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Kritik
01/16/2020

Schalkos "Schwere Knochen" im Theater: Gewalt-Groteske mit Längen

Das Volkstheater brachte David Schalkos Roman „Schwere Knochen“ auf die Bühne des MuQua.

von Guido Tartarotti

Das Theater setzt jetzt schon seit geraumer Zeit auf das sogenannte „Dramatisieren“.Filme – und noch öfter Romane – werden zum Theaterstück umgeschrieben.  Aus den Theatern hört man, das sei eine Art Notwehrakt: Gut spielbare neue Stücke gebe es zu wenige (Stichwort: „Textflächen“), die alten sind schon hundertmal inszeniert worden.

Das Problem dabei: Romane sind halt nicht ohne Grund Romane. Anders gesagt: Hätte der Autor ein Stück schreiben wollen, hätte er das ja auch einfach tun können. Romane sind nicht für die Bühne gedacht, sondern für das Theater im Kopf.

Das Volkstheater – erstmals im Ausweichquartier Halle E im MuQua – hat jetzt David Schalkos Roman „Schwere Knochen“ auf die Bühne gebracht, also ein Buch, das erst 2018 erschienen ist.

Unterweltkönig

Auf 570 Zeilen schildert Schalko in dieser gewaltreichen Groteske das Leben des Wiener Unterweltkönigs Frdinand Krutzler, der vor in ärmlichen Verhältnissen aufwächst, im KZ Dachau landet, es dort bis zum Kapo bringt – und nach dem Krieg durch aberwitzige kriminelle Aktionen viel Geld verdient. Ein charmanter, aber brutaler Überlebenskünstler.

Diesen Stoff auf die Bühne zu bringen, ist sehr schwierig, da Schalko mit viel Detailfreude eine große Zahl von Nebenpersonen  und -Handlungen schildert.

Anita Augustin erstellte eine Bühnenhandlung, der man – nicht immer leicht, aber doch – folgen kann. Alexander Charim inszenierte mit viel Freunde an groteskem Humor, manchmal aber auch mit ein wenig anstrengender Langsamkeit und relativ wenig Interesse an den zarten Seiten der Geschichte. Stattdessen wird viel Gewalt zelebriert.

Dennoch gelingen ganz wunderbare Szenen. Etwa die zwischen Krutzler und seiner Geliebten Musch, bei denen die Grenze zwischen Brutalität und Zärtlichkeit nicht mehr erkennbar ist. Höhepunkt des Abends sind die Szenen im KZ, die zur grotesken Clownerie werden.

Das Ensemble spielt großartig und wandlungsfähig (die meisten Schauspieler spielen gleich mehrere Rollen, manchmal stellen sie auch Tiere dar).

Thomas Frank ist beeindruckend als körperlich  wie seelisch verfetteter Unterweltkönig Krutzler, der niemals eine Frau küsst, weil er so viel Nähe nicht erträgt. Ebenso großartig: Isabella Knöll als seine zwischen Verzweilung und Brutalität wechselnde Lebenshassliebe Musch (und in anderen Rollen).

Tolles Ensemble

Stark in weiteren Rollen: Peter Fasching, Sebastian Pass, Lukas Watzl, Matthias Luckey, Andreas Patton, Birgit Stöger und Lisa-Maria Sommerfeld. Es gibt außerdem eine großartige Live-Band, die leider viel zu selten zum Einsatz kommt.

Fazit: Eine teilweise packende, aber mit mehr als drei Stunden Dauer zu lange und  streckenweise zu bemühte Verbrecher-Ballade um einen charismatischen Mann, der seine Gefühle nur mit Gewalt ausdrücken kann.

Vom Premieren-Publikum gab es eher höflichen, als begeisterten Applaus. Der Romanautor war zwar im Publikum anwesend, verbeugte sich aber nicht auf der Bühne.