort aber, wo der mündige Medienkonsument auf das richtige Angebot trifft, blüht und gedeiht der Journalismus. Die Medien haben aus den Daten gelernt, auf wie viel Resonanz Erklär- und Servicestücke stoßen, und bieten derartig Hilfreiches vermehrt an, auch dort, wo es keine Echtzeit-Quotenmessung gibt, in den Printprodukten. Denn auch viele Zeitungen blühten auf – nicht zuletzt dank der Daten, die Online gewonnen wurden.

Näher ran

Der Journalismus ist ein gutes, ein wichtiges Stück näher an den Kunden gerückt. Und hat online und in den sozialen Medien auch ein eigentlich ideales Biotop gefunden: Wer Menschen informieren will, der findet sein Publikum längst in großer Zahl am Smartphone. Und dort kann man journalistische Angebote bieten, die im wahrsten Sinne nah dran am Menschen sind.