Sopranistin Hedwig Ritter: „Social Media ist gefährlich und unkünstlerisch“
Hedwig Ritter (re.) als Giulietta in "Hoffmans Erzählungen", Premiere ist am Sonntag in der Volksoper.
Hedwig Ritter erlebt gerade die Magie des Theaters am eigenen Leib – und zwar ganz buchstäblich: Ihr Kostüm als Giulietta in „Hoffmanns Erzählungen“ „schaut nämlich richtig nackt aus und fühlt sich total angezogen an“. Das passt, spielt sie doch die Kurtisane, die Hoffmanns Spiegelbild stehlen soll. Die Oper von Jacques Offenbach feiert am Sonntag in der Volksoper Premiere, in der Regie von Direktorin Lotte de Beer.
Hedwig Ritter findet viel Aktualität in der Oper und auch beim Dichter Hoffmann: „Wie haben heute ganz viele Rollenbilder im Kopf, wie was zu sein hat. Wenn man auf Social Media schaut, gibt es ja unzählige Postings mit Listen: ,An diesen fünf Zeichen, erkennst du, dass er dich wirklich liebt‘. Es gibt so viele Schablonen, wir suchen nach einer Anleitung. Hoffmann hat auch diese Rollenbilder, mit denen er versucht, Sicherheit zu kriegen, und schafft es nicht, denn kein Mensch passt in eine Rolle.“
In den sozialen Medien ist Hedwig Ritter vertreten, weil es ihr als aufstrebende Sängerin angeraten wurde. Gern macht sie es nicht: „Das drängt einen in etwas, was mit Singen nichts zu tun hat. Dieses Gefühl von Gefallen-Wollen und das Schauen, wer was mag. Das ist beim Singen eher hinderlich, wenn ich das da mache, finde ich mich nie. Deswegen finde ich es gefährlich und unkünstlerisch.“
Potenziell viral
Dabei hätte sie zwei potenzielle Nebendarsteller für einen viralen Internetauftritt zu Hause: ihre beiden Kater Erwin und Karl. Die sind musikalisch – mit Bedingungen. „Wenn ich sanfte Sachen singe, merke ich, dass sie richtig entspannen und meine Nähe suchen. Aber wenn ich mich gescheit einsinge für etwas wie die Giulietta, dann flüchten sie.“
Seit einem Schweigeseminar mit Reizentzug, bei dem nicht nur Sprechen verboten, sondern selbst das Lesen von Etiketten etwa auf Wasserflaschen nicht gern gesehen war, weiß Ritter, wie sehr sich Dauerberieselung auf die Wahrnehmung auswirkt. Auch bei Opernbesuchern, wie sie beobachtet hat: „Ich höre eigentlich fast nur alte Aufnahmen. Damals gab es Zwischenappläuse, weil etwas Tolles passiert ist auf der Bühne, wo die unterbrechen mussten. Das habe ich noch nicht live erlebt, wenn ich zuschauen war. Ich denke, früher war die Oper ein Highlight im Tag. Heute ist sie das nicht mehr, weil wir so vollgestopft werden.“
Das Gegenmittel für den ewigen Griff zum Handy, wenn man nur am Rande der Langeweile landet, ist für Ritter übrigens – die Oper. „Ein ,Siegfried‘ ist nicht fünf Stunden lang superinteressant. Aber man muss präsent bleiben, auch wenn man gerade keinen Bock hat. Weil dann wieder etwas kommt und das hätte man verpasst, wenn man nicht geblieben wäre. Oder zum Beispiel der ,Rosenkavalier‘: Der Schluss ist so toll, auch weil man davor schon drei Stunden drin gesessen ist.“
Ausprobieren kann man das mit Hedwig Ritters Hilfe auch in der nächsten Saison in der Volksoper: Da ist sie in den Wiederaufnahmen von „La Bohème“ und „Salome“ zu sehen und hören.
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