Gunter Damisch: Leuchtorangeweltfeld (2013, Ausschnitt)

© Greith Haus

Kultur
08/04/2021

Greith-Haus: Die Schöpfungsmaterie des Gunter Damisch

Gerhard Roth präsentiert einen Künstler, der seine insgeheime Weltsicht bestätige. Zu sehen sind Werke aus dem Nachlass

von Thomas Trenkler

Er hätte, sagt der Schriftsteller Gerhard Roth, Gunter Damisch immer schon kennenlernen wollen. „Denn seine Bilder erinnern mich an das, was man beim Blick durchs Mikroskop entdecken kann.“

Und Roth erzählt sogleich von seiner Kindheit in Graz: Das Mikroskop des Vaters, eines Arztes, sei wie der Kaninchenbau bei Lewis Carroll gewesen, in den das Mädchen Alice stürzt – „und sich plötzlich in einer anderen, unerklärlichen Welt befindet“.

Das Mikroskopieren habe ihn geradezu berauscht: „Der Kopf einer Fliege, die Flügel einer Heuschrecke, die Schuppe eines Fisches, das Muster auf einem Schmetterlingsflügel, eine Kirschblüte lösten in mir so etwas wie Halluzinationen und lange Traumphasen aus. Ich musste die Präparate wieder und wieder betrachten und begriff – ohne es zu verstehen –, dass eine für mein Sehvermögen unsichtbare Welt existierte, in der ich keinen Platz hatte.“

 

Später studierte Roth Medizin: „Schon damals, beim histologischen Praktikum, habe ich diese wunderschöne Vielfalt – für mich – ,Schöpfungsmaterie‘ genannt.“ Die Bilder von Gunter Damisch mit all den Flämmlern, Einzellern und Flimmertierchen seien für ihn, sagt der Schriftsteller, „wie eine Bestätigung meiner insgeheimen Weltsicht“ gewesen. Für ihn gibt es eine Verbindung zwischen den Fantasiewelten des Malers und den vergrößerten Präparaten – „auch wenn die Kunsthistoriker das vielleicht nicht so sehen“.

Reise in die Anderswelt

Doch leider, es kam zu keiner persönlichen Begegnung. Denn der sanfte, feinfühlige Künstler, als Grafikprofessor bei den Studierenden an der Akademie der bildenden Künste äußerst beliebt, starb früh an Krebs – am 30. April 2016, wenige Wochen vor seinem 58. Geburtstag. Aber zumindest habe Damisch uns sein wundervolles Universum hinterlassen: Man könne sich in dieses begeben – und in unseren Köpfen bilde sich die Anderswelt, „nach der wir von Kindheit an auf der Suche sind“. Um die Reise auch anderen zu ermöglichen, schlug er vor, im Greith-Haus von St. Ulrich heuer Damisch auszustellen. Roth, der hier, in der südlichen Steiermark, lebt, hatte das postmoderne, im Jahr 2000 eröffnete Kulturzentrum initiiert. Nach wie vor bringt er Ideen ein.

Als Kurator fungierte wieder Günther Holler-Schuster von der Neuen Galerie in Graz (er weiß mit der dominanten Architektur umzugehen): Maria Damisch, die Witwe, ließ ihn frei aus dem umfangreichen Nachlass auswählen. Und so befinden sich in der Schau „Wegverschränkungswelten“ (bis 12. September) viele Arbeiten, die noch nie öffentlich zu sehen waren, darunter großformatige Ölgemälde und die 3,5 Meter hohe Aluminiumskulptur „Flämmlerbogenkonstrukt“ (aus 2012/’13).

 

Nächsten Sommer sollen im Greith-Haus die Venedig-Fotos von Gerhard Roth zu sehen sein. Schließlich feiert der Schriftsteller am 24. Juni 2022 seinen 80. Geburtstag. Kurz davor wird sein Roman „Die Imker“ erscheinen, der an „Landläufiger Tod“ anknüpft und wieder rund um St. Ulrich spielt. „Das Manuskript hab’ ich letzte Woche abgeschickt“, berichtet Roth.

Es sei der erste Teil einer Trilogie (über den Untergang der Welt inklusive einer Jenseitsreise) wie auch ein Resümee seines Autorenlebens – in der Diktion des Erzählers Franz Lindner. Erwin Wurm werde das Buch illustrieren und den Umschlag gestalten.

Und im Sommer 2023 soll eine Retrospektive Franz Grabmayr (1927–2015) folgen: „Ich mag ihn – auch weil er ,ein verrückter Hund‘ war.“

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