Rudi Schöller denkt nach.

© Ingo Pertramer

Kritik
02/13/2020

Rudi Schöller: Das Schlimmste sind die Millennials

Kabarettist Rudi Schöller wagt in seinem neuen Programm eine Halbzeitanalyse über sein Leben, ärgert sich über ständig wachsende To-do-Listen und erklärt den IKEA-Effekt.

von Marco Weise

Dass einem das Programmheft Rudi Schöller als "stummen Diener ,Vormärz' von ,Wir sind Kaiser'" schmackhaft macht, mag zwar breitenwirksam sein, aber es ist unfair. Rudi Schöller gegenüber. Denn der gebürtige Oberösterreicher hat sich längst von dieser Rolle befreit, was er am Mittwochabend bei der Premiere seines neuen Programms im Kabarett Niedermair bestätigte.

Zum Fußball-Fangesang „Es gibt nur einen Rudi Völler“ betritt er die Bühne, weil er als Kind immer Rudi Schöller statt Rudi Völler verstanden hat. Daher war auch klar, die Halbzeitanalyse seines Lebens muss „Es gibt nur einen Rudi Schöller“ heißen.

 

Der gelungene und gscheite Abend dauert zirka so lange wie ein Fußballspiel: 90 Minuten plus ordentlicher Nachspielzeit. Verständlich also, dass dabei auch billige Wuchteln, Schöller nennt sie selbst Häuslschmähs, geschoben werden. Er versteht etwa nicht, warum wir, also die Österreicher, ihre Nationalmannschaft, die sich selten für eine EURO oder WM qualifiziert und noch nie einen Titel gewonnen hat, mit „Immer wieder, immer wieder Österreich“ anfeuern. Das sei doch skurril.
Aber die Schweizer sind mit ihrem „knappen, sparsamen und hinterlistigen „Hopp, Schwiiz“ nicht besser. Oder die Franzosen mit „Allez les Bleus“. "Das klingt so, also würde man einen Schimmelkäse beim Schimmeln anfeuern."

Nach der lockern Aufwärmphase wird es intimer: Rudi Schöller denkt ruhig auf der Bühne sitzend über sich, sein bisheriges Leben und die Gesellschaft nach, die sich seit seiner Kindheit am Land doch verändert hat. Hat man früher eines nach dem anderen gemacht, so muss man plötzlich alles auf einmal und in doppelter Geschwindigkeit erledigen. Aber schon seine Oma wusste: Man kann nicht mit einem Arsch auf zwei Kirtagen tanzen.

Seine To-do-Liste verhält sich übrigens wie ein Regenwurm, "kaum halbiert man sie, wächst doppelt so viel nach". Für alles fehlt ihm die Zeit. Freunde sieht er oft nur in den Sozialen Medien, die er aber gar nicht mag. Denn dort wimmelt es an geschönten Bildern, hochgeladen von Influencerinnen, die Geld damit verdienen, andere zu beeinflussen. Am schlimmsten seinen aber die Millennials. Warum? Das erklärt er danach minutenlang.

Schöller tappt in seinem Programm (Regie: Petra Dobetsberger) aber nicht in die "Früher war alles besser"-Falle, raunzt und sudert das Publikum nicht an. Sondern kommentiert ruhig und gelassen das, was er als Mann, der mittlerweile auf Ü40-Partys gehen darf, so um sich herum sieht. Er erzählt Geschichten, vermengt Philosophisches mit Banalem und erinnert sich immer wieder an seine Oma, die immer "Herr im Haus war". Eine frühe Feministin sei sie gewesen, die Oma, die dem Opa, wenn er mal wieder nicht gespurt hat, einfach Germknödel kochte, weil er die kaum runterbrachte.

 

 

Wallungen
Es geht ums Älterwerden in den 90er-Jahren, um Nachhaltigkeit, das Outfit der AUA-Flugbegleiter und die Beziehungsfalle Couch. Sexstellungen werden mit chinesischem Essen verglichen (schmeckt eh alles gleich) und der IKEA-Effekt erklärt. Alles, was man selber macht, findet man besser. Auch die eigenen Kinder.

Hin und wieder redet er sich in Rage, dabei habe er gar keine Midlifecrisis, nur manchmal überkommen ihn so Wallungen. Dann wird ihm ganz heiß und er versteht die egozentrische, sich selbst belügende, zu Tode optimierende und zunehmend roboterhaft wirkende Menschheit, seine Mitspieler nicht. Dabei spielen wir doch alle in der gleichen Mannschaft.

Für die zweite Halbzeit seines Lebens empfiehlt sich Rudi Schöller selbst: weniger, aber dafür gscheit.

"Es gibt nur einen Rudi Schöller" - bis Ende März jeden Mittwoch im Kabarett Niedermair. Ab 19.30 Uhr. Mehr Termine und Infos finden Sie hier.