Marie-Luise Stockinger, Ignaz Kirchner und Michael Maertens in "Hexenjagd"

© APA/BURGTHEATER/REINHARD WERNER

Kritik
12/24/2016

"Hexenjagd": Martin Kušej und die ungemütliche Macht der Pause

Burg: Eine unbequeme, starke, durch Husten beschädigte "Hexenjagd".

von Guido Tartarotti

Gestatten Sie Ihrem Rezensenten vorab eine persönliche Bemerkung: Meine Großmutter, Kultur-Konsumentin und Ärztin, pflegte zu sagen: Wer krank ist, gehört ins Bett und nicht ins Theater. Ein Satz, wohl wert, sich seiner zu erinnern. An der Premiere von Arthur Millers "Hexenjagd" im Burgtheater wurde schwere Sachbeschädigung verübt durch eine Orgie von Husten, Niesen, Schnäuzen, Röcheln und anderen krankenscheinpflichtigen Geräuschen.

Das ist insofern besonders schade, als es Martin Kušejs bemerkenswerte, genau gebaute, hoch musikalische – und ja: unbequeme – Inszenierung verdient hätte, dass ihr ungestört zugehört wird.

Aber vielleicht wurde auch deshalb gehustet, weil die Inszenierung unbequem war: Husten ist ja auch eine Reaktion auf Verlegenheit.

Pau.Sen!

Kušej "zerdehne" die Inszenierung, konnte man zur Halbzeit am Buffet hören. Das aber stimmt so nicht: Er setzt Pausen, wie ein Komponist (frei nach dem Bonmot, dass ein guter Musiker die Pausen mindestens so gut spielt wie die Noten).

Würde man alle Pausen aus dieser Inszenierung streichen, dauerte sie statt drei Nettostunden nur die Hälfte. Dann wäre sie kulinarisch, erfreulich, ein bisschen gemütlich. Nur interessant wäre sie nicht mehr. Kušej lässt jeden Satz so lange im Raum stehen, bis er wirklich wehtut.

Und das ist dem Stoff angemessen.

In "Hexenjagd", geschrieben als Kommentar zur McCarthy-Ära, aber in Wahrheit zu jedem "postfaktischen" Zustand passend, beschreibt Arthur Miller, was Menschen bereit sind, einander anzutun, wenn Aberglaube, religiöser Wahn, Angst, Hass und Gier sich zur Massenhysterie vereinigen.

Wahn

Die Handlung, die auf einer wahren Geschichte basiert: In der schwülen Atmosphäre der Sittenstrenge einer amerikanischen Puritaner-Kleinstadt des 17. Jahrhunderts treffen sich pubertierende Mädchen, um in einem Akt sexueller Hysterie nackt im Wald zu tanzen. Dabei werden sie ausgerechnet vom Ortspfarrer, einem Tugendterroristen, erwischt.

Um sich vor Strafe zu schützen, täuschen sie Krankheiten vor, und geben an, von anderen mithilfe böser Geister verführt worden zu sein. Daraus entsteht innerhalb kurzer Zeit eine Epidemie des Hexenwahns. Ein Schauprozess wird abgehalten, in dem jede Logik und jede Menschlichkeit verloren geht, und der Dutzende Menschen das Leben kostet.

(Der Psychologe und Bestsellerautor Paul Watzlawick hat in seinem Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" nachgewiesen, wie schnell solche Formen von Massenhysterie in Gang kommen können. Ein Blick in die sozialen Medien zeigt, wie aktuell dieses Thema ist.)

Sinn

Martin Kušej lässt bei seinem Burg-Comeback, wie schon gesagt, diese Geschichte in angemessener, quälender Langsamkeit erzählen – in einem Wald aus Kreuzen (Bühnenbild: der geniale Martin Zehetgruber). Die Absurdität des Geschehens, die Verzweiflung derjenigen, die völlig unschuldig zermahlen werden, die Bösartigkeit derer, die sich darauf verstehen, den Massenwahn zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen, wird so erfahrbar.

Würgen

Kušej zeigt die Eröffnungsszene, also den Tanz im Wald, als Massen-Masturbations-Akt mit Selbststrangulierungs-Stimulation (dieses Phänomen, genannt "Choking", kostete schon mehrere Jugendliche das Leben). Was im ersten Moment zu plakativ wirkt, ergibt am Ende Sinn – jetzt sind es die Opfer, denen am Galgen die Kehle zugedrückt wird: Sexualität und Tod, nahe Verwandte.

Gespielt wird erstklassig. Stellvertretend für das ausgezeichnete Ensemble seien erwähnt: Steven Scharf, er ist ein wortkarger, in seinem Opfergang berührender John Proctor; Dörte Lyssewski ist wunderbar als seine betrogene, tapfere Frau. Andrea Wenzl fasziniert als in ihrer Eifersucht alles zerstörende Abigail. Großartig auch Marie-Luise Stockinger als Mary Warren im Zwiespalt zwischen Mut und Angst.

Hängen

Ganz großartig sind auch Michael Maertens als in die eigene Bedeutung verliebter Inquisitor, der die Wahrheit erkennt, aber nicht zugeben kann, dass er sich geirrt hat; und Florian Teichtmeister als Exorzist, der eine Lawine in Gang setzt, die er selbst nicht mehr stoppen kann. Der Galgen bekommt Arbeit.

Am Ende gibt es freundlichen, aber nicht übermäßig begeisterten Applaus für eine schroffe, ungemütliche Aufführung, die zum besten gehört, was man seit Langem in Wien zu sehen bekam.

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