Kultur
22.12.2017

Albertina-Chef: "Ich will, dass sich 100 Prozent hier wiederfinden"

Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder über Besuchermassen, deren Garderobebedürfnisse und weitere Herausforderungen für das Museum, das ab 2019 an zwei Standorten Programm bieten wird.

Das Jahr ist noch nicht vorüber, doch in der Albertina ist man schon in Feierlaune: Für die große Raffael-Schau, die noch bis 7. Jänner läuft, rechnet man mit insgesamt 350.000 Besucherinnen und Besuchern. 2017 werde das Museum mit 800.000 Besuchen das drittstärkste Jahr seiner Geschichte verbuchen, erklärt Direktor Klaus Albrecht Schröder.

KURIER: Sie sagen, die Raffael-Schau sei kein Selbstläufer. Dabei ist sie dauernd voll.

Klaus Albrecht Schröder: Bei Alten Meistern ist das keine Selbstverständlichkeit – da gab es zuvor nur Dürer, Michelangelo und Rubens, die über 350.000 Besucher hatten. Das zeigt, dass man die Kunst der Zeichnung so aufbereiten kann, dass sie breiteste Bevölkerungsschichten anspricht. Wir sind in der Infrastruktur damit aber ziemlich am Limit – wir haben derzeit ein riesiges Zelt für die Garderoben aufgestellt, die wir am Wochenende, bei Schlechtwetter und zu den Feiertagen brauchen. Es wird eines der wesentlichen Ziele in den nächsten Jahren sein, die Infrastruktur so zu vergrößern und zu verbessern, dass wir auch tausende Besucher pro Tag angemessen versorgen können.

Wie wird das gehen? Sie hatten schon einmal über einen Anbau am Albertinaplatz nachgedacht.

Den sehe ich im Augenblick nicht. Die größte Erweiterungsmöglichkeit war die Chance, das so genannte Stöcklgebäude, das im angrenzenden Bundestheatergebäude steht, zu übernehmen. "Art for Art" musste es zur Schuldendeckung des Burgtheaters verkaufen und mindestens 20 Millionen Euro erlösen, das war der politische Auftrag. Ich habe Sponsoren für 19 Millionen gefunden – das Gebäude ist dann um fast 22 Millionen verkauft worden. Die zwei bis zweieinhalb Millionen, die uns gefehlt haben, waren bei der öffentlichen Hand nicht da.

Es gab die Überlegung, in dem Bau die Albertina-Fotosammlung unterzubringen. Wird die Debatte um ein österreichisches Fotomuseum weitergehen?

Ich glaube, sie wird sich für Wien erledigen. In Salzburg wird es eines geben, davon bin ich überzeugt. Christian Skrein wird seine Sammlung zur Verfügung stellen, das halte ich für eine gute Lösung. Ansonsten gibt es keinen Bedarf, die Bundessammlungen zusammenzufassen, das ist auch denkunmöglich. In Wien wird der einzige Ort, wo immer Fotografie aus dem Gesichtspunkt der Fotoästhetik gezeigt wird, die Albertina sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die geänderte politische Landschaft das Konzept von Peter Coeln (Der Westlicht-Chef bot seine Sammlung als Grundstock eines Foto-Museums an, Anm.) und Gerald Matt weiterverfolgt – das ist doch sehr stark parteipolitisch kontaminiert.

Wie sieht es mit der Adaptierung des Künstlerhauses aus?

Sehr gut. Ich habe eben ein Konsortium für die Frage der Kunst im und am Bau gebildet, denn dieser zweite Standort der Albertina muss eine markante Profilierung erhalten. Was den Bauzeitplan angeht, haben wir sechs Monate verloren – es wurde acht Meter tief gegraben, und da waren Archäologen dabei. Während einst beim Umbau der Albertina wertvolle Funde zutage traten, hat es uns hier nur Zeit gekostet. Wir werden Ende Februar, Anfang März 2019 eröffnen.

Ex-Minister Drozda sagte eine Million Euro für die Übernahme der Sammlung Essl zu, ab 2018 hätte eine jährliche Förderung von 1,1 Millionen im Budget verankert werden sollen.

Das ist nicht erfolgt. Doch im allerletzten Augenblick hat Thomas Drozda – im Einklang mit Sebastian Kurz – 850.000 Euro zur Anweisung bringen können. Für andere Häuser wäre das eine Katastrophe – für uns ist es nur unendlich traurig und eine große Herausforderung, diese Einsparungen zu verkraften. Wir werden das schaffen. Was die Zukunft betrifft, wird es an mir und am neuen Minister Gernot Blümel liegen, dass wir hoffentlich am selben Strang ziehen und erkennen, dass es in Wien bis jetzt kein Museum gibt, in dem die Österreichische Kunst der letzten 70 Jahre als Schausammlung zu sehen ist. Drozda hat – und das sagt er selbst – einen Fehler gemacht. Hätte er einfach die Basisabgeltung erhöht, damit die Albertina mit den anderen Museen gleichzieht, hätte kein Mensch etwas gesagt. Doch er war überzeugt, dass es alle nur begrüßen können, wenn er das mit der Möglichkeit verbindet, dass die Republik über die Sammlung Essl verfügen kann und dass das Künstlerhaus ohne Bundeskosten umgebaut wird. Statt dessen ist es einigen wenigen Gegnern gelungen, eine Neiddebatte hochzuziehen und diese wunderbare, große Sammlung zeitgenössischer Kunst herunterzumachen.

Zum Programm 2018: Da fällt erneut auf, dass Sie große Namen wie Claude Monet neben Positionen zeigen, die den historischen Kanon durchbrechen.

Wenn ich 2018 Florentina Pakosta und Martha Jungwirth zeige, folgt das genau diesem Prinzip. Pakosta – wir zeigen die Schau zu ihrem 85. Geburtstag – ist ja zweimal geschlagen worden. Einmal, weil sie in den 1960er und ’70er Jahren eine Frau war, da haben die Männer das Feld dominiert. Als man endlich die Kunst von Künstlerinnen entdeckt hat, ist ein Kampfbegriff, die "Feministische Avantgarde", geprägt worden. Und da ist sie wieder geschlagen worden – denn diese Strömung wurde technisch ganz eng definiert als eine Kunst, in der Frauen der von der männerdominierten Malerei in Richtung Video und Fotografie auswichen. Ikonografisch war es Kunst, in der Frauen ihre eigene Geschlechtlichkeit entdecken. Pakosta hat etwas Härteres gemacht, was nicht als Sonderweg, sondern als Teil der feministischen Avantgarde gesehen werden sollte: Sie schaute zurück, schaute den Mann an – und sah eine Fratze der Herrschaft, der Überheblichkeit, der Arroganz und der Aggression. Das zeichnete sie. Martha Jungwirth ist in Österreich zwar keine übersehene Künstlerin mehr – aber sie wurde jahrzehntelang beiseite geschoben. Hier ist es die Aufgabe der Albertina zu sagen: Es ist genauso wichtig, diese Kunst wahrzunehmen. Wenn wir Monet und Keith Haring haben, will ich, dass man gleichzeitig Pakosta oder Nico Pirosmani sieht, einen Künstler, ohne den es keine russische Avantgarde gäbe.

Wo gibt es noch Leerstellen des Kanons, die Sie reizen?

Die zeitgenössische Kunst wird zu gut 50 Prozent von Künstlerinnen bestritten, und die Wahrheit ist, dass ich einige Zeit gebraucht habe, bis ich das registriert habe. Ich habe zwar von Beginn an in der Sammlung stark auf Künstlerinnen gesetzt, doch im Ausstellungsprogramm waren sie unterrepräsentiert. Es ist das Verdienst einiger Kunstkritikerinnen, immer wieder darauf hingewiesen zu haben. Das kann man nicht von heute auf morgen ändern, ich kann auch nicht die Geschichte korrigieren. Aber in der Gegenwart will ich, dass 100 Prozent der Bevölkerung sich hier wiederfinden und nicht nur die Hälfte.

Wie weit planen Sie über 2019 hinaus?

Für 2020 ist eine große Modigliani-Ausstellung in Planung, dazu eine Schau über den frühen Hundertwasser.

Und wie sieht Ihre persönliche Planung nach dem Ablauf Ihres derzeitigen Vertrags aus?

Da war ich nicht immer sicher, wie ich dazu stehen soll. Ich habe in verschiedenen Phasen diese Albertina in ihrem Profil stark verändert, den Handlungsradius erweitert, die Prunkräume und neue Sammlungen etabliert. Die Gründung eines zweiten Standortes wäre sicher etwas, das einen fast verpflichtet, noch einmal zu sagen: Das muss wirklich auf der Schiene stehen und fahren, ehe jemand anderer die Lok übernimmt. Aber das ist ein Thema, das sich im Wesentlichen zuerst einmal der Minister ansehen muss. Ich würde da gern ein Gespräch mit ihm führen, bevor ich mich festlege.

INFO: Das kommt 2018 in der Albertina

Das Wiener Aquarell (16.2.–15.5.)

Martha Jungwirth (2.3. – 3.6.)

Meisterwerke aus der Fotosammlung der Albertina (7.3. – 17.6. )

Keith Haring – Retrospektive (16.3. – 24.6.)

Florentina Pakosta (30.5. – 26.8.)

Meisterwerke der Architekturzeichnung – Teil 2 (22.6. – 30.9.)

Alfred Seiland (13.6. – 7.10.)

Claude Monet (21.9. 2018 – 6.1.2019)

Niko Pirosmani (12.10. 2018 – 6.1.2019)

Helen Levitt (24.10.2018 – 17.2. 2019)