Im Arsenal untergebracht: das Heeresgeschichtliche Museum

© APA/HERBERT NEUBAUER

Kultur
10/23/2020

Heeresgeschichtliches Museum: Bastion unter schwerem Beschuss

Der Rechnungshof übt massive Kritik, Ministerin Tanner ortet Handlungsbedarf, der Direktorsposten wird neu ausgeschrieben

von Thomas Trenkler

Heuer gibt es coronabedingt keine Leistungsschau des Bundesheeres auf dem Heldenplatz. Doch der Rechnungshof (RH) sprang ein: Am Freitag, drei Tage vor dem Nationalfeiertag, veröffentlichte er seinen Bericht über das Heeresgeschichtliche Museum (HGM), das ja eine nachgeordnete Dienststelle des Verteidigungsministeriums ist. Und diese penible Leistungsschau bestätigt alle Vermutungen: Selten fiel im Kulturbereich ein RH-Bericht desaströser aus.

Der überprüfte Zeitraum umfasst die Jahre 2014 bis 2018, der RH berücksichtigt aber punktuell auch die Zeit davor. Eigentlich müsste man sehr weit zurückgehen in der Geschichte. Denn das Ministerium verteidigte immerzu seine Bastion, in der die Monarchie, der Austrofaschismus und die NS-Zeit eher glorifiziert denn kritisch beleuchtet werden. So sträubte man sich schon Ende des letzten Jahrtausends, das HGM auszugliedern (wie die übrigen Bundesmuseen).

Nach der Pensionierung von Manfried Rauchensteiner im Jahr 2005 wurde Christian Ortner Direktor im Arsenal. Damals war Günther Platter, nun Landeshauptmann von Tirol (ÖVP), Verteidigungsminister. Zunächst schien es, als würde Ortner einen Modernisierungsschub einleiten. Doch mit der Zeit breitete sich im Museum eine rechte Gesinnung aus.

Ein krankes Museum

Das hatte enorme Auswirkungen auf die Mitarbeiter: Sie waren im Durchschnitt zwischen 27 und 52 Tagen pro Jahr krank (österreichweit waren Erwerbstätige 2019 im Schnitt 13,3 Tage im Krankenstand). Ein Grund dürften, wie der heerespsychologische Dienst erhob, psychische Belastungen gewesen sein. Und eine Kommission stellte eine tendenziöse Darstellung der Militärgeschichte fest. Ortner blieb dennoch Direktor.

Nach Platter waren ein Jahrzehnt lang die SPÖ-Politiker Norbert Darabos (ab 2007), Gerald Klug (2013 bis 2016) und Hans Peter Doskozil (bis Ende 2017) zuständig. Dann folgte Mario Kunasek von der FPÖ (bis Mai 2019). Das Debakel, über das der RH berichtet, haben also alle drei Parteien zu verantworten.

Wir lesen staunend: In der Verwaltung und Führung „zeigten sich zahlreiche und teils gravierende Mängel und Missstände, wie etwa wiederholtes Nichtbeachten rechtlicher Vorschriften“. Das Ministerium nahm seine „Dienst- und Fachaufsicht nur unzureichend wahr“, es gab keine Regelungen zu Compliance und Risikomanagement.

Das HGM konnte die Details der eigenen finanziellen Gebarung nicht nachvollziehbar zur Verfügung stellen, die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern sowie die Anzahl der zahlenden Besucher nicht schlüssig belegen. Es verfügte über keine strategische Planung und damit auch über kein Entwicklungskonzept.

Das HGM gab an, schätzungsweise über 1,2 Millionen Sammlungsobjekte zu verfügen. „Eine genaue Angabe war nicht möglich, weil seit Ende des Zweiten Weltkriegs keine vollständige Aktualisierung des Inventars erfolgt war.“ Teile des Sammlungsbestands, wie etwa drei Briefe von Egon Schiele aus dem Jahr 1918 an den damaligen Museumsdirektor, waren nicht auffindbar. Drei winzigkleine Schützenpanzer Saurer und vier Jagdpanzer Kürassier wurden nicht inventarisiert, obwohl sie bereits 2008 und 2011 übergeben worden waren. Und: Das HGM kaufte 54 Objekte aus dem Eigentum des Direktors und seines Stellvertreters.

Schützenpanzer hinter Vorhängeschloss

Die Depots entsprachen nicht den konservatorischen Anforderungen: „Damit war eine Schädigung von unersetzbaren Sammlungsobjekten nicht auszuschließen.“ In Zwölfaxing lagerte das HGM eine funktionsfähige Maschinenkanone und einen betriebsbereiten Schützenpanzer – „nur durch ein Vorhängeschloss gesichert“.

Und so weiter.

Die gegenseitigen Schuldzuweisungen ließen nicht lange auf sich warten: Für die ÖVP ist der RH-Bericht ein Zeugnis für „das Versagen der rot-blauen Verteidigungsminister der letzten Jahre“, die Grünen sehen Doskozil und Kunasek in der Verantwortung. Thomas Drozda, Kultursprecher der SPÖ, hingegen meinte, dass Klaudia Tanner (ÖVP) „bei den versprochenen Reformbemühungen“ gescheitert sei. Sie solle das Museum daher dem Kulturressort übertragen.

Ein schweigender Chef

Tanner ist jedoch erst seit Jänner Verteidigungsministerin. Sie sprach nun von einem enormen Handlungsbedarf, blockte aber ab: „Das Museum wird Teil meines Ressorts bleiben, etwas Gegenteiliges steht nicht zur Debatte.“

Für Eva Blimlinger (Grüne) charakterisieren „Mängel, Missstände, Machenschaften“ die Situation im HGM. „Wenn der RH den Verdacht möglicher strafrechtlich relevanter Tatbestände aufzeigt, muss schon wirklich Feuer am Dach sein.“ Ihrer Meinung nach führe wohl kein Weg an einer Suspendierung Ortners vorbei. Die FPÖ kritisierte postwendend diese „hysterische Forderung“. Laut Tanner erfolge eine Neuausschreibung in Kürze. Ortner selbst hüllte sich in Schweigen.

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