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Kultur
02/04/2019

Sänger von AnnenMayKantereit: „Verstecke mich hinter klugen Sätzen“

Henning May, Sänger des deutschen Bandphänomens, im Interview über das aktuelle Album "Schlagschatten" und die Österreich-Konzerte.

von Brigitte Schokarth

„Wir waren jung und hatten keine Lebenserfahrung, als wir 2011 mit dem Musikmachen anfingen“, sagt Henning May. „Jetzt haben wir immer noch keine Lebenserfahrung, sind aber bessere Musiker und Songwriter. Deshalb fließt jetzt auch Politisches in die Songtexte ein!“

Der Sänger von AnnenMayKantereit, jener Band, die 2016 mit dem Album „Alles Nix Konkretes“ auf Platz eins der deutschen Charts schoß, hat das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Denn damals beim Debüt bekamen die spießigen Texte und der biedere Sound der Band genauso viel schlechte Kritik, wie die raue, ausdrucksstarke Gesangsstimme von May Lob bekam.

Den Fans war das egal. Sie machten die Kölner und ihre Liebeslieder zu einem Phänomen, das bis nach Österreich schwappte und bis jetzt anhält: Drei Mal hintereinander werden AnnenMayKantereit im Mai in Wiener Open-Air-Arena auftreten, waren dabei (wie auf dem Rest der Österreichtour) schon ausverkauft, bevor Ende vorigen Jahres das zweite Album „Schlagschatten“ auf dem Markt gekommen war.

Schon am heutigen Montagabend (4.2.) stellen May, Gitarrist Christopher Annen, Drummer Severin Kantereit und Bassist Malte Huck die neue Platte in kleinem Rahmen im ausverkauften Porgy & Bess in Wien live vor. Dabei sollten sie auch die Songs „Hinter klugen Sätzen“ und „Weiße Wand“ spielen, bei denen sich Textautor May erstmals an Sozialkritik wagte.

„Wir sind alle sehr interessiert an dem, was um uns herum vorgeht, lesen viel Zeitung und sprechen miteinander darüber“, erklärt er im KURIER-Interview. „Wenn uns das so beschäftigt, wäre es doch eigenartig, wenn sich das nicht in den neuen Songs niederschlagen würde. Da geht es nicht darum, Kritikern zufriedenzustellen. Ich richte den Zeigefinger dabei auch nur auf mich, beschreibe, wie es mir mit der heutigen Gesellschaft geht.“

Angst zu verlieren

In „Weiße Wand“ geht May auf die Privilegien der weißen, patriarchalischen Gesellschaft ein. Und darauf, wie er den Rechtsruck wahrnimmt.

„Hinter klugen Sätzen“ zählt zu den Highlights von „Schlagschatten“. May hat ihn als bewegte Klavierballade angelegt, die mit dichter Atmosphäre und sanften Jazz-Einflüssen punkten kann. Dabei beschreibt er eine gewisse Lethargie, den Unwillen Konsequenzen zu ziehen, der von der Angst zu verlieren kommt. Schlüpft er dabei in die Rolle eines Politikers? „Nein, das würde ich nie! Der Song ist in erster Linie an mich gerichtet. Weil ich einfach merke, dass ich mich hinter klugen Sätzen verstecke und wenig Konsequenzen daraus ziehe, wenn mir etwas an der Gesellschaft, in der ich lebe, problematisch erscheint oder sogar weh tut.“

Allerdings, das gibt er gerne zu, hat er sich für die Texte dieser beiden Songs nicht alleine aus dem Fenster gelehnt. „Ich habe dafür mit zwei Freunden zusammengearbeitet, die beide viel Erfahrung beim Texteschreiben haben, um mir etwas Selbstbewusstsein zu holen. Denn für Zeilen wie ,Flüchtlingskrise fühlt sich an wie Reichstagsbrand, auch wenn ich das nicht vergleichen kann’ – da brauche ich Leute, die mir sagen, dass das eine geile Zeile ist, um es zu glauben. Ganz alleine in meinem Stübchen zu sitzen und zu wissen, etwas ist gut, ist schwierig für mich.“

AnnenMayKantereit live in Österreich

4. und 5. 4. Graz/Helmut List Halle, 6. 4. Innsbruck/Congress Saal Dogana, 23. bis 25. 5. Wien/Arena Open Air. Alle Konzerte sind ausverkauft.

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