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Kultur
10/11/2020

Heino Ferch über Mafia: "Hass und Schmerz über Generationen"

Heino Ferch ermittelt als Hauptkommissar Ingo Thiel im Mafia-Sumpf: "Die Spur der Mörder" - am 12. Oktober um 20.15 Uhr im ZDF. Der Schauspieler im Interview.

von Marco Weise

Basierend auf dem wahren Fall der Mafiamorde von Duisburg (2007) kehrt Heino Ferch nach „Ein Kind wird gesucht“ als Hauptkommissar Ingo Thiel zurück. Diesmal muss er mit seiner Sonderkommission einen kaltblütigen Mehrfachmord aufklären, der ihn hinter die Fassade der verborgenen Mafia-Aktivitäten blicken lässt. Unterstützung erhält er dabei von der Interpol-Ermittlerin Carla Orlando (Verena Altenberger). Die Spuren führen die beiden schließlich bis zu den Wurzeln der ’Ndrangheta nach Kalabrien.

KURIER: Was zeichnet diese Krimireihe aus?
Heino Ferch:
Das Besondere an der Reihe ist, dass ich einen Menschen spiele, den es wirklich gibt. Kriminalhauptkommissar Ingo Thiel. Ein Ermittlerstar in Deutschland, der eine Aufklärungsrate von 99,8 Prozent hat. Ein unglaublich sturer, penetranter, kettenrauchender Ermittler, der so lange die Nadel im Heuhaufen sucht, bis er sie findet. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, sich mit der Obrigkeit anzulegen. Er bohrt so lange nach, bis der Dreck an die Oberfläche kommt.

Wie viel Ingo Thiel sind Sie während der Dreharbeiten?
So viel es geht. Ich bin immer wieder im Austausch mit ihm und versuche das alles zu transportieren, was er verkörpert, was ihn ausmacht. Da ich nicht rauche, muss ich mir die Kräuterzigaretten stangenweise runterziehen. Ich versuche, diesem Menschen so gut es geht, gerecht zu werden.

Arbeitet Ingo Thiel bei den Drehbüchern mit?
Ja, er ist ständig im Austausch mit dem Regisseur, den Autoren, Produzenten und mit mir. Er ist sehr darauf bedacht, dass alles so gezeigt wird, wie es tatsächlich ist beziehungsweise bei den Fällen abgelaufen ist. Wir wollten mit der Krimireihe ein True Crime-Format schaffen, eine Alternative zu den ganzen Krimis, die es mittlerweile gibt und die mit der Realität oft nicht viel gemein haben. Wir wollen die Polizeiarbeit so pur wie möglich transportieren. Wir wollen es so zeigen, wie es tatsächlich ist, wie Kriminalkommissare denken und arbeiten.

Gedreht wurde auch in Kalabrien, in der die 'Ndrangheta ihren Ursprung und Einfluss hat. Gab es da Zwischenfälle bzw. wurde man vielleicht sogar bedroht?
Vor Drehbeginn in Kalabrien gab es eine groß angelegte und länderübergreifende Razzia gegen die ’Ndrangheta mit unzähligen Verhaftungen. Nicht unbedingt das beste Timing, wenn man einen Anti-Mafia-Film in Kalabrien drehen will (lacht). Wir waren natürlich etwas nervös, haben uns gefragt, ob es nicht zu gefährlich sei, in Kalabrien zu drehen. Aber wir haben uns dann dafür entschieden. Wir waren schon alle etwas nervös und hatten einen großen Respekt. Die italienische Produktionsfirma hat für Sicherheit gesorgt und vor Ort auch mit den Leuten kommuniziert, die sich für unsere Arbeit interessiert haben.

Welche Eindrücke haben Sie von dem Dreh in Kalabrien mitgenommen?

Dass nur zwei Flugstunden südlich von Deutschland eine Art Wild-West-Situation herrscht, damit habe ich nicht gerechnet. Was ich im Rahmen der Dreharbeiten gesehen habe, hat mich schon schockiert. Es gibt eine unheimlich kaputte Struktur, das öffentliche Leben ist verrottet, alles ist total runtergewirtschaftet. Vor allem ist mir die Verwahrlosung der Region extrem ins Auge gefallen. Da sind ganze Straßenzüge verrottet und voller tiefer Schlaglöcher und die Müllentsorgung funktioniert nicht. Straßenschilder mit Einschusslöchern, so wie man sie in unserem Film sieht, habe ich wirklich gesehen. Die Mafia greift das ganze Geld ab, da bleibt nichts für die Kommune übrig.

Bekommt man von diversen Mafia-Strukturen auch in Deutschland etwas mit?

Natürlich hat man auch in Deutschland in gewissen Lokalen und Situation schon einmal das Gefühl gehabt, dass da etwas im Hintergrund läuft – eine Pizzeria nicht nur Essen verkauft, sondern vielleicht noch andere Geschäfte im Hintergrund abwickelt, Gelder wäscht und so Sachen. Und natürlich kenne ich diesen Klischee-Spruch, dass alle Italiener Schutzgeld bezahlen müssen, dem ich aber keine besondere Bedeutung zugemessen habe. Nach dem Film und nachdem ich mich mit der Thematik auseinandergesetzt habe, sehe ich die Dinge mit anderen Augen. Da bekommt man schon eher ein Gefühl dafür, warum da so dicke Karossen vor der Tür stehen, obwohl es sich nur um eine einfache Pizzabude handelt.

Kann man der Mafia irgendetwas Gutes abgewinnen?

Nein. Es ist erschreckend, wie die Menschen unter dem Einfluss der Mafia leiden. Viele haben bereits Familienangehörige verloren, haben Angst, schweigen. Hass und Schmerz über Generationen. Es gibt einen paradoxen Ehrenkodex, nichts zu sagen. Man kann der Mafia überhaupt nichts Positives abgewinnen. Das was einem Hollywood im Allgemeinen und zum Beispiel Martin Scorsese im Speziellen liefert, sind zwar tolle Geschichten, aber hat mit der Realität nicht viel zu tun.

Im Jänner verstarb Regisseur Urs Egger. Wie geht es mit der Krimireihe weiter?

Wir beginnen soeben mit den Dreharbeiten zum dritten Fall. Der Dreh wurde mehrfach verschoben, anfangs weil es Urs Egger nicht gut ging und dann wegen Corona. Regie führt nun Markus Imboden. Er hat die Arbeit von Urs Egger übernommen, mit dem wir bereits alles geplant und durchgesprochen hatten.

Pizza und Morde - "Die Spur der Mörder"

Fernsehfilm
„Die Spur der Mörder“ (Montag, 12. Oktober, 20.15, ZDF) ist der zweite Einsatz von  Heino Ferch in der Rolle des polizeiberühmten nordrhein-westfälischen Kommissars Ingo Thiel. Der Film ist  auch  die letzte Arbeit des   heuer verstorbenen Regisseurs Urs Egger. Der Fernsehfilm steht dann auch in der ZDF-Mediathek zum Abruf bereit. 

'Ndrangheta
Die in der süditalienischen Region Kalabrien gegründete Mafia ist auf allen fünf Kontinenten vertreten. Ihr wichtigster Erwerbszweig ist der Kokainhandel. Gewaschen wird das Drogengeld über Hotels und die Gastronomie.

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