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Kultur
10/31/2012

"Grabgeschichten": André Heller bei den Toten

Grillparzer, Klimt, Conrads - André Heller kennt sie alle: In "Grabgeschichten" besucht er mit Dirk Stermann tote Berühmtheiten am Hietzinger Friedhof.

von Alexandra Seibel

Auf dem Hietzinger Friedhof ist André Heller in seinem Element. Jeden Grabstein begrüßt er wie einen alten Bekannten, jede Inschrift inspiriert ihn zu einer neuen Anekdote. Kaum eine Leiche, zu der Heller nicht etwas anzumerken hätte ("Conrad von Hötzendorf! Der Totengräber der Monarchie! Das Ekelbild meines Vaters!") Da bleibt selbst sein Begleiter Dirk Stermann, ansonsten nicht gerade für seine Schweigsamkeit berühmt, eher schmähstad.

In Lukas Sturms kleiner, feiner Doku "Grabgeschichten – André Heller und Dirk Stermann besuchen den Hietzinger Friedhof" stattet Heller – passend zu Allerheiligen – den Toten einen Besuch ab. Mit Stermann im Schlepptau, marschiert er in mildem Licht durch die Grabreihen und verwebt mit der für Heller typischen, erzählerischen Brillanz und einem Hauch von Selbstverliebtheit seine Familiengeschichte mit den Biografien der Toten.

Warum er ausgerechnet auf dem Hietzinger Friedhof wie zu Hause ist, erfahren wir auch gleich: Als fleißiger Ministrant der Hietzinger Kirche begleitete Heller von klein auf viele Begräbnisse und kassierte dafür bei Sonnenschein 30 Groschen pro Leiche, bei Regenwetter 35 Groschen. Diese Tätigkeit habe ihm schon früh eine wichtige Lektion erteilt: "Zeit ist etwas Kostbares."

Viele Prominente der österreichischen Geschichte ruhen in Hietzing: Von der Langzeitgeliebten des Kaisers, Katharina Schratt, über den genialen Architekten Otto Wagner und den Maler Gustav Klimt, bis hin zum goldenen Wienerherz Heinz Conrads. Selbst Grillparzer "kopferlt" dort mit einer unbekannten Dame.

Qualtinger

Dieses gesammelte Wissen ließ Heller übrigens eine Wette gewinnen, die er einst mit Friedrich Torberg schloss. Torberg hatte Stein und Bein darauf darauf geschworen, dass Grillparzer auf dem Zentralfriedhof liege – eine Behauptung, die Heller umgehend widerlegen konnte. Gemeinsam mit Torberg und Helmut Qualtinger trat er den Beweis auf dem Hietzinger Friedhof an und stattete Grillparzer einen Besuch ab. Bei dieser Gelegenheit legte sich der nicht mehr ganz nüchterne Qualtinger übungshalber in ein offenes Grab, aus dem er dann leider nicht mehr von alleine heraus kam. Dem ratlosen Friedhofsgärtner, der wissen wollte, was um Gottes Willen er da unten mache, entgegnete Qualtinger schlagfertig: "Eine Erdkur."

Seitdem sei das ein geflügeltes Wort in seinem Bekanntenkreis, schmunzelt Heller: Wenn jemand sterbe, dann ziehe er den Holzpyjama an und mache eine Erdkur. Denn das Wienerische, wir wissen es ja, ist in seiner Sprachfindung für das Sterben überaus einfallsreich.

Wo Heller selbst gerne begraben wäre, will Stermann schließlich wissen.

Entweder in seinem Park in Marokko – als Dünger, sagt Heller. Oder in einem Ehrengrab am Zentralfriedhof, neben dem Qualtinger. Das hätte den Vorteil, dass sich sein Sohn nicht um die Grabpflege kümmern müsse – denn das übernehme dann die Stadt Wien.

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