Kultur
22.11.2017

"Ich wäre eher für schuldig": Regisseur Pölsler zu "Terror"-Neuinszenierung

Julian Pölsler inszeniert "Terror" von Ferdinand von Schirach in den Kammerspielen.

" Terror" von Ferdinand von Schirach, uraufgeführt 2015, ist eines der erfolgreichsten Theaterstücke der Welt. Gezeigt wird eine Gerichtsverhandlung: Ein Kampfpilot hat ein entführtes Flugzeug abgeschossen, um Schlimmeres zu verhindern. Am Ende stimmt das Publikum über die Schuldfrage ab.

Fast überall wird der Pilot freigesprochen – mit Ausnahme von Theatern in Asien. Der mehrfache ROMY-Preisträger Julian Pölsler ("Polt") inszeniert bei seiner ersten Theaterregie das Stück – und besetzt alle Rollen mit Frauen (Premiere: Donnerstag).

In den Wiener Kammerspielen ist die Probe gerade beendet. Pauline Knof, welche die Pilotin spielt, meint zum KURIER: "Ich bin neugierig, ob die Tatsache, dass eine Frau die Hauptrolle spielt, das Urteil verändert. Frauen verzeiht man vielleicht nicht, dass sie ein Flugzeug abschießen."

KURIER: Wird sich das Abstimmungsverhalten ändern?

Julian Pölsler: Ich finde es ja fast erschreckend, dass der Pilot fast immer freigesprochen wird. Es gibt einen Satz in dem Plädoyer der Verteidigung, den finde ich äußerst bedenklich: Wir befinden uns nun einmal im Krieg, und im Krieg gibt es nun einmal Opfer. Da denke ich mir immer: Wow … Ich versuche alles, um das Abstimmungsergebnis vom üblichen wegzukriegen. Denn ich wäre eher für schuldig.

Juristisch ist es angeblich eindeutig – kein Freispruch. Aber man könnte über das Strafausmaß diskutieren.

Das sagt auch mein Berater, der Justizminister Brandstetter. Ich habe ihn bei einem Abendessen kennengelernt, und er hat sich viel Zeit genommen, über den Fall zu diskutieren. Für mich ist es aus mehreren Gründen spannend, eine Frau in dieser Rolle zu haben.

Nämlich?

Es gibt da diesen einen Satz der Staatsanwältin: Hätten Sie auch geschossen, wenn Ihr Kind an Bord gewesen wäre? Die Frage fasziniert mich. Die Verteidigung führt in ihrem Plädoyer Beispiele in der Rechtsgeschichte an, wo das kleinere Übel gewählt wurde. Da gibt es einen Fall aus dem 19. Jahrhundert, wo ein Matrose Menschen aus dem Rettungsboot ins Meer schmeißt, damit das Boot nicht sinkt. Und es gibt das Beispiel der siamesischen Zwillinge – welcher darf überleben? Mich interessiert, wie die Frauen im Publikum mit diesen Fragen umgehen. Meine Filme sind ja auch alles Frauenstoffe. Und jetzt habe ich hier ein Stück voll von starken Frauen. Das macht mich sehr nachdenklich (lacht). Ich wurde schon gefragt: Warum suchen Sie sich immer Frauenstoffe aus?

Und warum?

Ich glaube, es ist eher so, dass die Stoffe mich aussuchen. Als Nächstes verfilme ich Christine Lavant, "Das Wechselbälgchen" – schon wieder so eine starke Frau. Aber danach kommt ein Mann: Robert Seethaler, "Ein ganzes Leben", darauf freue ich mich. Ich war in Berlin und habe den Robert getroffen – ich bin so froh, endlich einen lebenden Schriftsteller zu haben, mit dem ich mich austauschen kann!

Das können Sie mit Schirach auch.

Ja, das stimmt. Ich habe auch mit ihm geredet. Es war so: Ich habe Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger gesagt, dass ich gerne einmal Theater inszenieren möchte, weil ich so darunter leide, dass ich beim Film nicht wirklich intensiv mit den Schauspielern arbeiten kann.

Kein Geld, daher keine Zeit.

Genau. Und dann kam ich mit der Idee, " Terror", aber nur mit Frauen besetzt. Föttinger war begeistert, hat aber gemeint, da müssen wir bei Schirach nachfragen. Also habe ich mich mit Schirach getroffen, und er war sofort begeistert. Und ich mache auch einen abweichenden Schluss. Mich interessiert die Schuldfrage nämlich weniger als die Frage, warum es überhaupt Terrorismus gibt. Da werden wir dann am Ende auch die Stimmen von Männern auf der Bühne hören.

Arbeiten Sie lieber mit Frauen als mit Männern?

Nein. Ich liebe alle guten Schauspieler und ich hasse die schlechten (lacht). Ich arbeite mit Männern auch gerne, etwa mit Erwin Steinhauer oder Peter Simonischek. Manche haben mich gewarnt und gesagt, du wirst einen Zickenkrieg bekommen – aber nicht im Entferntesten! Wir arbeiten hart und konzentriert. Mir geht es auch um kleine Details – etwa: Wann schreibt die Staatsanwältin mit, und wann nicht? Denn das bedeutet ja etwas.

Das ist Ihre erste Sprechtheater-Inszenierung.Warum hat das so lange gedauert?

Es hat mir offenbar keiner zugetraut – mit Ausnahme von Herbert Föttinger. Ich hoffe, ich kann jetzt öfter am Theater inszenieren, denn ich liebe die Arbeit mit den Schauspielern so. Ich bin ja auch bei Film und Fernsehen als Schauspieler-Regisseur verschrien. Meine Vorbilder sind Fellini, Bergmann, oder Axel Corti, bei dem ich Assistent war. Bei Corti war alles auf den Schauspieler ausgerichtet!

Heute gibt es kein Geld für langes Arbeiten.

Ich habe immer heftige Diskussionen mit der Frau Programmdirektor des ORF, die ja tolle Arbeit macht. Ich sage ihr immer, du bist doch Herrin über Hunderte Millionen – gönne dir doch wenigstens EINE besondere Arbeit im Jahr, ein Herzstück!

Am Ende des Stücks stimmt das Publikum über das Urteil ab. Derzeit wird viel über direkte Demokratie diskutiert. Fänden Sie das gut oder schlecht?

Ich finde es beides. Ich fände es wichtig, wenn Menschen, falls sie mitentscheiden, wirklich eingebunden werden. Ich bin glühender Demokrat und glühender Europäer. Man kann an Demokratie und an Europa viel kritisieren, aber wir haben nur ein Europa und eine Regierungsform. Man müsste die Menschen mehr einbinden, ihnen klarer zeigen, was hinter Entscheidungen steht. Mehr Demokratie finde ich immer gut, aber bestimmte sensible Themen sollten ausgenommen sein. Und man müsste die Menschen vorher ausführlich informieren. Ich wäre ja auch dafür, ein eigenes europäisches Fernsehen einzuführen.

Glauben Sie, die Angst vor Terrorismus verändert die Menschen?

Wie es im Stück heißt: Wir befinden uns im Krieg mit dem Terrorismus. Und ich glaube, das haben die Menschen noch gar nicht wirklich realisiert. Was ich aber ganz gefährlich finde: Terrorist und Flüchtling gleichzusetzen. Auf der anderen Seite verstehe ich, dass die Leute Angst bekommen, wenn, wie 2015, Zigtausende Menschen unkontrolliert ins Land kommen. Man muss da aber wirklich sehr genau trennen. Darum finde ich das Stück gut: Es geht mit dem Thema sehr, sehr differenziert um – und sensibilisiert die Menschen dafür.