Hintergründe zu Hinterhäusers Abgang: Es habe Angst geherrscht
Vergangenen Freitag hatte das Kuratorium der Salzburger Festspiele ein letztes Mal die Denkmöglichkeit einer Einigung mit dem Intendanten in Erwägung gezogen: Es werde noch ein Gespräch mit Markus Hinterhäuser geben. Den Zeitpunkt nannte man nicht. Vor Ostern – so hieß es. Zur Überraschung wohl aller hat es bereits stattgefunden.
Am Donnerstag zu Mittag übermittelte das politisch besetze Kontrollgremium eine abgestimmte Aussendung: „Aufgrund unüberbrückbarer Auffassungsunterschiede und Differenzen gehen die Salzburger Festspiele und Intendant Markus Hinterhäuser ab sofort getrennte Wege.“
Dies sei das Ergebnis einer Besprechung der Anwälte des Salzburger Festspielfonds auf der einen Seite und des Intendanten und seiner Rechtsvertretung auf der anderen. Man hielt fest, dass Hinterhäuser bis zum Ende seines laufenden Vertrages (am 30. September) „beurlaubt ist“.
Die Festspiele stehen also vier Monate vor Beginn der heurigen Ausgabe ohne Intendanten da. Kein großes Malheur, könnte man sagen: Das Programm steht längst. Und Hinterhäuser war ohnedies keiner, der die gesellschaftlichen Verpflichtungen mit Freude absolvierte: Er überließ dieses Terrain der Festspielpräsidentin.
Und doch: Es passiert andauernd Unvorhergesehenes, Künstler müssen aus Krankheits- oder anderen Gründen ersetzt werden. Auch wenn das Team, das für Hinterhäuser arbeitete, jede dieser Situationen zu meistern versteht: Es wird jemanden brauchen, der die Entscheidungen trifft. Dafür hat Kristina Hammer, die Präsidentin, weder das Pouvoir noch das Wissen.
Daher: „Als nächsten Schritt wird das Kuratorium umgehend die Position der künstlerischen Leitung interimistisch besetzen.“ Nachsatz: „Hier laufen bereits Gespräche mit Kandidatinnen und Kandidaten.“ Sprich: Die Gespräche haben bereits vor dem finalen Duell mit Hinterhäuser begonnen. Möglicherweise, weil man ahnte/wusste, wie es ausgehen würde.
Stillschweigen vereinbart
Dem Vernehmen nach soll die Interimsintendanz den heurigen Sommer und auch den weitestgehend durchgeplanten Sommer 2027 exekutieren. Schließlich hatte man auch Hinterhäuser angeboten, ein Jahr über das Vertragsende 2026 hinaus zu bleiben. Es machen bereits Namen die Runde, wer infrage kommen könnte. Daneben laufen die Vorbereitungen für die Ausschreibung der Intendanz.
Weiteres war nicht in Erfahrung zu bringen: „Über die Details der Vereinbarung wurde Stillschweigen vereinbart.“ Die Festspiele verwiesen ans Kuratorium, dieses hielt sich bedeckt, Hinterhäuser blieb unerreichbar, und Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) gab nur ein No-na-Statement von sich: „Jetzt gilt es, nach vorne zu schauen ...“ Unbeantwortet blieben die nächstliegenden Fragen: Wann wird das Präsidentenamt ausgeschrieben (der Vertrag von Hammer läuft Ende Dezember aus)? Wer wird das Schauspiel ab 2027 planen?
Unterdessen, fast zeitgleich zur Aussendung, lieferte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel jede Menge Material, warum es seit 2024 die „Wohlverhaltensklausel“ gab (das Wohlverhalten war die „Geschäftsgrundlage“ für den Folgevertrag ab 2026 mit der Sollbruchstelle 2029): Es zitiert aus einem Gespräch mit einer Person, die für Hinterhäuser gearbeitet hat.
„Er beschimpft unflätig“
Dieser sei „narzisstisch“, meint die Person: „Alles dreht sich um ihn, seine Launen, seine Verfasstheit.“ Er habe sich nicht unter Kontrolle: „Er verträgt keinen Druck.“ Allerdings herrsche bei den Festspielen viel Druck: „Den gibt er unkontrolliert weiter.“ Und: „Es trifft immer zuerst die Frauen.“ Häufig sei es zu Situationen gekommen, in denen Hinterhäuser „völlig ausgeflippt“ sei: „Er schreit Leute an, rennt aus den Räumen, rennt wieder zurück, brüllt weiter, beschimpft unflätig.“
Derartige Situationen seien „wirklich verstörend“ gewesen: „Das macht etwas mit einem. Das ist eine körperliche Erfahrung. Das fühlt sich gewalttätig an.“ Bei einem Fototermin sei Hinterhäuser, weil ihn die Situation gestresst habe, derart „ausgetickt“, dass die Person zuerst geglaubt habe, er hätte einen Nervenzusammenbruch: „Ich dachte ernsthaft, den lassen wir jetzt besser einweisen.“
Obwohl sich derartige „Ausraster“ wiederholt hätten, hätte das Team den Intendanten ohne größere Gegenwehr ertragen. Denn er sei eben ein Künstler: „Dieser Genieverdacht ist eines der schlimmsten Totschlagargumente.“ Er sei das Narrativ gewesen, das ihn geschützt habe. Zudem seien alle sehr loyal zu den Festspielen. „Dieses unberechenbare, cholerische Verhalten infiltriert die Institution und hat Auswirkungen bis ins Kleinste. Die Atmosphäre ist unrettbar vergiftet.“ Es habe Angst geherrscht.
Ähnlich hatte sich auch Marina Davydova, von Hinterhäuser geholt, nach dem Rauswurf als Schauspielleiterin geäußert. Diese Aussagen decken sich zudem mit Beobachtungen, die auch der KURIER machen konnte: Hinterhäuser sprach immer wieder despektierlich über Kristina Hammer wie über Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) – auch in der Öffentlichkeit. Einige dieser Aussagen gelangten über Ohrenzeugen zu den beiden Frauen. Der KURIER hätte bei Hinterhäuser auch zu diesen Vorwürfen gerne ein Statement eingeholt.
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