Der verliebte General

Franz Graf Conrad von Hötzendorf
Foto: ÖNB / Schöfer/ÖNB/Eugen Schöfer Bildnis in Uniform als Feldmarschall.

Serie Teil 3. Einer der wichtigsten k. u. k. Offiziere im Ersten Weltkrieg war durch eine Liebesaffäre nur bedingt handlungsfähig.

Sobald dieser Krieg vorbei ist, schwärmte der General, "werde ich Dich in die Arme schließen und zeitlebens auf Händen tragen". Der diese sehnsuchtsvollen Zeilen schrieb, trug zum gleichen Zeitpunkt die Verantwortung für das Millionenheer der österreichisch-ungarischen Monarchie. Der Brief wurde mitten im Ersten Weltkrieg verfasst. Und zwar von Franz Conrad von Hötzendorf, dem 62-jährigen Generalstabschef der k. u. k. Armee, an seine um 26 Jahre jüngere Geliebte Gina von Reininghaus.

3000 Liebesbriefe

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… Foto: /Kurier Wie sehr war der bis über beide Ohren verliebte General in der Lage, sich um das Kriegsgeschehen zu kümmern, Strategien zu entwickeln, Schlachten vorzubereiten? Diese Fragen sind berechtigt, zumal Conrad als einer der einflussreichsten Offiziere des Ersten Weltkriegs zeitgleich einer schönen, jungen Frau erlegen war. Der General gab sich entflammt wie ein Schulbub und schrieb seiner Angebeteten im Lauf von acht Jahren rund 3000 Briefe, von denen manche bis zu 60 Seiten lang sind. Wie sehr hat ihn diese intensive Beschäftigung vom Kriegführen abgehalten?

Krank vor Sehnsucht

Ein erheblicher Teil der Liebesbriefe entstand während Österreich-Ungarns Armee mit Conrad an der Spitze ums Überleben kämpfte. Die für die Monarchie existenziellen Probleme hinderten ihn nicht daran, Nacht für Nacht an seine Gina zu schreiben. "Ich sehne mich krank nach Dir", gesteht er ihr, und es war seine größte Sorge, mit dem Krieg auch sie zu verlieren.Franz Conrad von Hötzendorf und die mit einem reichen Industriellen aus der steirischen Brauereidynastie verheiratete Virginia "Gina" Reininghaus hatten einander 1907 kennen und lieben gelernt. "Ich suche Deine Nähe", schreibt er, "ich komme mir vor wie ein Gefesselter – diese Trennung ist eine diabolische Grausamkeit". Als Chef des Generalstabs war Conrad von Hötzendorf fast ständig in allen Teilen der Monarchie unterwegs, weshalb die Korrespondenz so umfangreich ist. Seine ersten Schreiben waren noch förmlich an die "Hochverehrte gnädige Frau" gerichtet, doch bald finden sich Briefe, die mit der Ansprache "Mein süsser lieber Traum" abgefasst sind. "Du bist wie ein Verhängnis in mein Leben getreten, ich sah Dich – und widerstandslos folgte ich meinem Geschick." Die Briefe befinden sich – als wertvolle Fundstücke – im Besitz der Familie Reininghaus und im Wiener Kriegsarchiv.

… Foto: /Wikimedia Commons Der da so viel an menschlicher Regung zeigte, war gleichzeitig der beharrlichste Kriegstreiber der Donaumonarchie. Der General lag Kaiser Franz Joseph und Thronfolger Franz Ferdinand ständig in den Ohren, Serbien, Montenegro, Russland, Italien, Rumänien und das Osmanische Reich mit Präventivschlägen anzugreifen und forderte allein im Jahr 1913 nicht weniger als 25 Mal vergeblich, gegen Serbien in den Krieg zu ziehen.Dass dieser Krieg nach den Schüssen von Sarajewo ausbrach, beruht nicht zuletzt auf Conrads Drängen, der als einer der ersten die sofortige Mobilmachung gefordert hat. Tatsächlich gab der anfangs noch zögerliche Kaiser nach und erklärte Serbien den Krieg. "Wenn man die Namen der fünf Männer in Europa nennen wird, die die persönliche Hauptschuld an dem Ausbruch des Krieges haben", formulierte es der Sozialistenführer Otto Bauer nach 1918, "so wird einer von diesen fünf Männern der Feldmarschall Conrad sein".

Das Verhältnis des Generals mit der verheirateten Frau sorgte in Wien für einen gehörigen Skandal. Als Generalstabschef hatte der entfesselte Liebhaber im Ersten Weltkrieg eine entscheidende strategische Position inne, in der er dem Kaiser persönlich unterstellt war. Conrad oblag praktisch die Führung der gesamten Streitmacht.VerwunderungZeitgenossen bezweifelten, ob ein in eine junge Frau vernarrter General, dessen Gedanken oft ganz woanders waren, in der Lage sein konnte, die volle Verantwortung zu tragen. So hielt Maximilian von Hoen, Chef des k. u. k. Kriegspressequartiers, Conrads Beziehung zu Gina von Reininghaus für ein "Anzeichen von Senilität", das seinen Rücktritt erfordert hätte.Im Oktober 1915 wird Ginas Ehe mit dem Industriellen Hans von Reininghaus geschieden, drei Wochen später heiratet sie Conrad von Hötzendorf. Schon als Geliebte war sie tageweise zu ihm ins Hauptquartier des Armee-Oberkommandos gereist, was in Militärkreisen für Verwunderung sorgte. Jetzt, als seine Frau, erstreckten sich die Besuche über Monate, und man munkelte, dass sich Frau von Conrad "in alles einmischte".

Die Entlassung

Nach Franz Josephs Tod enthob der junge Kaiser Karl den Generalstabschef seines Postens. Conrad schrieb nach dem Krieg seine Lebenserinnerungen, in denen er jenen widersprach, die ihm Kriegstreiberei und militärisches Missgeschick vorwarfen und ihm die Schuld am Tod von Millionen Menschen gaben.

Er starb 1925 mit 72 Jahren, seine Frau überlebte ihn um 36 Jahre und starb 1961 im Alter von 81 Jahren.

Das neue Buch von Georg Markus

Der KURIER bringt Auszüge aus dem eben erschienenen Buch von Georg Markus, „Fundstücke“, in dem er historische Geschichten erzählt, die sich aus ihm zugespielten Tagebüchern, Briefen und Dokumenten ergeben. Darunter: „Das Tagebuch des letzten Adjutanten Kaiser Franz Josephs“, „Beethovens einzige Geliebte“, „Frau Alma hatt’ auch einen Pfarrer“, „Der Anfang vom Ende der Donaumonarchie“, „Die geheime Liebe der Anna Sacher“, „Malerfürst und Tochter der Sünde“, „Die Geschichte vor Mayerling“ u. v. a.

Georg Markus: „Fundstücke. Meine Entdeckungsreisen in die Geschichte“, Amalthea Verlag, 280 Seiten, viele Fotos und Dokumente, € 25,- Erhältlich im Buchhandel oder – handsigniert vom Autor – im kurierclub.at

(kurier) Erstellt am
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