Autorin Giulia Becker.

© Joseph Strauch

Kultur
05/13/2019

Giulia Becker über den Scheiden-Song, Feminismus und ihr neues Buch

In Böhmermanns "Neo Magazin Royale" sorgte sie mit dem Scheiden-Song für Aufsehen, nun hat Becker ihren ersten Roman geschrieben.

Wirklich überzeugt war Giulia Becker nicht, als sie zum Termin bei Rowohlt fuhr. Beim Hamburger Verlag sollte sie ihre Romanidee vorstellen, aber irgendwie war ihr nichts Gutes eingefallen.

„Als ich im Zug saß, habe ich scherzhaft zu meinem Freund gesagt: Ich könnte jetzt einfach die Notbremse ziehen, auf Wiedersehen sagen und mich vom Roman verabschieden“, erzählt Becker am Telefon. „Dann habe ich darüber nachgedacht, was passieren würde, wenn man das macht.“

Geboren war die Idee, über eine Frau zu schreiben, die die Notbremse zieht. Becker verwarf ihren ursprünglichen Plan und disponierte um. „Ich hab’ dann am Bahnhof die Idee schnell in mein Handy eingesprochen und das drei Stunden später in Hamburg dem Verlag vorgestellt – mit einer erstaunlichen Selbstsicherheit. Und die fanden das irgendwie gut.“

Raus aus dem Zug

Die Frau, die in Beckers Debütroman „Das Leben ist eins der Härtesten“ die Notbremse betätigt, heißt Silke. Sie befreit sich damit nicht nur aus einem völlig überhitzten Regionalzug, sondern beendet so auch ihre toxische Ehe. Weil bei dem Manöver aber mehrere Passagiere verletzt werden, muss sie Sozialstunden in der Bahnhofsmission der Kleinstadt Borken ableisten. Schon seit mehr als 20 Jahren.

Neben Silke wären da noch die alleinstehende Renate, die ihren Kummer über den Tod ihres Malteser-Mischlings mit Homeshopping zu stillen versucht, mit Jersey-Hausanzügen in den Farben Mahagoni-Bordeaux und und Espressobraun-Khaki-Melange.

Der gutmütige Taubenzüchter Willy-Martin, der sich abends bei Pizza Hawaii und Radler in die Welt des Online-Kniffels flüchtet, wo er sich in seine Konkurrentin mit dem Nicknamen „DieKnochenbrecherin“ verliebt.

Und die betagte Frau Goebel, die den Fernseher auf volle Lautstärke dreht, damit die besorgte Nachbarin denkt, es sei alles beim Alten – während sie in Wahrheit nur noch schläft und das Essen, auf das sie schon lange keinen Appetit mehr hat, heimlich im Blumentopf verschwinden lässt.

"Was ich mit 28 Jahren erlebt habe, ist limitiert"

Diese skurrile Truppe schickt Becker auf eine gemeinsame Reise, die ebenso unterhaltsam wie traurig ist. „Es war mir wichtig, dass ich beim Schreiben weit weg von mir gehe, weil das, was ich mit 28 Jahren erlebt habe und erzählen kann, sehr limitiert ist“, sagt Becker.

„Die zehnte Geschichte über eine junge Frau in den Medien, die nicht weiß, wohin in der Welt, und sich von Luxusproblem zu Luxusproblem hangelt, hätte ich sehr langweilig gefunden.“

Unter dem Pseudonym „Schwester Ewald“ beliefert Becker, die in der Nähe der deutschen Stadt Siegen aufgewachsen ist, seit Jahren ihre Fangemeinde auf Twitter mit humorigen bis bissigen Kommentaren.

"Delfine haben kein Gewissen"

Seit 2016 ist Becker Autorin für Jan Böhmermanns Late-Night-Show „Neo Magazin Royale“ bei ZDFneo, schreibt Einspieler für die Sendung und hat dort auch ihre eigenen Rubriken: Als „Frau Dr. Margot Dokthor“ gibt sie etwa fundierte Tierkritiken („Delfine haben kein Gewissen, keine Füße und haben noch nie Steuern gezahlt“). Für Aufsehen sorgte sie aber mit einem ihrer musikalischen Auftritte in der Show.

"Schuld ist meine Scheide"

Im Song „Verdammte Scheide“ parodierte Becker 2016 das Dasein als – bis dahin – einzige Frau in Böhmermanns Autorenteam, kritisierte allgegenwärtigen Sexismus in der Gesellschaft und konstatierte: „Schuld ist meine Scheide“.

Das Lied wurde als Hymne für den Feminismus gefeiert und steuert bei YouTube mittlerweile auf eine Million Aufrufe zu. „Ich habe mit dem Regisseur des Videos gewettet – er hat gesagt, wir knacken die Millionen auf YouTube“, verrät Becker. „Wenn wir es schaffen, dann schulde ich ihm noch einen Kasten Bier – aber da stoße ich gerne mit ihm an.“

"Ich kann's auch ein bisschen genießen"

Ganz so geheuer war ihr die plötzliche Aufmerksamkeit, die sie durch den Song bekam, aber zunächst nicht. Ein Jahr lang gab sie keine Interviews und sah sich die Sache erst einmal aus sicherer Entfernung an. „Ich hab’ gedacht, das ist schon ein ganz guter Song, aber es kam dann auf einmal diese Welle von medialem Interesse auf mich zu – das hat mich wirklich komplett überrollt.“

Dass sie jetzt durch ihren Roman wieder für Interviews angefragt wird und im Mittelpunkt steht, daran habe sie sich mittlerweile gewöhnt: „Ich kann’s tatsächlich auch ein bisschen genießen, was ich vorher nicht gedacht hätte.“

"Feminismus ist ja eine gute Sache"

Ab und zu sei es etwas mühsam, dass sie seit dem Song eher als Feministin wahrgenommen werde, denn als Autorin, „Das ist manchmal ein bisschen nervig, wenn man diesen Stempel drauf hat, aber im Grunde empfinde ich das auch nicht als schlimm. Feminismus ist ja schließlich eine gute und wichtige Sache und ich steh’ da auch gerne dafür. “

Anfang April hat sie beim Kölner Literaturfestival lit.Cologne für ihr Buch den Debütpreis bekommen. Die Geschichten und Personen daraus seien ihr alle in irgendeiner Form schon einmal begegnet: „An der Kasse im Supermarkt, im Café oder beim Amt.“ Der Buchtitel – „Das Leben ist eins der Härtesten“ – kommt jedoch aus ihrem direkten Umfeld: Es ist ein Zitat ihrer Oma.

Becker überlegt gerade, ob sie im Herbst einen neuen Song fürs „Neo Magazin Royale“ machen soll, davor steht aber neben ihrer Lesereise durch Deutschland noch etwas anderes am Programm: „Mein nächstes großes Projekt heißt Urlaub, das ist im Sommer und da arbeite ich sehr präzise drauf hin.“