Kultur
15.01.2012

Gute-Laune-Abend mit Shakespeare in Graz

Kritik: Der ungarische Regisseur Viktor Bodó inszenierte am Grazer Schauspielhaus einen zauberhaften "Sommernachtstraum".

Es reicht an die Grenze des Unmöglichen, Shakespeares „Sommernachtstraum“ in zweidreiviertel Stunden zu spielen. Noch unglaublicher ist, was Regisseur Viktor Bodó außer dem Text des britischen Barden noch alles in diese 165 Minuten gepackt hat: Schauspieler am Rande des Nervenzusammenbruchs, die aus der Rolle steigen, weil daheim ihre beiden kleinen Kinder speiben.

Streitereien um die bessere Garderobe. Buhlen um Subventionen. Und die Angst des ungarischen Theatermachers, seine derzeitige Regierung könnte der „freien Szene“ im Land endgültig den Geldhahn zudrehen.

Herzstück

Diese, die „freie Szene“, hat Bodó in Form seiner Szputnyik Shipping Company mit nach Graz gebracht und sie klug unters Schauspielhaus-Ensemble gewürfelt. Sie sind das Herzstück seines Abends.
Als nicht durchwegs mit Aufenthaltsgenehmigung versehene Handwerkertruppe sollen sie die Kulisse zu „irgend einem Shakespearestück“ bauen.
Werden aber vom beflissenen steirischen Kulturlandesrat als „Laienspielgruppe mit Migrationshintergrund“ dazu aufgefordert, einen bunten Abend zu gestalten.
Theater auf dem Theater.
„Pyramosch und Thischbi“ – Shakespeare-Kenner wissen’s – soll zur Hochzeit von Athens Herzog Theseus mit der Amazonenkönigin Hippolyta aufgeführt werden.

Deren voreheliche Seelenblähungen sowie der Streit der Elfenkönige Oberon und Titania (beide Paare dargestellt von Jan Thümer und Kata Petö, Zweiteres mit leichtem Horrorfilmtouch) interessieren Bodó nur am Rande.
Er hat den „Sommernachtstraum“ nicht durch einen Freud’schen Fleischwolf gedreht, psychologisiert nicht an den Figuren herum, sondern stellt einen Gute-Laune-Abend hin.
An dem auch die guten Ideen nie ausgehen. Von der Musik (Klaus von Heydenaber komponierte sich von Walzer-, Jazz- bis zu Gespensterklängen), über Tanzeinlagen bis zum Bühnenbild von Pascal Raich. Er verwandelt den Zauberwald in einen Wäscheboden. Von BHs bis zum Leintuch hängt hier Frischgewaschenes zum Trocknen.

Seelen

Zwischen den Wäscheleinen verfangen sich die Parteien im Liebesspiel. Titania und ihr eselsohriger Zettel (Sebastian Reiß). Hermia und Lysander, Helena und Demetrius – wie die Handwerker das Herzstück dieser Arbeit, sind die vier Liebeskranken seine Seele. Simon Käser, Florian Köhler, Katharina Klar und Pia Luise Händler sind nicht die „schönsten“ Schauspieler, die man je in diesen Rollen sah. Doch sie spielen sie formvollendet schön.

Ein derber, herber Puck ist Thomas Frank. Eine Paraderolle für Graz’ „Local Hero“!

KURIER-Wertung: ***** von *****