Szene aus dem Film: Ausgerechnet am Tag des Attentats war der Fahrer von Yitzhak Rabin nicht über die Notfallsroute ins Spital informiert

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Viennale
10/19/2015

Heikler Film in Zeiten des Aufruhrs

"Rabin, The Last Day" von Amos Gitais über das Attentat auf Yitzhak Rabin

Einen Film, der für heftige Kontroversen sorgen wird, zeigt die Viennale am Freitag (23.10. 20:30 im Gartenbau): "Rabin, The Last Day" von Amos Gitais greift frontal die israelische Rechte an.

Zwanzig Jahre ist es her, dass Israels Premierminister Yitzhak Rabin bei einer Friedenskundgebung in Tel Aviv von dem jüdischen Rechtsextremisten Jigal ermordet wurde. Ein Anschlag, der nicht nur Israel mit einem Schlag veränderte. In seiner filmischen Aufarbeitung des politisch motivierten Kriminalfalls vermischt der auf heikle Themen spezialisierte israelische Regisseur Re-Enactment mit Dokumentaraufnahmen der damaligen Ereignisse. Man fühlt sich an Oliver Stones "JFK" erinnert, wobei aber Gitais Doku-Fiction viel nüchterner daherkommt und gerade deshalb besonders verstörend wirkt.

Extremismus

So zeigt er etwa Rabins 25-jährigen Mörder beim Besuch religiöser Versammlungen, bei denen extremistische Rabbis den Premier wegen der Räumung des Gazastreifens des Verrats an Gottes Volk bezichtigen. Gitai zeigt auch das Chaos, das bei der Friedenskundgebung am 4. November 1995 in Tel Aviv herrschte: Rabins Fahrer wurde ausgerechnet an diesem Tag nicht über eine Notfallroute zur nächsten Klinik informiert. Trotz all dieser irritierenden Details nährt "Rabin, The Last Day" keine Verschwörungstheorie.

Für Gitai ist "Rabin, The Last Day" ein sehr persönlicher Film. Er hatte Israel nach dem Libanonkrieg 1982 verlassen und war erst nach Rabins Wahl 1992 zurückgekehrt. Um Zeuge des Friedensprozesses zu sein, hatte er Rabin mit der Kamera zu den Verhandlungen um das Oslo-Abkommen begleitet. Yitzhak Rabin und Jassir Arafat bekamen dafür den Friedensnobelpreis. Eine Friedenshoffnung, die durch die Ermordung Rabins zunichte gemacht wurde.

KURIER: Man bekommt den Eindruck, dass die Fundamentalisten dieser Welt irgendwie zusammenarbeiten – egal welcher Religion sie angehören.

Amos Gitai: Ja, man hat tatsächlich den Eindruck, dass die Fundamentalisten der einzelnen Religionen weltweit die stabilste Koalition bilden. Mit ihren destruktiven Kräften verändern sie vom Nahen Osten aus auch den Rest dieser Welt – und das keinesfalls zum Besten. Und Menschen wie Rabin, die im Kampf um eine friedlichere Welt zu Kompromissen bereit sind, kommen den Fundamentalisten aller Lager in die Quere. Extreme palästinensische Nationalisten halten sich für legitimiert, Israelis anzugreifen – und die extrem rechten Kräfte in Israel fühlen sich berechtigt, mit scharfer Munition zurückzuschießen. So wie sie seinerzeit auf Rabin geschossen haben.

Wollten Sie mit Ihrem Film zeigen, wie Gewalt eskalieren kann, wenn man nichts dagegen unternimmt?

Das kann man so sehen. Rabins Ermordung sind verbale Attacken vorausgegangen. Wir haben uns an sprachliche Gewalt schon so gewöhnt, dass wir kaum darauf reagieren. Auch den Hinrichtungen durch den IS sind verbale Drohungen und Angriffe gegen sogenannte "Ungläubige" vorausgegangen. Offenbar führt die Sprache der Gewalt auch zu physischer Gewalt. Wir müssen wachsam bleiben, dass unsere Alltagssprache nicht verroht.

Haben Sie manchmal Angst um Ihr eigenes Leben?

Ich versuche, aus der Erfahrung von Rabin zu lernen und entsprechend vorsichtiger zu sein.

Indem Sie so einen Film machen?

Dieser Film ist tatsächlich alles andere als vorsichtig, da haben Sie recht. Aber was soll man tun? Es gibt Zeiten, in denen man den Mund aufmachen muss. Und jetzt ist so eine Zeit.

Hat es rund um diesen Film bereits Drohungen gegen Sie gegeben?

Die Situation in Israel und im Nahen Osten ist gerade besonders angespannt. Der Film wurde aber dort noch nicht gezeigt. Er wird in Tel Aviv am 4. November Premiere haben – am 20. Jahrestag des Attentats – und dann werden Sie sicher erfahren, was rund um diesen Film passiert.

Von Gabriele Flossmann

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