Kultur
06.07.2017

"Ich - Einfach unverbesserlich 3": Die Minions kommen ins Gefängnis und gründen einen Chor

"Ich – Einfach unverbesserlich 3" weiß nicht, was es mit den Minions anfangen soll.

Zuerst die Kinder, dann die Frau, jetzt ein Bruder: Das milliardenschwere Film-Franchise "Ich – Einfach unverbesserlich" von Chris Meledandri und seinem Illumination Entertainment hatte immer schon ein gutes Auge für Familienwerte.

Aber dass der spitznasige Ex-Schurke Gru nun neben drei Adoptivtöchtern (Teil 1) und einer Gattin (Teil 2) plötzlich auch noch einen Zwillingsbruder entdeckt (Teil 3), spricht von hoher Fantasiedichte der Drehbuchautoren. Oder deren Notstand. Überhaupt tun sich die Regisseure Kyle Balda und Pierre Coffin schwer, so etwas wie eine kohärente Handlung zu entwerfen und die in alle Richtung zerfransten Erzählstränge unter einen sinnvollen Hut zu bringen.

Wer in dem Gewirr der rasanten Ereignisse völlig zu kurz kommt, sind die Minions. Die gelb-blauen Stöpsel, die sich schon im Vorspann mit einem Furz hervortun und bereits zu Stars ihres eigenen Spin-offs avancierten, werden praktisch arbeitslos.

Denn nachdem Gru seinen Job in der Verbrechensbekämpfung verloren hat, treten auch die Minions in den Streik und verabschieden sich von der Handlung. Nur ab und zu melden sie sich in Form einer Nummern-Revue zurück: Als Teilnehmer eines Gesangswettbewerbs wie in "Sing" oder als A-cappella-Chor im Gefängnis.

Keiner weiß mehr so richtig etwas mit ihnen anzufangen – und erst im Finale ballen sich die Handlungsfäden wieder mit ihnen zusammen.

Bis dahin muss Gru einen sehr speziellen Verbrecher namens Balthazar Bratt jagen, der eindeutig in den 80er-Jahren hängen blieb: Als einstiger Kinderstar einer TV-Serie break-danced sich Balthazar durch die knallbunte Geschichte und röhrt in erschöpfenden Abständen von zehn Minuten "Ich bin ein böser Junge!".

Schulterpolster

Außerdem hat der Schulterpolster-Schurke mit dem Vokuhila einen rosa Diamanten gestohlen (er war dabei verkleidet mit einem Fat-Suit, der eindeutig Gerard Depardieu nachempfunden war). Für kleinere Kinder wird sich zwar weder der Depardieu-Witz noch die stark strapazierte Eighties-Nostalgie übersetzen; dafür bekommen die Erziehungsberechtigten etwas zu lachen.

Der Zwillings-Plot selbst ist mehr angestrengt als originell: Gru und Dru – der eine glatzig, der andere mit Föhnwelle – wurden kurz nach der Geburt getrennt, ähnlich wie das "Doppelte Lottchen". Um ein gemeinsames Abenteuer zu bestehen, suchen sie nach Balthazars gestohlenem Diamanten. Dazu müssen sie sich im Ganzkörperanzug wie Frösche auf die Wände einer steilen Pyramide kleben – und sehen dabei sehr vergnüglich aus.

Unterdessen macht sich Drus Stieftochter Agnes auf die Suche nach einem Einhorn, während Super-Agentin Lucy in ihre neue Mutterrolle hinein wächst.

Balda und Coffin nehmen jede passende und unpassende Gelegenheit zum Anlass, um zahllose, lärmende Verfolgungsjagden einzubauen. Egal, ob zu Wasser oder zu Land, mit geraubten Kloschüsseln als Flugzeug oder rosa Kaugummi-Blasen als Bomben – aus allen Richtungen treiben sie die Action atemlos vor sich her.

Und schaffen es zumindest bei den Einspielergebnissen auf Siegerplatz eins.

INFO: USA 2017. 90 Min. Von Kyle Balda, Pierre Coffin. Mit Oliver Rohrbeck.

KURIER-Wertung:

Auf Konfrontationskurs mit der Teenage-Tochter

"In der Erziehung gibt es kein Richtig und kein Falsch. Es gibt nur Falsch."

Mit diesem Motto gleich zu Beginn seiner übersteuerten Generationen-Clash-Komödie hat sich Leander Haußmann quasi selbst befreit. Denn wenn man schon als Vater alles falsch machen muss – vielleicht macht man ja als Regisseur alles richtig?

Leider nein. Haußmann ("Sonnenallee", "Herr Lehmann") trifft zwar in seiner Vater-Tochter-Konfrontation immer wieder witzige Noten. Aber in der krampfhaften Suche nach den noch frappanteren Wendungen zeigt er kein Gespür für Timing, sondern entgleist in derben Klamauk. Am Ende kann er dem Hang zum Sentimentalen nicht widerstehen.

Schwanensee

Jan Josef Liefers ("Tatort" Münster) gibt den verliebten Vater, der die wichtigen Jahre seiner pubertierenden Tochter als Stay-Home-Dad miterleben möchte. Er nimmt sich eine berufliche Auszeit, um einen Roman (über ein Sandkorn in der Wüste) zu schreiben und seinen Kindern näher zu kommen. Diese sind mittelmäßig begeistert ("Mama, lass uns mit Papa nicht allein!"). Besonders Tochter Carla muss sich dauernd für ihren Alten schämen, der sie zu ihrem Geburtstag mit Karten für Schwanensee beglückt und glaubt, Jugendliche gehen gerne ins Symphoniekonzert. Die Krise weitet sich aus, als Carla ihre erste Party schmeißt. Papa versucht, durch das Fenster zu spechteln und stürzt vom Dach.

Liefers bemüht sich redlich, als liebenswürdiger Vater-Trottel Haltung zu bewahren. Gegen Detlev Buck aber hat er keine Chance. Ihm gehören die lustigsten Momente: Buck in seiner Rolle als Freund der Familie und Erzeuger eines Teenage-Terroristen zieht den Nahkampf in Afghanistan dem Familienleben vor. Und raucht schon mal einen Joint, um seine Nerven zu beruhigen.

Haußmann kann mit ihm und generationsmäßig Seinesgleichen deutlich mehr anfangen als mit modernen Teenagern. Die Eltern-Beziehung zu den schrillen Gören und pickeligen Buben funktioniert vor allem in ihrer grellen Überzeichnung.Freilich: Am Ende des Tages sind dann doch wieder alle Papas Liebling.

INFO: D 2017. 103 Min. Von Leander Haußmann. Mit Jan Josef Liefers, Harriet Herbig-Matten.

KURIER-Wertung:

Mithilfe von Disney den Zugang zur Welt finden

Wer an die Macht der Bilder glaubt, wird durch diesen Film – der für den diesjährigen Oscar nominiert war – bestätigt. Wenn auch nicht ganz im erwarteten Sinne. Im Mittelpunkt steht Owen Suskind, ein junger Mann Anfang 20. Die Doku basiert auf einem Buch, das sein Vater – ein amerikanischer Journalist – über das außergewöhnliche Erwachsenwerden seines Sohnes verfasst hat.

Bis zum dritten Lebensjahr war Owen ein normales Kind, wie auch Super-8-Aufnahmen zeigen, in denen man ihn beim Spiel mit dem Vater sieht. "Du bist Captain Hook und ich Peter Pan!" ruft der Kleine und schwingt sein Stöckchen wie ein Schwert. Dann treten bei Owen plötzlich motorische Problem auf – und er hört auf zu sprechen. Selbst "Mom" und "Dad" kann er nicht mehr sagen.

Hakuna Matata!

Nach einer Odyssee von Arzt zu Arzt wird bei ihm Autismus diagnostiziert. Fünf Jahre lang blieb der Kleine sprachlos – bis die Eltern merkten, dass er jeden Disney-Film auswendig kannte.

"Hakuna Matata!": Owen begann ganze Dialoge aus dem "König der Löwen", "Peter Pan", "Aladdin" oder "Arielle" nachzusprechen. Aber nicht nur das: Er entnahm diesen Filmen auch eine gewisse Lebensweisheit. Aus den moralischen Allegorien, die vielen Disney-Filmen zugrunde liegen, versuchte Owen, sich den Zugang zur echten Welt zu erschließen, und er erlernte aus den Gesprächen der Trickfiguren tatsächlich die Fähigkeit, mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Eindringlich und mit starken Bildern zeigt dieser Dokumentarfilm, wie ein autistischer Junge mithilfe von Disney-Figuren zurück ins Leben findet. Verdeutlicht werden Owens Fortschritte durch Animationsszenen, die reale Entwicklungsstufen Owens visualisieren.

Der Film verhandelt auch die Probleme, die Owen immer noch hat, weil das wahre Leben nicht so unkompliziert und "sauber" verläuft, wie ihm die Disney-Filmen vorgegaukelt haben. Wie den Umgang mit Sex beispielsweise.

Gegen Ende zeigt die Doku, dass Owen inzwischen auf dem besten Wege ist, sich mit dem wirklichen Leben vertraut zu machen.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: USA 2016. 92 Min. Von Roger Ross Williams. Mit Ron und Owen Suskind, J. Freeman.

KURIER-Wertung: