© Kurier/Franz Gruber

Gespräch
11/28/2020

Henning May ist überzeugt: „Parolen alleine sind laut und leer“

Der Sänger von AnnenMayKantereit spricht im KURIER-Interview über die Sozialkritik im neuen Album „12“

von Brigitte Schokarth

Es ist eine eigenartige Vorstellung: Man hat jahrelang dafür gearbeitet, ein Haus am Meer zu haben. Dann hat man es, wacht eines Tages dort auf und sieht: Der Strand ist da, die Möwen sind da, aber das Meer ist weg!

Dieses Bild macht AnnenMayKantereit-Sänger Henning May zum Zentrum des Songs „Warte auf mich [Padaschdi]“. Er ist einer von 16 Titeln, die die Kölner seit Mitte März für das eben erschienene Album „12“ aufgenommen haben, und steht für die Gefühle von May, Drummer Severin Kantereit und Gitarrist Christopher Annen während des Lockdowns.

„Als Band haben wir lange darauf hingearbeitet, eine Resonanz zu haben“, erklärt May im KURIER-Interview. „Ja, wir können weiterhin Musik machen und haben Resonanz. Aber der Kern von dem, was wir tun, das Spielen von Konzerten, war auf einmal weg. Es gibt aber wenig schönere Momente, als mit 1000 Leuten auf einem Konzert zu stehen und alle singen dasselbe Lied.“

AnnenMayKantereit

Rund 30 Shows, darunter Auftritte in Istanbul und St. Petersburg, mussten AnnenMayKantereit wegen der Corona-Beschränkungen heuer absagen. Bassist Malte Huck zog sich daraufhin – vorerst – von der Band zurück. Die anderen arbeiteten an „12“, das mit melancholischen Klavierballaden und nachdenklichen Midtempo-Songs ein perfektes Abbild dieser fordernden Zeit ist. Die spiegelt sich auch in den Texten, die vorwiegend May schreibt. „Die Gelder fließen, die Tränen auch“, singt er in „Gegenwart“, bezieht sich dabei auf seine zwiegespaltene Meinung in Bezug auf Wirtschaftshilfen.

„Jahrelang hat es geheißen, es gibt kein Geld für den Klimaschutz oder die Bildung“, erklärt der 28-Jährige. „Dann kommt Corona und plötzlich haben wir Milliarden. Damit wird die Luftfahrt gerettet, die Autobranche und Hotels. Das finde auch gut und wichtig. Aber niemand weiß, woher die Gelder kommen. Man sagt uns jungen Menschen nicht, dass gerade unsere Zukunft beliehen wird.“

Anders als bei bisherigen Alben, die Beziehungsthemen gewidmet waren, sind die Songs von „12“ gespickt mit Sozialkritik. Auch der Album-Titel spielt darauf an. Die Botschaft: „Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist genau zwölf. Man muss jetzt handeln.“ Und das bezieht May, der mit der Band bei „Fridays For Future“-Veranstaltungen aufgetreten ist, genauso auf den Klimawandel, wie auf rechtsradikale Attacken und sich selbst.

Der Song „So leer so laut“ entstand, nachdem er sich mit anderen Künstlern an die Oberbürgermeisterin gewandt hatte. „Wir wollten, dass Köln ein sicherer Hafen für Geflüchtete wird, baten sie, sich damit an den Innenminister zu wenden. Sie reagierte darauf, sagte, ja, das sollte ich. Dann wurde in der Öffentlichkeit viel darüber geredet, aber es ist nichts passiert. Wenn jemand bei uns um Asyl bittet, hat er ein Zelt, eine Decke und Tee verdient. Das kriegen die Flüchtlinge an der EU-Außengrenze aber nicht. Die kriegen Kälte und Hunger. Das hat mich sehr beschäftigt. Der Song handelt deshalb von meiner Unzufriedenheit mit dem eigenen Wirken, davon, dass Parolen alleine nur laut und leer sind.“

Weil in den Sternen steht, wann AnnenMayKantereit mit „12“ auf Tour gehen können, hat die Band eine Entscheidung bezüglich Bassist Malte Huck verschoben. „Er war ja auch in ,12´ eingebunden, hat an einem Text mitgeschrieben und ein paar Mal Bass gespielt“, sagt May. „Es wäre schön, wenn er wieder mit uns auftreten würde. Aber wir werden uns Anfang 2021 zu viert zusammensetzen, und sicher eine Lösung finden, die für alle schön ist.“

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