Kultur
24.07.2018

Haydn mit Popcorn: Ein großer Abend im Opern-Kino

Münchener Opernfestspiele: ​​​Axel Ranisch bringt bei „Orlando Paladino“ zwei Genres phänomenal zusammen.

Die Geschichte der 1782 auf Schloss Eszterháza uraufgeführten Oper ist, naja, leicht antiquiert und nach heutigen dramaturgischen Gesichtspunkten bedingt bühnentauglich: Ein Paar liebt einander, wird jedoch an der glückseligen Liebesausübung vom vor Eifersucht rasenden Roland gehindert; ein durchgeknallter König versucht den beiden zur Hilfe zu kommen, indem er alles, was sie bedroht, niederzumetzeln bereit ist; wirklich Hilfe bringt aber erst die Zauberin Alcina, die mit diesem Roland, also Orlando, die seltsamsten Dinge anstellt. So weit, so gut, so Haydn. Viel Spaß, liebe Regisseure, mit diesem Plot.

Die Inszenierung

Axel Ranisch, ein junger deutscher Filmemacher, versucht erst gar nicht, die Geschichte (Libretto: Nunziato Porta) präzise nachzuerzählen. Er setzt auf einen bestechenden Kunstgriff, der so gut funktioniert, wie es zumindest der Autor dieser Zeilen noch nicht erlebt hat: die endgültige Verschmelzung von Film und Oper.

Man hat ja gerade in diesem Bemühen schon einiges gesehen, ein paar im Hintergrund ablaufende Filme, einige Videosequenzen, mittlerweile alles alte Hüte. Ranisch jedoch hat eine Rahmenhandlung konstruiert und diese konsequent mit der Haydn-Oper verknüpft: Das Ehepaar Herz (fabelhaft in ihren stummen Rollen: die Schauspieler Gabi Herz und Heiko Pinkowski) führt das wunderbar-altmodische Herz-Kino und träumt sich dort immer wieder in die Handlungen auf der Leinwand. Beide sehnen sich nach Affären, jeweils übrigens mit Männern. Im Kino gibt’s eine Unmenge an Popcorn, heimliche Projektionskammerln – und eine Leinwand, auf der „ Orlando Paladino“ als Stummfilm abläuft.

Selbstverständlich hat Ranisch mit den Protagonisten dafür eigene Filme gedreht, die Sängerinnen und Sänger treten immer wieder aus der Leinwand, die Liebeswirren und die Kämpfe erlebt man im Foyer des Kinos. Natürlich ist manches an den Haaren herbeigezogen, aber diese Inszenierung ist insgesamt enorm komisch, kurzweilig und klug. Und ganz nebenbei bietet Ranisch einen Ansatz zur Lösung eines der größten Probleme im Opernbetrieb: die nicht immer ausgeprägten schauspielerischen Qualitäten von Sängern bzw. die Versäumnisse von Regisseuren, die vorhandenen optimal einzusetzen.

Die Sänger, der Dirigent

Die letzte Neuproduktion der Münchner Opernfestspiele erweckt im Prinzregententheater den Eindruck, als hätten alle Beteiligte Riesenspaß. Und auch gesungen wird gut: von Adela Zaharia als Angelica, von Edwin Crossley-Mercer als Rodomonte, von Mathias Vidal als Orlando, Dovlet Nurgeldiyev als Medoro, Elena Sancho Pereg als Eurilla, David Portillo als Pasquale, Tara Erraught als Alcina und François Lis als Caronte.

Die Interpretation von Ivor Bolton am Pult des Münchener Kammerorchesters passt zur frechen, aber doch tiefgründigen Lesart des Regisseurs und legt die musikalische Genialität der Haydn-Oper wieder einmal frei. So packend kann ein (inhaltlich) alter Schinken sein. Und Axel Ranisch hätte mit seiner Interpretation der Superhelden eine Oscar-Nominierung verdient, für das beste adaptierte Drehbuch.