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© Klaus Tesar

Kritik
09/18/2020

Gunkl-Premiere: Paarhufer, Paviane, Philosophie und Plexiglas

Kabarett-Premieren sind in Corona-Zeiten nicht gerade alltäglich. Günther Paal präsentierte sein neues Programm "So und anders" im gut gefüllten Wiener Stadtsaal.

von Peter Temel

Günther Paal hält Sprache für überschätzt. Das geht zumindest aus seinem dreizehnten Solo-Programm „So und anders - eine abendfüllende Abschweifung“ hervor.

Es beginnt mit dem Satz "Man sollte ab und zu einen Briefträger verprügeln“. Oder besser gesagt: Paal diskutiert mit sich selbst, ob dieser Satz ein glücklich gewählter Beginn für ein Kabarettprogramm sei. Der Satz taugt zumindest zur Beschreibung des Problems, dass im Laufe der Geschichte Überbringer von Botschaften gern für schlechte Nachrichten zur Rechenschaft gezogen wurden. Weswegen es für Sendboten zumindest im Sinne der Vollständigkeit angezeigt gewesen sei, die gute Nachricht vor der allfälligen schlechten loszuwerden.

Paal ist aber total dagegen, Medium und Botschaft miteinander zu verwechseln. „Der Überbringer soll sich nicht so wichtig nehmen“, sagt er. Am zu übermittelnden Faktum ändere die Form der Übermittlung nichts.

Kein Schnickschnack

Paal hält auch jeglichen Bühnen-Schnickschack für überschätzt. Die rote Hose, die Paal bei der Premiere im Wiener Stadtsaal unterm dunkelgrauen Polo trägt, geht da schon fast als Special-Effect durch. Gegangen wird auch nicht. Wie auf dem Bühnenboden festgetackert, unterstützt Paal seine gedrechselten Schachtelsätze und mit der charakteristischen Bassstimme vorgetragenen Wortkaskaden allein durch seine intensive Gestik.

Der albern klingende Bühnenname „Gunkl“ mag auf eine Kunstfigur hindeuten, wirkt aber seit jeher als kurioser Kontrast zum philosophischen Gehalt der Paalschen Betrachtungen. Mit den ausgefeilten Botschaften des „Experten für eh alles“ hat er wenig zu tun.

Und doch ist das immer wieder ausgesprochen lustig. Der verschrobene Witz entsteht durch kontrastierend eingesetzte, mitunter deftige Dialekt-Formulierungen, skurrile Gedankengänge und sinnige Sprachbilder.

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Lieber nicht tanzen

So erklärt Paal zum Beispiel, dass Sprache eh wichtig ist, denn: „Wenn ich das, was ich Ihnen erzählen will, tanzen müsste, würden Generationen an Waldorfpädagogen in den Selbstmord getrieben.“

An anderer Stelle sagt er sogar: "Ich finde Sprache toll: Man hat dauernd was im Mund und wird davon trotzdem nicht dick."

Das Wittgensteinsche Schweigen über das, worüber man nicht sprechen könne, helfe schließlich auch nicht weiter.

Und: Sogar Paarhufer könnten den Gehalt von Konditionalsätzen vermitteln: „Waunn’s is, hau’ i di nieder.“

Pavian-Paarungen

Über das Imponiergehabe in der Tierwelt scheint Paal überhaupt besonders gern zu parlieren. Dscheladas zum Beispiel. Die markanten Fangzänge dieser afrikanischen Paviangattung würden wohl nicht dazu dienen, während des Verzehrs von Grünzeug „Heuschrecken zu überwältigen“. Es gehe schlicht um Angeberei und Auslese. Die Dschelada-Mannsbilder machen die Rechnung aber ohne ihre Weibchen, die sich unabhängig von der Begutachtung der Hauer lieber so manch „kleinwüchsigen Lustknaben“ angeln. Diese würden sich dann aber schnell wieder schleichen, bevor es um die Aufzucht der Jungen geht. Schließlich drohe auch die Gefahr, von den Alphas „aus dem Pelz geprügelt“ zu werden.

Der Mensch könne im Gegensatz dazu aber auch über Dinge reden, „die noch nicht sind“, das nenne man Planung. Oder über Dinge, „die nicht mehr sind“, das ist die Geschichte.

Untergut

Das Abschweifen in die Geschichtswissenschaft setzt an dem Zeitpunkt an, als die Menschen erkennen, dass es „untergut“ ist, „die eigene Wohnhöhle zu latrinieren“. Dann erörtert Paal, dass das Geschichtestudium zu seiner Zeit lediglich eine Aneinanderreihung von Schlachten bot. Das sei so, als würde man bei einer Autofahrt auf der Westautobahn zwischen Wien und Salzburg jede Abzweigung ansteuern, während der Hauptstrom, wo’s wirklich weitergeht, nicht beachtet würde: Der Alltag.

Dass Paal jede noch so unerwartete Abzweigung im Denken ansteuert, macht auch dieses Programm zu einem gehirnzellenfordernden Erlebnis.

Pausenaufgabe

Vor der Pause gibt es noch eine Denkaufgabe: Man möge sich einen außerhalb des unendlichen Raumes gelegenen Punkt denken. Nach der Pause bestätigt sich die Vermutung: Das geht gar nicht, weil man sich ohne räumlichen Bezug nichts vorstellen könne. Man könne höchstens versuchen, sich vorzustellen, dass der Punkt an einem anderen Tag gesetzt wird. Sein Rat: „Aber versuchen Sie’s nicht. Man verhaut sich den Abend!“

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Der Abend im Stadtsaal ist auch im zweiten Teil kein Verhau. Beim Thema Künstliche Intelligenz wird Paal, der ansonsten fast gänzlich ohne Aktualitäten arbeitet (das Wort Corona kommt kein einziges Mal vor), sogar ein bisschen gesellschaftskritisch: „Da kann’s passieren, dass ma uns an’ festen Schas eintreten.“

Pifzi, Pafzi

Zwischen New York und London, erzählt er, wurde vor ein paar Jahren ein neues Glasfaserkabel verlegt, das einen weniger gekrümmten Verlauf hat als das bisherige. Sechs Tausendstel Sekunden würden dadurch eingespart. Für einen Gelegenheitssurfer nicht wahrnehmbar, aber für Börsianer offenbar der entscheidende Vorsprung. Versilbert werde dieser Vorsprung aber nicht von Hochgeschwindigkeitsmausklickern, sondern über künstliche Intelligenz. Wer solche Unterschiede auf der Welt schaffe, brauche sich über kommende Kriege nicht zu wundern. Geführt würden diese dann aber nicht von Kampfrobotern, meint Gunkl.  - „Pifzi, Pafzi.“

Apropos Krieg: Würde der Mensch aus der Geschichte lernen, hätte es nur genau einen Krieg auf der Welt gegeben. Aber schon die alten Chinesen wussten, warum sie ihren Feinden wünschen: „Mögest du in interessanten Zeiten leben.“

Die gegenwärtigen interessanten Zeiten erwähnt Paal nur bei der Verabschiedung nach dem ausgiebigen Schlussapplaus: „Zum Schönsten, dass zwischen Menschen entstehen kann, zählt die Distanz!“

Lachen zwischen Plexiglas

Auf Abstand setzt man im Wiener Stadtsaal auch in diesen orangen Ampeltagen nicht. Der geräumige Saal ist ziemlich gut gefüllt, die verschiedenen Besuchergruppen werden aber durch Plexiglasscheiben voneinander getrennt.

Die Scheiben geben zumindest ein Gefühl gewisser Sicherheit. Und endlich erübrigt sich die Frage, wer als erster mit dem Ellenbogen die Armlehne besetzt.

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Wer keinen Babyelefanten dabei habe, müsse sich einen vorstellen, „das hab ich auch vier Mal g’macht“, sagt Gunkl. Die Premierengäste, die am Weg von und zu den Plätzen diszipliniert die Maske aufsetzen, werden dann noch um Eines gebeten: Bei der Getränkeausgabe nicht zu frottieren.

Dazu scheint aber ohnehin kaum jemand Lust zu haben. Wo es den Ansatz eines Gedränges geben könnte, verläuft es sich recht schnell.

Termine und Tipps: gunkl.at
Infos zum Stadtsaal: stadtsaal.com

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