© Eleanor Stills/Warner Music

Interview
09/27/2013

Moby: "Glück ist nur Chemie"

Das neue Album "Innocents" hat den typischen Moby-Sound. Im Interview spricht der Musiker über verwundbare Menschen und verwirrende Quantenmechanik.

von Brigitte Schokarth

Mit Künstlern wie Cold Specks, Wayne Coyne und Skylar Grey hat Moby seine neue CD "Innocents" aufgenommen. Und diesmal ließ er diese Mitstreiter nicht nur seine Songs singen, sondern auch an den Texten mitarbeiten. "Ich war wie ein Kurator", erklärt er im Interview mit dem KURIER. "Aber ich musste die Texte lieben, um sie auf das Album zu nehmen." Dass sich dabei trotzdem ein durchgehendes Thema herauskristallisiert hat, schreibt er "meinem Job als Musiker" zu - der Stimmung, die die tonale Basis verbreitet hat und von den Co-Autoren aufgegriffen wurde.

Sie haben das Album „Innocents“ dem Thema „menschliche Verwundbarkeit und Unvollkommenheit“ gewidmet. Wie kam es dazu?

Ich denke, das ist einfach nur eine Reaktion darauf, ein Mensch zu sein. Alles, was wir Menschen wollen, ist eine Bedeutung und einen Sinn im Leben zu finden. Aber durch die Theorie der Quantenmechanik, die Art, wie die unsere Wahrnehmung vom Menschsein erweitert hat, ist diese Sinnfindung sehr verwirrend geworden. Auch dadurch, dass wir jetzt wissen, dass das Universum fast 15 Milliarden Jahre alt ist, so gewaltig groß, dass es über unsere Vorstellungskraft geht, und es keinen Beweis dafür gibt, dass die Menschheit darin irgendeine signifikante Rolle spielt. Und die Reaktionen der Menschen auf diese Existenz faszinieren mich. Denn manche suchen mit Sex und Drogen nach dem Sinn, manche mit Religion, manche mit Politik, manche mit Familie – das ist eine unerschöpfliche Inspirationsquelle.

Wie ist Ihre Art, dieser Existenz zu begegnen?

Als ich auf der Universität war, hatte ich als Hauptfach Philosophie. Da habe ich viele Ansätze von Philosophen vor allem aus der Zeit nach Descartes studiert. Aber ein spezieller Philosophie-Professor hatte ein Konzept, das ich sehr nett fand. Es ist eine Art naiver Realismus, und der ist meine Lebensanschauung geworden: Wenn wir in einem Universum leben, das 15 Milliarden Jahre alt ist, wir aber keinen einzigen Beweis dafür haben, dass das einen Sinn hat und unsere Existenz im Universum eine signifikante Rolle spielt, dann ist das Beste, was wir tun können, unsere eigene subjektive Reaktion auf diese Existenz zu haben. In anderen Worten: Wenn ich in der Mitte der Straße stehe, und es kommt mir ein Bus entgegen, dann kann ich zwar die Theorie nachvollziehen und intellektuell beweisen, dass der Bus gar nicht existiert. Aber ich werde ihm trotzdem aus dem Weg gehen.

Das ist eine gute Idee . . .

Ja, sehr zu empfehlen . . . ha ha ha. Aber wissen Sie, was ich meine? Ich kann es auch so sagen: Wenn ich frisch gepressten Orangensaft trinke, weiß ich zwar, dass das im Universum absolut keine Bedeutung hat, dass weder der, noch ich existieren. Aber ich kann - und ich werde - ihn trotzdem genießen und einfach subjektiv den Moment leben.

Einer der vom Text her interessantesten Songs ist „The Prefect Life“, den Sie mit Wayne Coyne von den Flaming Lips aufgenommen haben. Ist das eine Parodie auf Hippies?

Das ist tatsächlich ein eigenartiger Text. Denn es ist ein Liebeslied, das von einigen meiner Freunde in New York inspiriert ist, die schwer Drogen abhängig sind. Das ist ein Leben, das ich faszinierend finde – nicht auf die positive Art, weil es extrem zerstörerisch ist. Aber wenn Sie oder ich in der Früh aufstehen, dann tun wir das, um Dinge zu machen, die uns irgendwann glücklicher machen. Aber eigentlich ist Glück ein chemischer Prozess im Hirn – mehr Dopamin und Serotonin, weniger Kortisol. Und was Abhängige machen, um dahin zu kommen, ist die Welt komplett auszublenden und direkt die Gehirn-Chemie zu beeinflussen. Das ist eine unendlich traurige, fast schon poetische Reduktion der Existenz.

Sie erzählten mir beim letzten Interview, dass sie aus gesundheitlichen Gründen mit dem Trinken aufgehört haben. Haben Sie damit angefangen, um auch diese Abkürzung zum Glück zu nehmen?

Ich habe mit dem Trinken vor fünf Jahren aufgehört, weil es körperlich nicht mehr ging. Ich war da bei einem Maß von 15 Drinks pro Tag angelangt. Und ja, angefangen habe ich es ganz bestimmt, um mein eigenes perfektes Leben zu finden. Aber was interessant daran ist: Das Trinken ist ganz anders als die Drogensucht. Denn meine Freunde wollten nichts, als alleine mit ihren Drogen in ihrem Zimmer sitzen. Als ich getrunken habe, wollte ich ausgehen, mit Leuten in Kontakt treten, ein soziales Leben haben. Während also die Alkoholsucht gesellig ist, ist die Drogensucht isolierend.

Haben Sie das Video zu „A Case For Shame“ tatsächlich in Ihrem Haus in L.A. gedreht?

Ja, in meinem Pool, in meinem Garten, in meinem Keller – für ein Budget von 150 Dollar. Alles, was es dafür gebraucht hat, war, dass ich in einen Laden in Burbank gefahren bin, der das ganze Jahr lang Halloween-Masken verkauft, und mir für 150 Dollar diese Masken gekauft habe. Das ist das Tolle an den Umwälzungen in der Industrie, daran, dass Videos jetzt zu 90 Prozent auf Kanälen wie Vevo oder YouTube gesehen werden: Dadurch, dass Videos dafür nicht technisch perfekt sein müssen, geht es dabei wieder mehr um die Idee, die Kreativität und die Kunst. Und das befähigt und emanzipiert die Musiker, ihre Songs selbst zu visualisieren.

Sie engagieren sich für den Tierschutz und Umweltorganisationen, stellen auf mobygratis.com kostenlos Musik für Filmemacher zur Verfügung und unterstützen auch viele politische Kampagnen. Weniger bekannt ist Ihre Arbeit für das Institute for Music and Neurologic Function. Was machen Sie da genau?

Das Institut wurde von Oliver Sacks vor ungefähr 30 Jahren gegründet. Sie haben einen anderen Ansatz zur normalen Musik-Therapie, bei der man davon ausgeht, dass wenn man einem Patienten vor, während und nach einer Operation Musik vorspielt, die Operation und die Genesung schneller und besser ablaufen. Dr. Sacks hat darüber hinaus festgestellt, dass Musik eine wirkungsvolle Heilmethode sein kann, die sogar die Bildung von Nervenzellen fördert und dem Gehirn die Möglichkeit gibt, sich neu zu vernetzen.

Schreiben Sie Musik für das Institut?

Nein, denn der Heilungseffekt von Musik ist extrem subjektiv. Wenn man einem 90-Jährigen, der einen Schlaganfall hatte, Musik vorspielt, die einem selbst gefällt, hat das womöglich keinen Effekt. Wenn man ihm aber Bach vorspielt, der ihn schon fasziniert hat, als er 15 war, kann das einen unglaublichen Effekt haben. Deshalb helfe ich dem Institut mit dem Aufbau von Studios, mit dem Beschaffen von Spenden und mache Werbung für diese Arbeit. Denn während man früher dachte, dass das Hirn ab dem Alter von zehn Jahren nur mehr Zellen verliert, weiß man jetzt, dass es bis zu einem Alter von 100 Jahren neue Vernetzungen bilden kann. Das hängt natürlich auch von der Ernährung, dem sozialen Umfeld und dem Sporttreiben ab. Im Prinzip gilt: Ein fröhliches Hirn ist ein gesundes Hirn. Sie haben sogar festgestellt, dass Gehirne von chronisch Depressiven leichter sind, als die von gesunden Personen. Also für mich ist es unglaublich ermutigend, dass wir so viel mehr Kontrolle über die Gesundheit unseres Gehirns haben, als wir bisher gedacht haben.

Veganer, intellektueller Linker

Richard Melville Hall wurde am 11. September 1965 in New York geboren. Er ist der Ur-Ur-Groß-Neffe des Autors Herman Melville. Deshalb bekam er schon in der Schule den Spitznamen Moby, unter dem er in den 90er-Jahren als Musiker berühmt wurde. Er lernte mit zehn Jahren klassische Gitarre und spielte später in Punkbands. Mit dem Dance-Hit „Go“ etablierte er sich als experimentierfreudiger Techno-Musiker und DJ, nahm aber kurz darauf mit „Animal Rights“ ein Punk-Album auf.

Der endgültige Durchbruch gelang ihm 2001 mit dem neun Millionen Mal verkauften Album „Play“, von dem jeder Song in einem Werbespot zu hören war. Mobys Hits inkludieren „Why Does My Heart Feel So Bad“, „Natural Blues“ und „Lift Me Up“.

Der 47-Jährige bezeichnet sich selbst als „veganer, intellektueller Linker“, ist strikter Kriegsgegner, setzt sich für Tier- und Umweltschutz ein und schreibt auf häufig Kommentare und Essays zu politischen und sozialen Themen. In New York betrieb er einige Jahre lang das Cafe „Teany“, in dem vegane Speisen und Tee aus bilogischem Anbau serviert wurden. Anfang 2011 zog er nach Los Angeles, weil viele seiner Künstlerfreunde sich das Leben in New York nicht mehr leisten konnten und er die "kalten, widerlichen Winter" nur mit langen Sauftouren bewältigen konnte.

Auf seinen Alben spielt Moby alle Instrumente selbst. Er arbeitet auch als DJ, Fotograf und Autor. Für sein „perfektes Leben“ braucht er nach eigener Aussage: „Musik, Freunde, Bücher, meine Hunde, die Fähigkeit zu lachen und weniger Selbstkritik“.

Moby: "past and present"

Eine E-Mail mit dem Betreff "Moby" und der Heimadresse an kult@kurier.at reicht. Die Gewinner werden schriftlich verständigt.

Der Depri-Style der Djs

Zeigten wir vor Kurzem die schlimmsten DJ Posen, so geht es dieses Mal um die traurigsten DJ Posen. Jetzt könnte man glauben, diese Vertreter ihres Fachs seien mit der Arbeit und dem Leben überhaupt unzufrieden. Doch die Plattenverleger, die in dieser Geschichte vorkommen, sind durchwegs bekannt und wesentlich erfolgreicher als die Kollegen mit den übertrieben schlechten Posen. Daraus folgend könnte man den Eindruck bekommen, dass Depressionen zum Rüstzeug eines erfolgreichen DJs und Produzenten gehören. Egal, welche Schlussfolgerung man nun ziehen will, all diese DJs schauen auf ihren Promo-Fotos drein, als ob Hund, Katze und Oma gleichzeitig gestorben sind. Gesammelt wurden die Fotos vom Tumblr-Blog "Producers and DJs looking depressed".

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