Hervorragendes Ensemble: Peter Knaack, Sebastian Wendelin, Irina Sulaver, Merlin Sandmeyer und Johann Adam Oest

© KURIER/Jeff Mangione

Kritik
10/10/2016

"herzerlfresser": Premierenjubel für Holzhammer-Humor

Junger Grazer Erfolgsdramatiker Ferdinand Schmalz erzählt fast ein wenig desinteressiert

von Guido Tartarotti

Die Idee ist an sich großartig: Ein Sumpf wird zubetoniert, um darauf ein Einkaufszentrum zu errichten. Doch der Sumpf lässt sich nicht bezwingen, das Einkaufszentrum senkt sich und bekommt schon vor der Eröffnung Risse. Und während bei den Bewohnern des Dorfes lange verdrängte Sehnsüchte aufbrechen, erwacht im morastigen Gelände eine uralte Sage zu neuem Leben: Die vom "Herzerlfresser", der die Herzen von sieben Mädchen verspeisen will.

Offenbar möchte jemand das Werk des Herzerlfressers vollenden, denn kurz vor der feierlichen Eröffnung des Einkaufszentrums liegen plötzlich zwei Mädchenleichen ohne Herzen in der Gegend herum.

Das ist eine wunderbare Idee, um darauf ein Theaterstück zu errichten, in dem es um den Widerspruch zwischen alten Legenden und moderner Konsumsucht geht, und um die Frage, wie weit man gehen muss, um die echte, die richtige, die entsetzlich gnadenlose Liebe auch in einem Shoppingcenter zu finden.

Leider erzählt der junge Grazer Erfolgsdramatiker Ferdinand Schmalz diese Geschichte eher spannungsarm und fast ein wenig desinteressiert. Dafür zelebriert er wieder sehr ausgiebig seine Freude an eher unoriginellen, vorhersehbaren Sprachspielen (etwa zum Thema "Herz" oder über den Doppelsinn des Wortes "Kunde" – also Nachricht, aber auch Käufer).

Ein Dialog, dessen Witz auf dem Gegensatz von "global" und "regional" beruht, beginnt rasant – und wird dann solange ausgewalzt, dass man sich in einem Sketch von "Narrisch guat" wähnt. Überlegungen zum Thema Liebe klingen, als wären sie mit dem Holzhammer zurechtgeklopft worden.

Andere Passagen gelingen wunderbar, etwa die Analogien zwischen Mensch und Tierreich, die die Figur "Fauna Florentina" in langen Vorträgen behandelt. Oder die sehnsüchtigen Gedanken der transsexuellen Fußpflegerin Irene, die den in seiner Karriere verlorenen Bürgermeister liebt.

Fleisch!

Überhaupt: die Personen sind Schmalz sehr gut gelungen, sie haben (Achtung, Pointe im Schmalz-Stil) Fleisch, sie leben, sie faszinieren. Und sie werden hervorragend gespielt. Peter Knaack ist als Irene eine Wucht, komisch und tragisch zugleich. Irina Sulaver ist als Dorf-Außenseiterin Irene herrlich merkwürdig, Johann Adam Oest ist ein von unterdrückten Sehnsüchten gebeutelter Bürgermeister. Sehr stark auch Merlin Sandmeyer als ehrgeiziger, verliebter Wachmann und Sebastian Wendelin als unheimlicher ... ja, das dürfen wir hier nicht verraten, sonst schlachten wir die Pointe (obwohl man die eh sehr bald zu wittern beginnt).

Der junge Regisseur Alexander Wiegeld inszenierte im abstrakten Bühnenbild von Katrin Brack (ein Urwald aus Glitzergirlanden) betont ruhig, und das war ausnahmsweise nicht ideal. Dieser Text hätte durchaus Mut und Risiko, Interpretation und Assoziation vertragen. Und vor allem ein paar heftige Tempowechsel – der ein wenig raunende Einheitston ließ die 90 Minuten länger wirken, als sie waren.

Das Premierenpublikum war klar anderer Meinung als der Rezensent und spendete ganz großen Jubel.

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