© Michael Horowitz

Kultur | Geschichten mit Geschichte
05/23/2019

Familie Lauda: Blaues Blut und rotes Kapperl

Die Vorfahren Laudas wurden einst in den Adelsstand erhoben. Der Familie entstammten ein Arzt und auch ein Berater des Kaisers.

Ich war vielleicht 16, als ich erfahren hab’, dass meine Familie adelig ist, aber darauf hab’ ich immer gepfiffen“. So weit die typisch gleichmütige Antwort des Nikolaus Ritter von Lauda, als ich ihn nach seinen Vorfahren fragte. Das war im Jahr 2010, als ich ein Buch über berühmte österreichische Familien schrieb, in dem die Familie Lauda natürlich ein Kapitel erhielt. Niki Laudas Vorfahren waren bedeutende Industriekapitäne, berühmte Ärzte und kaiserliche Berater.

Ernst Ritter von Lauda

Da war einmal sein Urgroßvater Ernst Ritter von Lauda. Er war zur Zeit Kaiser Franz Josephs als K.-u.-k.-Sektionschef für die Regulierung der Donau verantwortlich, nachdem Wien fast alljährlich von katastrophalen Überschwemmungen heimgesucht wurde. „Die gelungene Flussregulierung war der Grund“, erzählte Niki Lauda, „dass ihn der Kaiser in den erblichen Adelsstand erhob“.

Großvater und Onkel

Auch die beiden Söhne des Ritters von Lauda wurden berühmt. Einer als Arzt, der andere – Nikis Großpapa – als Industrieller mit politischen Ambitionen: Hans Lauda begann als kleiner Angestellter bei den „Veitscher Magnesitwerken“, deren Generaldirektor er 1937 wurde. Im Jahr darauf von den Nazis entlassen, kehrte er nach dem Krieg wieder auf diesen Posten zurück und zählte zu den Wegbereitern der Sozialpartnerschaft und des Wirtschaftswunders. Als Präsident der Industriellenvereinigung war er einer der engsten Mitstreiter der Aufbaugeneration um Bundeskanzler Julius Raab. Und als Präsident des Roten Kreuzes organisierte er 1956 die Hilfe für Tausende Ungarnflüchtlinge. Im Hause Lauda erinnerte man sich noch lange daran, „dass die ganze Familie Kleider sammeln und Pakete schleppen musste“.

Zwei Millionen Schilling

Aus Niki Laudas Sicht waren die Erinnerungen an den allseits geschätzten Großpapa weniger erfreulich: „Er saß im Aufsichtsrat der Ersten österreichischen Spar-Casse, von der ich die prinzipielle Zusage für meinen ersten Sponsorvertrag als Rennfahrer hatte. Als mein Großvater davon erfuhr, ist es ihm gelungen, mir bei der Bank den Geldhahn zuzudrehen. Das Geld war weg, und ich musste, statt gesponsert zu werden, als 19-Jähriger einen Kredit aufnehmen.“ Der Einfluss des mächtigen Großvaters kostete Niki Lauda zwei Millionen Schilling.

Großpapa Laudas um drei Jahre älterer Bruder Ernst – die beiden sahen einander verblüffend ähnlich – ging als „letzter Ritter der Medizin“ in die Geschichte ein. Der Internist wurde 1946 über Nacht zum Vorstand der Ersten Medizinischen Universitätsklinik bestellt, nachdem sein Vorgänger durch Selbstmord aus dem Leben geschieden war. Patienten aus aller Welt flogen an, um sich von Ernst Lauda behandeln zu lassen. Leber, Milz und der Darmbereich zählten zu den Spezialgebieten des berühmten Professors.

„Sicherlich hat mir der großbürgerliche Lebensstil der Familie in meiner Kindheit bis zu einem gewissen Grad auch imponiert“, gestand Niki Lauda, als er aus seiner Familiengeschichte plauderte. „Insbesondere der livrierte Diener in der Herrschaftswohnung meines Großvaters am Schubertring, das Gut bei Hainfeld, der Besitz in St. Moritz und vor allem sein wunderschöner Jaguar, mit dem ich im Garten herumfahren durfte.“

Der steinige Weg

Niki Laudas Vater Peter Lauda setzte die Familientradition fort, wurde Generaldirektor der „Neusiedler Papierfabrik“, verfügte aber nicht über die charismatische Erscheinung des Großvaters. Niki verließ mit 18 die elegante Familienvilla in Wien-Pötzleinsdorf, um in einer winzigen Wohnung in Salzburg zu hausen: „Mir war der steinige Weg lieber, als am fetten Hintern zu sitzen“, verstieß er gegen die guten Sitten jener Gesellschaft, in die er hineingeboren wurde.

Erst die beiden größten Tragödien seines Lebens hatten zur Folge, dass Lauda erkannte, welche Rolle seine Herkunft für ihn spielte: „Nach meinem Unfall am Nürburgring und dem Absturz der Lauda-Air-Maschine über Thailand bin ich wieder aufgestanden, um neue Chancen zu nutzen. Ohne das Rüstzeug, das mir meine Familie mitgegeben hat, hätte ich diese Erfahrungen nicht so bewältigen können.“

Auf der Wirtschaftsseite

Hans Lauda, der Großvater, starb 1974, erfuhr also noch von den ersten Rennsport-Erfolgen seines Enkels. Seine Reaktion war kühl: „Der Niki sollte lieber auf der Wirtschaftsseite der Presse als auf der Sportseite der Kronen Zeitung stehen.“

Der legendäre Großpapa hat’s nicht mehr erlebt, dass sich der Name Niki Lauda samt eigenen Airlines auch auf den Wirtschaftsseiten fand.

Niki Laudas Mutter Elisabeth sagte einmal: „Obwohl das Verhältnis zwischen dem Niki und seinem Großvater immer gespannt war, wäre Hans Lauda heute sicher stolz auf ihn.“

Ich traf Niki Lauda ein Jahr nachdem seine Familiengeschichte erschienen war zufällig in einem Restaurant. „Meine Frau freut sich, dass es das Buch gibt“, meinte er in typischer Lauda-Manier. „Sie hat zu mir gesagt, ohne das Buch hätte sie nie was über meine Familiengeschichte erfahren. Das stimmt, ich hab ihr nämlich so gut wie nie etwas von meiner Familie erzählt.“