© Hans Platzgumer

Interview
10/14/2019

Hans Platzgumer. "Die Zeit läuft uns davon"

Der Musiker und Autor erzählt in seinem neuen Buch davon, warum es uns auch gut gehen darf. Ein Interview über John Lennon, Greta Thunberg, Populisten und das Gesellschaftsklima.

von Marco Weise

Hans Platzgumers neues Werk „Willkommen in meiner Wirklichkeit!“ wäre ohne John Lennon nie entstanden. Denn das neue Buch des Musikers und Autors ist eine Meditation über eine Textzeile, die Lennon hinterlassen hat.

Dear Prudence, won’t you come out and play, the sun is up, the sky is blue, it’s beautiful and so are you. (John Lennon, 1968)

Dieses Zitat ist die Klammer von Hans Platzgumers Streifzug durch die Gegenwart. Ausgehend davon beginnt der Tiroler über die Welt und sich nachzudenken.

KURIER: Was haben Sie im Rahmen der Schreibprozesses über sich und die Welt herausgefunden?

Hans Platzgumer: Ich bin jetzt ein 50 Jahre alter Mann, ein Österreicher noch dazu, da wird die Neigung zum Nörgeln, Stänkern, Schwarzmalen automatisch ungeheuerlich groß. In den letzten Jahren sah ich aber nicht nur mich selbst und viele in meinem Umfeld, sondern ganze Gesellschaften in ein düsteres, zynisches und visionsloses Weltbild fallen. Ich habe wie die meisten von uns das Gefühl, in eine Sackgasse geraten zu sein. Genau diese Perspektivenlosigkeit, in die wir gerutscht sind, wollte ich analysieren und herausfinden, wo und wie ein Umdenken stattfinden kann.

John Lennon spielt eine große Rolle in Ihrem Roman. Ein Vorbild für Sie?

Ich habe Idole immer verweigert. Jeder große Künstler hat auch des Öfteren daneben gegriffen und Misslungenes produziert. Also lasse ich mich zwar von so manchem Einzelwerk begeistern, bin aber kein grundsätzlicher Fan von diesem oder jenem Star. Nur bei John Lennon leiste ich mir den Luxus, eine Ausnahme zu machen. Als er noch lebte, hatte ich ihn als alten Hippie abgeschrieben. Doch mittlerweile erkenne ich in ihm eine ungemein wichtige Inspiration, künstlerisch und politisch. Gerade heutzutage bräuchte die Welt wieder ein „Imagine“, einen Träumer, der seine Träume von einer besseren Welt in der wirklichen Realität umzusetzen versucht.

Sie beschäftigen sich in Ihrem Roman mit der vom Menschen verursachten Erderwärmung. Wie beurteilen Sie die aktuelle Debatte?

Als Menschheit sind wir immer wieder äußerst lächerlich. Wir begreifen zuerst ewig lange nicht, was wir eigentlich tun, dann fällt es einigen auf, denen aber fast niemand zuhört, dann verweigern wir das Offensichtliche, so lange es nur irgendwie geht, teils aus Bequemlichkeit, teils um aus momentanen Situationen kurzsichtigen Profit zu schlagen, und dann plötzlich, wenn es quasi schon zu spät ist, verfallen alle in eine Massenhysterie. In dieses Stadium scheinen wir mittlerweile wenigstens eingetreten zu sein. Jetzt – dank Greta Thunbergs „Fridays For Future“ – steht mit einem Schlag die Klimakrise ganz oben auf der Agenda.

Ist es nicht erschreckend, dass es eine 16-Jährige, eben Greta Thunberg, braucht, um die Menschheit aufzuwecken, etwas in Gang zu setzen?

Ich finde das nicht erschreckend, sondern es ist ein wunderbares Sinnbild. Eine Teenagerin zeigt den Herrschenden dieser Welt – großteils alten, machtgierigen Männern –, wohin sie uns gebracht haben. Doch sie zeigt es natürlich nicht nur den Herrschenden, sondern hält es uns allen vor die Nase, die wir diese Herrschenden als Herrschende auserkoren haben. Irgendjemand hat sie ja in ihr Amt gewählt. Thunbergs Protest richtet sich an uns alle. Sie hat recht: Wir alle müssen so schnell wie möglich unser Bewusstsein und unseren Lebensstil radikal ändern, unseren gesamten Umgang mit der Welt. Die Zeit läuft uns davon. Wir müssen auf der Stelle anfangen, alles neu zu denken.

 

Noch immer sprechen einige Politiker davon, dass es so etwas wie den von Menschen verursachten Klimawandel gar nicht gibt. Macht Sie das wütend?

Das machte mich vor einigen Jahren noch sehr wütend. Seit einigen Monaten macht mich eher wütend, dass sich jeder plötzlich als Klimaaktivist ausgibt. Es gibt keine Partei, die sich nicht „Klimaschutz“ auf ihre Fahnen schreiben würde. Dadurch droht dieses Wort zur leeren Worthülse, zur Floskel zu verkommen. Nichts braucht die Menschheit im Moment weniger als geheuchelte Klimaschützer.

Einfache Antworten sind oft nicht möglich. Populisten geben sie trotzdem. Ist die Wahrheit den Menschen nicht zumutbar?

Die Wahrheit sollte uns allen immer zumutbar sein, auch wenn sie noch so hässlich sein mag. Doch leider liegt es im Wesen der Wahrheit, dass sie nicht wirklich fassbar ist. Das war sie nie, aber die digitalen Errungenschaften der letzten Jahre lösen die Grenze zwischen Bewiesenem und Behauptetem allmählich vollkommen auf. In einer digital verzerrten Welt kann ich das Analoge vor meiner Haustür dennoch direkt sehen, hören, riechen, schmecken. Das wäre eine Wahrheit, der wir vertrauen und der wir uns stellen können und sollen. Oft aber entscheiden wir uns gegen sie. Das ist ein Dilemma – und ein Grundthema dieses Buchs.

Was muss sich ändern?

Wir müssen ein neues positives Gesellschaftsklima schaffen, kein ausgrenzendes , keines, das auf Neid, Angst und Hass beruht, kein Gegen- sondern Miteinander. Deshalb schlage ich in meinem Buch vor, das nach wie vor existierende Schöne in der Welt in den Fokus zu nehmen. Darauf können wir aufbauen, auf positiver Energie. Wir müssen erkennen, was wir tatsächlich an der Welt haben. Wir müssen die Welt als eine Welt begreifen. Das beweist kaum eine andere Tatsache so beeindruckend wie der menschengemachte Kollaps unseres Klimas.

Zur Person: Der 1969 in Innsbruck geborene Hans Platzgumer feierte als Musiker in den 90er- und 00er-Jahren  beachtliche Erfolge. Er wurde mit seiner in New York angesiedelten Rockband H.P. Zinker 1995 für einen Grammy nominiert; er spielte mit den Goldenen Zitronen  und veröffentlichte zahlreiche Alben – zuletzt  unter dem Namen Convertible. Soeben ist Hans Platzgumers neues Buch erschienen, es ist ein literarisch-biografischer Essay.

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